Adenauer-Stiftung: Was wäre, wenn Afrikas Regionalmächte erfolgreicher wären?

Adenauer-StiftungSüdafrika, Nigeria und Kenia als potenzielle Motoren für Frieden und Wohlstand

Nigeria, Kenia und Südafrika gehören zu den wichtigsten Regionalmächten in Afrika. Trotz ihrer beachtlichen wirtschaftlichen und politischen Potenziale gelingt es ihnen jedoch nicht, diese auch zu nutzen. Ganz im Gegenteil: Afrika ist die am wenigsten integrierte Region der Weltwirtschaft und steht sicherheitspolitisch vor großen Herausforderungen. Die Bewältigung der zahlreichen innenpolitischen Probleme könnte daher ein erster Schritt sein, jene Hindernisse zu überwinden, die die afrikanischen Regionalmächte bisher davon abhalten, eine bedeutendere Rolle in der globalen Politik zu spielen.


Einleitung

Seit vielen Jahren sind die erfolgreichen Staaten in Afrika die sogenannten Kleinen. In vielen wichtigen Entwicklungsindices stehen die Seychellen, Mauritius und – der „Große“ in der Gruppe – Botswana an der Spitze. Dem Ibrahim Index of African Governance (IIAG) von 2015 zufolge kann neben Mauritius und Botswana der winzige Inselstaat Cabo Verde mit der besten Regierungsführung aufwarten. Von den fünf Ländern mit dem höchsten Bruttoinlandsprodukt pro Kopf ist Botswana mit etwas mehr als zwei Millionen Einwohnern bevölkerungsmäßig das größte – dies entspricht gerade einmal einem Zehntel der Einwohner von Lagos, der bevölkerungsreichsten Stadt Nigerias.

 

Abgesehen von den Vorteilen für die eigene Bevölkerung – die üblicherweise sicherer, gesünder und wohlhabender ist und zudem besser regiert wird – reicht der Einfluss der „Kleinen“ allerdings bisher kaum über die eigenen Grenzen hinaus. Die einzigen Länder, die in dieser Hinsicht Einfluss nehmen können, sind die sogenannten Regionalmächte. Solche Staaten sind in der Lage, – positiv wie negativ – politisch und wirtschaftlich auf eine Region, möglicherweise einen ganzen Kontinent, Einfluss zu nehmen, was kleineren Staaten in der Regel nicht gelingt. Daher kommt den Regionalmächten auch besondere Aufmerksamkeit zu. Man denke etwa an die Vereinigten Staaten, Japan und Deutschland.

 

Afrikas Regionalmächte sind seit der Unabhängigkeit allerdings nicht sehr erfolgreich gewesen. Dabei ist die Herkules-Aufgabe, vor der die erste Generation politischer Entscheidungsträger in diesen Staaten nach der Unabhängigkeit stand, durch deren großes Staatsgebiet und enorme Bevölkerungszahlen zusätzlich erschwert worden. Ungeachtet eigener Fehler wäre darüber hinaus wohl niemand darauf vorbereitet gewesen, die Beziehungen zwischen zersplitterten ethnischen Gruppen, ein gefährliches Vermächtnis der Kolonialherrschaft, in den Griff zu bekommen. Dabei ist es eigentlich ein grundlegendes ökonomisches Prinzip, davon auszugehen, dass große Staaten Vorteile haben, wenn es um das Erzeugen von Skaleneffekten und das Senken von Handelskosten geht. Aber: Aus bestimmten Gründen sind die größeren afrikanischen Staaten nicht in der Lage, ihr Potenzial zu entfalten. Deshalb befassen wir uns auch nur selten mit der Frage, wie der Kontinent aussehen könnte, wenn das Gegenteil der Fall wäre.

 

Im afrikanischen Kontext gibt es drei spezifische Gründe, warum die Leistung von Regionalmächten besondere Beachtung verdient. Der erste betrifft das Thema regionale Integration. Die wirtschaftlichen Zukunftsaussichten Afrikas hängen in hohem Maße davon ab, wie effektiv es regionalen Staatengruppen auf dem Kontinent gelingt zusammenzuarbeiten, Ressourcen zu bündeln und einander zu unterstützen. Eine Studie der Yale University kam unlängst zu dem Ergebnis, dass Afrika die am wenigsten integrierte Region der Weltwirtschaft ist. Komparative Vorteile gäbe es in vielen Bereichen – Aufbau von Infrastruktur, Diversifizierung der Beschaffungskette, Zusammenlegung von Tourismusprodukten –, aber sie werden so gut wie nie genutzt. Der zweite Grund betrifft das Thema Sicherheit. Erfahrungen in anderen Weltregionen lassen annehmen, dass Regionalmächte dazu tendieren, diplomatische und, wenn erforderlich, auch militärische Macht zur Bekämpfung regionaler Sicherheitsbedrohungen einzusetzen, was im Allgemeinen eher „stabilisierend“ wirkt als Eingriffe von außen. Der dritte Grund ist Afrikas Rolle im internationalen System. Der Kontinent steht am Rand der weltpolitischen Bühne. Nach wie vor haben die Interessen der Großmächte bei internationalen Rechts-, Finanz- und Sicherheitsfragen Vorrang. Jedoch ist die globale Machtverteilung keineswegs statisch. Das ressourcenreiche Afrika mit einer Bevölkerung von voraussichtlich zwei Milliarden im Jahr 2040 muss eine größere Rolle bei der Gestaltung dieser neuen Zukunft spielen. Die Stärkung der Stimme des Kontinents auf globaler Ebene wird dabei in erheblichem Maße von der Fähigkeit der Regionalmächte abhängen, ein gemeinsames Narrativ und eine gemeinsame Herangehensweise für Fragen zu entwickeln, die für Afrika und die Welt bedeutsam sind, etwa die Reform des VN-Sicherheitsrats. Idealerweise käme diese Rolle der Afrikanischen Union (AU) zu. Diese aber steckt noch in den Kinderschuhen und ist nicht in der Lage, Afrikas Anliegen nach innen oder global so wirksam zu vertreten, wie dies ein Zusammenschluss von Regionalmächten zu tun in der Lage wäre.

 

Damit das katalytische Potenzial der afrikanischen Regionalmächte gewinnbringend zum Wohle ihrer Regionen, des Kontinents und der Welt eingesetzt werden kann, muss dieses Potenzial jedoch zunächst einmal entfaltet werden. Wer die eigenen, dysfunktionalen Volkswirtschaften nicht im Griff hat, kann keine regionalen Wirtschaftsorganisationen führen. Wer selbst unter internen Konflikten und gewaltsamen Auseinandersetzungen leidet, kann nicht als stabilisierende Kraft in der Region wirken, sondern exportiert stattdessen Unsicherheit. Wem es nicht gelingt, als Führungsnation und Förderer gemeinsamer Werte und Interessen anerkannt zu werden, kann auch nicht innerhalb der Region oder auf dem Kontinent für Konsens in den wichtigen Fragen unserer Zeit sorgen.

 

In diesem Artikel werden drei Länder in Subsahara-Afrika – Südafrika, Kenia und Nigeria –, die beispielhaft die Bedeutung der Regionalmächte für das Wohlergehen des Kontinents veranschaulichen, untersucht. Ihr relatives wirtschaftliches und diplomatisches Gewicht, ihre Lage und das Maß an internationaler (regionaler und globaler) Integration sind Schlüsselfaktoren, die diese Länder zu Motoren für regionales Wachstum und Stabilität machen könnten. Allerdings gilt das nicht nur für die hier untersuchten Länder. Auch Äthiopien, Angola und sogar der ressourcenreiche Kongo – sowohl wegen seines Potenzials zur Verbreitung von Unsicherheit als auch wegen seiner impulsgebenden Kraft für das Wirtschaftswachstum in Zentralafrika und darüber hinaus (sofern es gelänge, die inneren Angelegenheit zu regeln) – könnten sich zu vielversprechenden Regionalmächten entwickeln.

 

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