Ärzte ohne Grenzen: Statement zu neuem Ebola-Fall in Sierra Leone

ebola-irinAm 15. Januar 2016 meldete die Regierung von Sierra Leone einen neuen bestätigten Ebola-Fall im Norden des Landes. Eine am 12. Januar im Distrikt Tonkolili verstorbene Person wurde positiv auf das Virus getestet. Die Tests wurden vom Gesundheitsministerium Sierra Leones durchgeführt, welches Ärzte ohne Grenzen über den neuen Fall informierte. Ärzte ohne Grenzen und das Ministerium arbeiten nun eng zusammen, um zu sehen, ob die Hilfsorganisation unterstützen kann. In Sierra Leone war Ebola am 7. November 2015 offiziell für beendet erklärt worden.

 

 

Zu dem neuen Ebola-Fall Dr. Maximilian Gertler, Arzt, Epidemiologe und stellvertretender Vorstandsvorsitzender von Ärzte ohne Grenzen:

 

„Die WHO hat den Ebola-Ausbruch in Westafrika am 14.1. offiziell für beendet erklärt. Diese Erklärung besagt, dass alle bekannten Übertragungsketten unterbrochen und in den drei betroffenen Ländern seit 42 Tagen keine neuen Fälle mehr registriert worden sind. Damit sind die formalen Kriterien für das Ende der Epidemie erfüllt. Die WHO erklärt gleichzeitig aber auch, dass es wahrscheinlich ist, dass es in der Region immer wieder zu Ebola-Fällen kommen wird, die nicht auf bekannte Übertragungsketten zurückzuführen sind – sogenannte flare ups. Zehn solcher Fälle hat es im vergangenen Jahr in Liberia bereits gegeben.

 

Wie sich diese Menschen infizieren, ist wissenschaftlich noch eindeutig geklärt. Man weiß, dass das Ebola-Virus zum Beispiel im Auge und in der Samen- und Scheidenflüssigkeit von gesund gewordenen Patienten überdauern kann werden. Bei mehreren der sogenannten flare ups nimmt man an, dass hier eine Spätübertragung durch sexuellen Kontakt die Ursache war. Bei wie vielen der Überlebenden das Virus im Körper überdauert und weiterhin ansteckend ist und damit die Gefahr neuer Ausbrüche besteht, wird gegenwärtig untersucht. Denn wir haben noch keinerlei Erfahrung mit einer so großen Zahl von Ebola-Überlebenden, wie wir sie jetzt in Westafrika haben. Hierzu muss intensiv geforscht werden, um die Spätfolgen der Ebola-Epidemie besser zu verstehen.

 

In Sierra Leone ist es nun am wichtigsten, die Kontaktpersonen der verstorbenen Person ausfindig zu machen, um zu verhindern, dass sich das Virus weiter ausbreitet. Hierzu wird das Gesundheitsministerium in Sierra Leone einen Krisenmechanismus in Gang setzen.

 

Jeder Ebola-Fall birgt die Gefahr eines größeren Ausbruchs, denn nach allem, was bekannt ist, ist auch der große Ausbruch mit mehr als 28.000 Infizierten und mehr als 11.000 Toten auf nur ein infiziertes Kind zurückzuführen. Die Epidemie konnte sich so stark ausbreiten, weil es vor Ort nicht genug Hilfe und keine adäquaten Strukturen gab, um angemessen zu reagieren. Die Gesundheitsbehörden in den drei westafrikanischen Ländern und die Weltgemeinschaft müssen von nun an besser auf auftretende Ebola-Fälle vorbereitet sein.

 

Konkret heißt das: In den drei Ländern muss weiterhin eine flächendeckende Überwachung (surveillance) gewährleistet sein, um Ebola-Fälle sofort zu melden. Flare ups müssen sofort epidemiologisch untersucht, Erkrankte sofort isoliert und behandelt und Kontaktpersonen der Infizierten nachverfolgt werden.

 

Auch wenn der große Ebola-Ausbruch nun fast vorüber ist und es nur noch zu vereinzelt auftretenden Fällen kommt, müssen wir weiter wachsam bleiben und die betroffenen Länder weiterhin unterstützen. Ärzte ohne Grenzen bleibt in Westafrika präsent und betreibt insgesamt vier Kliniken für Ebola-Überlebende.“ (MSF, Foto:irin)