Buchtipp: „Die Wilden“ von Sabri Louatah: lesenswerte Familiensaga der anderen Art

Wir befinden uns im Kulturkreis der algerischen Einwanderungsszene in Frankreich, in Saint Etienne, der Stadt, in der auch Autor Sabri Louatah lebt. Der Roman beginnt mit den Vorbereitungen für eine Mischehe, dem Kabylen Slim Nerrouche und einer Araberin, Kenza Zerbi. Beide sind zwar algerischen Ursprungs, aber dennoch ist diese Verbindung aufgrund der unterschiedlichen ethnischen Herkunft nicht unbedingt selbstverständlich für die jeweiligen Familien.

Es ist der 5. Mai 2012, Vorabend der zweiten Runde der Präsidentschaftswahlrunde in Frankreich, und gegen Nicolas Sarkozy tritt ein Kandidat an, der gute Chancen hat, gewählt zu werden: ein Araber namens Chaouch, Sohn eines algerischen Immigranten und Hoffnungsträger der Bevölkerung maghrebinischen Ursprungs in Frankreich.

Es ist eine unglaubliche Familie, Autor Sabri Louatah lässt uns extrem viele Charaktere entdecken, und wenn man sich erstmal hereingefunden hat in die unzähligen Namen (zur Unterstützung gibt es ein Glossar, das nochmals alle Personen aufführt), verfolgt man mit Spannung die Vielfalt der Protagonisten, deren Spannweite von der Oma, die ihren eigenen Couscoustopf mit zu Feier bringt bis hin zu drogensüchtigen Jugendlichen, die sich ihre Pillen einwerfen, reicht. Eine Familie von liebenswerten Wahnsinnigen, und mittendrin in diesem amüsanten Durcheinander, Krim, 18, desorientiert, gefangen zwischen den Kulturen und auf der Suche nach einem Kompass, der in Richtung aktiver Islamismus ausschlagen könnte. Man wird unwillkürlich erinnert an die Schlagzeilen und Berichte aus den Vororten der großen französischen Städte, wo Jungs wie Krim mangels Integration ohne Zukunftsaussichten herumstreunern, Autos anzünden, Geschäfte zerstören und für Extremisten leichte Opfer sein können.

Louatah lässt uns teilhaben an den Obsessionen, sprachlichen Wendungen, Konventionen und anderen Gewohn- und Eigenheiten der arabischen Gemeinschaft in Frankreich, die eigentlich gar keine ist. Vielleicht könnte ein arabischer Präsidentschaftskandidat sie einander näherbringen?

Ein Traum der zerplatzt noch bevor er begonnen hat. Auf den Politiker wird ein Attentat verübt und es ist Krim Nerrouche, der den Abzug der Waffe drückt, eine Tat, zu der ihn sein Cousin Nazir aufgewiegelt hat. Dieses Attentat zeigt den Riss, der durch die Familie geht und symbolisiert auch die Zerrissenheit der „Grande Nation“, es spaltet die Familie Nerrouche und nicht nur sie sondern das ganze Land.

Die darauffolgenden Untersuchungen und Vernehmungen, die detailliert geschildert werden, zeigen den mafiösen, korrupten Hintergrund des Verbrechens auf.

Das Buch ist eine spannende Familiensaga über 700 Seiten, meisterhaft erzählt und vermittelt einen tiefen Einblick in die französische Gesellschaft, in der die maghrebinischen Immigranten – oftmals bereits in dritter Generation – immer noch weit entfernt von jeglicher Integration sind.

701 S.,Paperback,
ISBN: 978-3-453-27119-7
€ 18,00
www.heyne-encore.de