Dramatische Woche im Mittelmeer: SOS MEDITERRANEE wird erneut Zeuge wie libysche Küstenwache Flüchtende abfängt

In weniger als einer Woche hat die europäische Seenotrettungsorganisation SOS MEDITERRANEE im Mittelmeer mehr als 800 Menschen vor dem Ertrinken bewahrt. Bereits am Mittwoch und Donnerstag konnten 387 Menschen an Bord des von SOS MEDITERRANEE und Ärzte ohne Grenzen betriebenen Rettungsschiffes gebracht werden. Gestern wurden weitere 421 Menschen von einem einzigen Holzboot gerettet.

“Das Holzboot war so überladen, dass es extrem instabil war. Ein einziger Moment der Panik hätte ausgereicht, um es zum Kentern zu bringen – das wäre für die Menschen im Innern des Holzboots der sichere Tod gewesen, ” erklärte Nicola Stalla, Rettungseinsatzleiter an Bord der Aquarius.

Die Mehrheit der 421 Geretteten stammt aus Eritrea. Unter ihnen 99 Minderjährige – das jüngste erst drei Wochen alt – und 171 Frauen. Viele der Menschen wiesen laut Ärzte ohne Grenzen Spuren von schwerer Gewalt auf, waren extrem entkräftet, unterernährt und laut allgemein in schlechter körperlicher Verfassung. Eine Eritreerin, die bereits bei Ankunft der Aquarius in den Wehen lag, wurde schnellstmöglich vom Holzboot evakuiert und von der Hebamme betreut.

Während diese Menschen nun in einen sicheren Hafen gebracht werden, berichteten die Teams der Aquarius, dass sie beobachten mussten, wie am Donnerstag weitere Boote in internationalen Gewässern von der sogenannten libyschen Küstenwache aufgegriffen und nach Libyen zurückgebracht wurden. Auf Anweisung der italienischen Seenotleitstelle MRCC und aus Sicherheitsgründen blieb die Aquarius in sicherem Abstand auf Standby, jederzeit bereit, den Menschen zu Hilfe zu kommen.

Nicola Stalla kommentierte: “Wir erspähten ein Schlauchboot, dass aufgrund des Wetters und dem schlechten Zustand des Boots jeden Moment auseinanderzubrechen drohte. Während der vier Stunden, die wir auf Standby verbringen mussten, verschlechterte sich das Wetter und das Risiko für ein Schiffsunglück stieg mit jeder Minute. Unsere Crew musste mit ansehen, wie die libysche Küstenwache sie zurückschleppte.“

Gerettete berichteten den Freiwilligen Helfer*innen von SOS MEDITERRANEE von der willkürlichen Gewalt gegen Flüchtende in Libyen: “In den Gefängnissen wurden wir mit elektrischen Kabeln geschlagen. Sie zeigten keine Spur von Menschlichkeit.“

Die körperliche und seelische Verfassung der Geretteten an Bord der Aquarius machen erneut klar, dass den Menschen, die nach Libyen zurückgebracht werden, unmenschliche Bedingungen und ein unkontrollierbarer Gewalt-Kreislauf drohen.

„Dieses dramatische Ereignis ist für unsere Teams extrem schwer zu ertragen. Sie sind in solchen Situationen gezwungen, hilflos zuzusehen, wie Flüchtende nach Libyen zurückgebracht werden – an jenen Ort, den die Überlebenden immer wieder als Hölle bezeichnen. Es ist unsere Pflicht an der Seite derjenigen zu bleiben, die versuchen, dem Horror der libyschen Internierungslager zu entfliehen, sie zu beschützen und die Erlebnisse dieser Männer, Frauen und Kinder zu bezeugen,” sagte Sophie Beau, Mitbegründerin und Vize-Präsidentin von SOS MEDITERRANEE International. (SOS MEDITERRANEE Deutschland, Text + Foto)