Fortsetzung des Dialogs mit moderaten Islamisten

Marburger Wissenschaftler analysieren die Rolle, Politik und Strategien moderat-islamistischer Parteien aus den arabischen Transformationsländern
Grundlagenforschung und Politikempfehlungen für die deutsche Außenpolitik – diesem Vorhaben geht ein aktuelles Forschungsprojekt des Centrums für Nah- und Mitteloststudien (CNMS) der Philipps-Universität nach. Politikwissenschaftler Professor Dr. Rachid Ouaissa sowie seine Mitarbeiter Julius Dihstelhoff, Ivesa Lübben und Heidi Reichinnek generieren relevantes Hintergrundwissen zu Handlungslogiken moderater Islamisten aus der Region des Nahen Ostens und Nordafrikas im national- und regionalstaatlichen Kontext, sowie gegenüber den Ländern Europas, insbesondere Deutschlands.

Gleichzeitig werden Ziele und Anknüpfungspunkte für einen künftigen Umgang mit islamistischen Akteuren identifiziert. Das Auswärtige Amt stellt hierfür über 477.000 Euro zur Verfügung.

Das vom Auswärtigen Amt im Rahmen der offiziellen deutschen Transformationspartnerschaften mit der Arabischen Welt bewilligte Projekt läuft ab September 2014 über eineinhalb Jahre. Das Forschungsvorhaben „Islamisten im regionalen Transformationsprozess: Dialog und Dokumentation“ knüpft thematisch an ein Mitte Februar 2014 ausgelaufenes Projekt an. In dessen Verlauf organisierte Ouaissa, mit seinen Mitarbeitern, Ivesa Lübben und Julius Dihstelhoff, drei Konferenzen mit Vertretern islamistischer Parteien und deutschen Experten zu jeweils ausgesuchten Schwerpunktthemen. Das neue Projekt soll nun an die Erkenntnisse des erfolgreich beendeten Vorläufers anschließen, die dabei gewonnenen Kontakte vertiefen und neue Dialogpartner ausfindig machen. Ziel des Projekts ist es, das Verhalten moderater islamistischer Akteure nach dem so genannten „Arabischen Frühling“ zu untersuchen. Insbesondere in Zeiten zunehmender Destabilisierung der Region und dem Erstarken radikaler Akteure ist ein politischer Dialog mit moderaten islamistischen Akteuren von enormer Wichtigkeit. Während des aktuellen Projektzeitraums liegt der Fokus auf Tunesien, Libyen und Ägypten.

„Verschiebungen der Kräfteverhältnisse in der Region haben seit den Umbrüchen 2011 neue Re-Konfigurationen von Mächten und Allianzen unter sehr unterschiedlichen Akteuren zur Folge“, konstatiert Ouaissa. Dies führe zu veränderten gesellschaftlichen Ordnungen in mehreren Ländern des Nahen und Mittleren Ostens mit nationalstaatlicher, regionalpolitischer und internationaler Relevanz. In diesem Zusammenhang macht Projektmitarbeiter Julius Dihstelhoff deutlich: „Moderat-islamistische Akteure stellen nach wie vor eine wichtige politische Strömung dar, die auch in Zukunft eine relevante Rolle in der Region spielen werden und über großen Einfluss in der Zivilgesellschaft verfügen“. Dies sei trotz der politischen Einflussverluste durch die Amtsenthebung des ägyptischen Präsidenten Mursis, oder den freiwilligen Rückzügen aus der Regierung, wie in Algerien, Libyen und Tunesien, spürbar. Demnach werden auch zukünftige Außenbeziehungen, wie die Deutschlands, dem Gewicht moderat islamistischer Akteure Rechnung tragen müssen.

„Eine gute Mischung aus Dialog und Dokumentation zwischen allen an dem Projekt beteiligten Akteuren und in verschiedenen Formaten trägt zu verbesserten künftigen Partnerschaftsbeziehungen auf unterschiedlichen Ebenen bei“, gibt Projektmitarbeiterin Heidi Reichinnek an. So könne ein konstruktiver Austausch zwischen dem Projektteam der Philipps-Universität Marburg, Entscheidungsträgern moderat-islamistischer Parteien sowie Vertretern des Auswärtigen Amts, Parlamentariern und weiteren deutschen Experten dabei helfen, Vorurteile abzubauen und politische Umgangsformen gemäß der aktuellen Situation auszuloten. „Uns ist es wichtig, einen offenen und inhaltlich fundierten Dialog zu führen, so dass die Reformkräfte innerhalb des islamistischen Spektrums durch dessen Einbindung in eine demokratische Debattenkultur gestärkt werden“, betont Projektmitarbeiterin Ivesa Lübben.

Während zu Tunesien und Libyen eine Länderkonferenz beziehungsweise ein Expertenseminar unter Miteinbeziehung moderat-islamistischer Entscheidungsträger durchgeführt werden sollen, werden zu Ägypten regelmäßige Kurzanalysen verfasst. Diese dienen einer inhaltlichen Kontinuität zwischen allen Beteiligten. Ergänzend werden ein Gespräch mit Abgeordneten des Deutschen Bundestages sowie ein Expertenseminar im Auswärtigen Amt stattfinden. Des Weiteren ist ein transnationaler Wissenschaftler-Austausch mit Forschern aus der Region geplant, die zu Fragen des Politischen Islams arbeiten. Zur Feldforschung reist das Projektteam Dihstelhoff, Lübben und Reichinnek nach Tunesien, Libyen, Katar und Großbritannien, in die Türkei und die USA sowie nach Berlin.

„Wir verfolgen eine formale und inhaltliche Kontinuitätssicherung. Diese äußert sich erstens durch den Aufbau einer Projekthomepage, über die bisherige und zukünftige Ergebnisse gesichert und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden sollen. Zweitens soll die Kontaktpflege zu islamistischen Akteuren über den Projektfokus hinaus weiterhin gewährleistet werden“, erläutert Ouaissa weitere Projektziele. (idw, Text + Foto)