In weniger als 24 Stunden rettet SOS MEDITERRANEE in neun Einsätzen über 900 Geflüchtete. Rettungskapazitäten im Mittelmeer reichen nicht aus

sos-mIn der Nacht von Samstag auf Sonntag hat die europäische Seenotrettungsorganisation SOS MEDITERRANEE über 900 Flüchtende von insgesamt neun Holz- und Schlauchbooten gerettet – so viele wie noch nie zuvor. Mit der Unterstützung der Rettungsorganisationen Life Boat und Sea Watch konnten alle Geflüchteten unverletzt an Bord des Rettungsschiffes Aquarius gebracht werden. Unter den Geretteten befinden sich ersten Schätzungen zufolge rund 200 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. 

Klaus Merkle, Rettungskoordinator an Bord der Aquarius, kommentierte: „Der Einsatz war für das ganze Rettungsteam extrem herausfordernd. Neun Boote, darunter überbesetzte Holz- und Gummiboote. Fast 1.000 Menschen in so wenigen Stunden! So viele Geflüchtete mussten wir noch nie innerhalb so kurzer Zeit retten. Das ist ein absoluter Rekord! Dass es keine Toten gegeben hat, ist der Professionalität unseres Teams und der Zusammenarbeit mit den anderen zivilgesellschaftlichen Organisationen zu verdanken. Wir sind froh, alle Geretteten lebend an Bord zu haben.“ 

SOS MEDITERRANEE ist als einziges ziviles Schiff auch den Winter über im Dauereinsatz. Seit Anfang des Jahres hat das Team der Aquarius über 3.000 Menschen gerettet. Die Internationale Organisation für Migration (IOM) schätzt, dass seit 2002 mindestens 46.000 Menschen bei der Überquerung des Mittelmeers ertrunken sind. Seit Beginn dieses Jahres sind allein 525 Menschen ums Leben gekommen. Trotzdem gibt es bis heute kein europäisches Seenotrettungsprogramm. Aufgrund der ausbleibenden Reaktion der Europäischen Union auf diese humanitäre Katastrophe, übernehmen inzwischen zivile Rettungsorganisationen diese Aufgabe. Auch SOS MEDITERRANEE wurde 2015 gegründet, nachdem Italien das Seenotrettungsprogramm „Mare Nostrum“ beendet hatte. Seit über einem Jahr bekommt SOS MEDITERRANEE nun die Verzweiflung der Geflüchteten auf dem Mittelmeer unmittelbar zu spüren. „Wir waren 12 Stunden auf dem Boot, es war komplett dunkel und leise. Ich weinte, weil ich dachte, wir würden sterben“, erzählte Sébastien, einer der Geretteten vom Wochenende. Bei der Überfahrt setzen die Menschen ihr Leben aufs Spiel, um Krieg, Hunger und Elend zu entkommen. Oft fliehen sie auch vor Menschenhändlern, die sie in Libyen unter unmenschliche Bedingungen festhalten. SOS MEDITERRANEE sammelt die Geschichten der Geflüchteten, um die europäische Öffentlichkeit über die Fluchtumstände zu informieren: http://sosmediterranee.org/testimonies/. 

Sophie Beau, Gründerin und Geschäftsführerin von SOS MEDITERRANEE Frankreich, erklärt: „Menschen, die in der Hoffnung auf Schutz und Sicherheit zu uns kommen wollen, sterben zu lassen, ist ein Verstoß gegen unsere gemeinsamen europäischen Werte und ein Verstoß gegen die Menschlichkeit. Dabei können wir nicht tatenlos zusehen. Deshalb fordern wir die europäischen Staaten, Organisationen und Agenturen dazu auf, dem Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit eines jeden Menschen Priorität einzuräumen, ganz gleich, welche Herausforderungen das für unsere Gesellschaften bedeutet. Es müssen dringend wieder staatliche Seenotrettungsprogramme eingeführt werden. Solange dies nicht der Fall ist, werden wir unseren Einsatz im Mittelmeer fortsetzen.“ (Foto Patrick Bar / SOS MEDITERRANEE)