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Mali / Cheick Oumar Sissoko: „Die Politik hat mich zum Film gebracht“

Auszüge aus einem Interview mit dem malischen Filmregisseur Cheick Oumar Sissoko, früherer Kultusminister und Generalsekretär der Vereinigung afrikanischer Filmemacher.

Sie haben bisher über zwanzig Dokumentar- und fünf Spielfilme produziert. Was ist für Sie bei Ihren Filmen am wichtigsten?
C. O. Sissoko: Mein erster Spielfilm „Nyamanto ou la leçon des ordures“ erzählt von zwei Kindern und ihren Müttern, ihren Lebensbedingungen und stellt Fragen nach der Erziehung. Kinder und Frauen sind mir ein sehr wichtiges Anliegen. Frauen, die nicht emanzipiert sind, die nicht frei sind, die die Gewalt in den Familien ertragen, die sich der Beschneidung unterziehen und viele Kinder bekommen müssen, sind für mich eine nicht akzeptable Situation. Das sind Fragen von Menschenrechten. Denn wenn die Frauen nicht frei sind, in ihren Bewegungen, in ihren Meinungen, in ihren Familien, wird es keine Entwicklung geben, denn das bedeutet, dass die Hälfte der Bevölkerung ihre Intelligenz und ihre Ideen nicht einbringen kann. Die Kinder wissen nichts von Schule. Sie arbeiten sehr früh, im Alter von 6, 7, Jahren, auf dem Feld, im Hause, sie werden zu Arbeiten gezwungen, oder sie gehen betteln. Eine Lebenslage, die mich nicht ruhen lässt, es ist eine enorme Belastung für die Zukunft eines Landes.

Sie haben eine sehr interessante Karriere als Filmemacher und als Politiker. Was hat Sie dabei motiviert?
C.O. Sissoko: Meine Motivation ist politisch. Ich arbeitete während meines Studiums in Paris und war aktiv in der Gewerkschafts- und der Studentenbewegung. Die 70er Jahre waren geprägt von großer Solidarität, breiter Unterstützung der französischen Bevölkerung gegen den Vietnamkrieg und das südafrikanische Apartheidsregime. In diesem politischen Umfeld entwickelte ich mich. Ich entschied mich für das Kino und beendete meine naturwissenschaftlichen Studien. Filmemachen bedeutete für mich, meine Ideale der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Kampfes gegen Diktaturen, zu verwirklichen. Mir war es wichtig, mich durch meine Filme auszudrücken, zu reden von den Rechten und Pflichten der Bevölkerung, ihr Bewusstsein zu stärken und nicht als Lehrer mit 40 Schülern zu arbeiten. Die Politik hat mich zum Film gebracht. Kulturminister wurde ich durch meine Mitgliedschaft in einer politischen Partei (2002-2007).

FESPACO 2015: was waren für Sie die wesentlichen Ergebnisse?
C.O. Sissoko: Die Bilanz ist sehr positiv, niemand glaubte, dass FESPACO stattfinden kann. Es ist der Beweis dafür, dass Burkina Faso noch lange Zeit die Spitze der Förderung des afrikanischen Filmes einnehmen wird. Ausgewählt wurden viele Beiträge in 5 Kategorien, Zeugnis einer reichen Präsentation von afrikanischen und Diaspora Filmen. Das Festival ist ein wichtiger Treffpunkt, ein Ort des Austausches. Einige sind aus Angst vor Ebola oder wegen der sozialen Ereignisse in Burkina Faso, ferngeblieben. Unsere Vereinigung der Filmemacher (FEPI) hat zahlreiche Initiativen entwickelt, um uns bekannter zu machen: die Pressekonferenz, den FESPACO Stand, die Hommage an die Kinopioniere, die Zeremonie auf dem Platz der Filmemacher, das zweitägige Symposium mit Filmemachern und Experten, um über Produktion, Vertrieb und Verbreitung des digitalen Filmes, zu diskutieren, eine sehr gut ausgefüllte Woche.

Die Szenen aus Ihrem neuesten Film „Rapt de Bamako“zeigen viele Parallelen zur gegenwärtigen Situation. Welche Zusammenhänge existieren zwischen dem Film und der Realität?
C.O. Sissoko: Zwei Spielfilme zeigen die aktuelle Situation in Mali. .Der Film von Abderrahame Sissako „Timbuktu“ beschreibt die Probleme der Dschihadisten und ihre Beziehungen zur Bevölkerung.

Mein Film erzählt in erster Linie von den Ereignissen der Wahlen, der Regierung, den Beziehungen zwischen den Generationen, von der Entführung, von Opferungen, von Albinos und von Korruption.

Diese Filme zeigen den bedeutsamen Platz der siebten Kunst, als ein Element der Bewusstmachung und der Erklärung der essentiellen Probleme unserer Zeit. Diese wichtigen Fragen, angeschnitten in meinem Film, sind gültig für alle afrikanischen Länder, es verdeutlicht das Unbehagen der Filmemacher über die großen Probleme dieser Welt.

Ihrer Aussage nach findet der religiöse Fundamentalismus Anhänger, wenn sich die Regierung nicht gegen die Verarmung der breiten Bevölkerung einsetzt . Worin sehen Sie den Beitrag der Filmemacher?
C.O. Sissoko: Der Fundamentalismus hängt mit Armut zusammen, aber es gibt auch das Problem der Bildung, das fehlende und mangelhafte Wissen über Religion. Gleichzeitig die Unwissenheit über die Probleme der Welt, über die Rechte und Pflichten. Diese Unwissenheit ist eng verknüpft mit dem Elend, es bewegt Menschen dazu, dem Fundamentalismus zu folgen. Verarmte fragen nicht nach, sie akzeptieren die Angebote, ohne zu prüfen wohin sie dies führt. Es sind Unwissende, die nie die Schule besucht haben, die über keine Bildung, und keine familiären und sozialen Beziehungen verfügen.

Filme nehmen das Publikum mit, um verstehen zu lernen. Mein Film „Nyamanton“ spricht von dieser Armut. Viele Regisseure sind eng mit der Realität verknüpft. Wir sind überzeugt, dass es unsere Aufgabe ist, zu zeigen wie wir leben, wie wir Freude empfinden, wie wir leiden und wie wir kämpfen.

Wir engagieren uns dafür, dass die Filme in Afrika gesehen werden können, aber auch in der ganzen Welt, ein Weg, um Afrika zu verstehen.

(Interview + Foto: Theresa Endres)