Mit zwei Euro in die afrikanische Mittelklasse

Der informelle Sektor nimmt zu

Scheinwelt: Zahlentrickserei soll positives Bild zeichnen
Berlin – „Wie die Afrikanische Entwicklungsbank zu verbreiten, das Kleinbürgertum auf dem Kontinent umfasse bereits 350 Millionen Menschen, ist ein Hoax, eine gezielte Falschmeldung“, urteilt Carsten Mohr, Vorstandsmitglied der Nichtregierungsorganisation Business Crime Control (BCC), nach Teilnahme am Berliner Afrikakreis. Dabei handele es sich „nicht um einen gerne aufgegriffenen Schabernack sondern den Versuch, insbesondere in der Flüchtlingskrise zu beschönigen, dass „staatlicherseits genug getan werde und es ein Licht am Ende des Tunnels gebe“. „Wie viel Klasse hat die afrikanische Mittelklasse?“ hatten im Berliner Afrika-Haus Prof. Robert Kappel, der ehemalige Präsident des Leibnitz-Instituts für Globale und Regionale Studien, sowie Prof. Henning Melber, der als Direktor die Dag Hammerskjöld Stiftung leitete, hinterfragt.

Prof. Melber entlarvte die Statistik, die überraschend ein Drittel der 1,1 Milliarden Einwohner des aufstrebenden Afrikas zur Mittelklasse zählt, mit einem Definitionstrick: offiziell werden alle Afrikaner, die täglich zwischen zwei und 15 US-Dollar zum Überleben haben, zur neuen Mittelklasse gezählt. In ihrem jüngsten Global Wealth Report sieht die Schweizer Bank Credit Suisse jedoch nur eine rückläufige Anzahl von 18,8 Millionen, die über ein in Europa vergleichbares Mindestvermögen von 50.000 Dollar verfügen. Melber brachte es mit einem Zitat auf den Punkt: „Alle, die nicht am Verhungern sind, gehören zur Mittelklasse“. Der in Pretoria und Bloemfontein noch tätige Professor bestritt, dass von dieser Gruppe Impulse für Wachstum und Demokratisierung ohne armutsbekämpfende Hilfe ausgehen können.

Prof. Kappel wies auf erhöhtes Wirtschaftswachstum sowie steigende Auslandsinvestitionen, Entwicklungshilfe und Heimatüberweisungen im Ausland arbeitender Afrikaner hin, warnte jedoch davor, in mittelständischen Unternehmen vor Ort gegenwärtig einen Motor für einen nachhaltigen Aufstieg Afrikas zu sehen. In Afrika wächst der informelle Sektor“, so Kappel und wies auf die geringe Produktivität dieser Kleinstunternehmen hin, die im Gegensatz zu deutschen Mittelstandsfirmen mit ihren mehr als 250 nur ein bis vier Mitarbeiter haben. Wirtschaftlich habe sich „der Diversifizierungsgrad Afrikas seit 1970 nicht geändert“, bescheinigt der Ökonom.

Carsten Mohr, der im Dezember Mitverfasser des Memorandums „Neue Wege mit Afrika!“ an die Bundesregierung war, fühlt sich bestätigt: „Der Aufbau des Mittelstandes als Zugmaschine Afrikas bedarf nicht nur grundlegender Maßnahmen der Befähigung der Menschen und des Wissenstransfers, sondern auch der Möglichkeit afrikanischer Staaten, sich vor ungezügeltem Freihandel zu schützen und eine eigene Geldpolitik zu betreiben.“ (neWemA)