60 Jahre nach der Entkolonialisierung: Afrika 2020 – ein zweites Afrikajahr?

60 Jahre nach der Entkolonialisierung: Afrika 2020 - ein zweites Afrikajahr?Schauen wir zurück auf das Afrikajahr 1960, mit der sehr differenziert erreichten Unabhängigkeit der einzelnen Länder. Wir erkennen, dass der in der postkolonialen Periode erwartete Wandel nur sehr schwer mit vielen Hindernissen verlief. Die von revolutionären Führern gesetzten Leuchtfeuer in Richtung einer freien Enzwicklung zu einem einheitlichen progressiven Aufbruch bis hin zum Panafrikanismus, zündeten nicht.

Die Verantwortung der politischen Klasse für die Prägung einer eigenständigen, leistungsfähigen Struktur der Staatsführung mit dem Schwerpunkt einer neuen wirtschaftlichen Gestaltung blieb schwach. Gemäß der noch bis ins Heute verwurzelten, bestimmenden Rolle der Länder des Nordens, schieben diese z.B. die Überschüsse ihrer hoch subventionierten Agrarwirtschaft in die Märkte des Kontinents. Damit konnte sich die breite Farmwirtschaft in den Ländern nicht als stabile Kraft für die eigene Nahrungsmittelsicherung entwickeln. Eine gleiche Situation entstand in noch größeren Umfang durch die Ausbeutung und den Abtransport der mineralischen Rohstoffe, ohne dass lokale Verarbeitungskapazitäten ausgebaut wurden.

Wir müssen ganz real einschätzen, dass das Krisenpotential in diesem Zeitraum erheblich gewachsen ist mit schweren schädlichen Auswirkungen auf den gesamten Kontinent. Hauptfeinde sind die herrschenden Terroreegime, die stark gewachsenen

Korruptionsfelder, Klimakatastrophen mit Hunger, Armut und die ins Unmenschliche verlaufenden Fluchtbewegungen. Weiter sind durch mangelnde Rechtsstrukturen diepolitischen Führungen der Staaten nicht in Lage, Bürgerkriege und ethnische Auseinandersetzungen friedlich zu steuern (negativstes Beispiel dafür u.a. Guinea, Tschad-Region). Die Herrscher und Eliten haben dem Humankapital keine Chance gegeben, um die zivilgesellschaftlichen Kräfte wirksam einzubeziehen.

Diese negativen Faktoren hemmen noch heute die angestrebten Entwicklungen und bieten nicht genug Anreize für ausländische Kooperationspartner und Investoren. Trotzdem sollten wir progressiv auf Afrikas Herausforderungen im vor uns liegenden Jahrzehnt reagieren.

Afrikas Herausforderungen im vor uns liegenden Jahrzehnt
Zum 50. Afrikajahr programmierten einige Staaten eine Vision für 2020 als entscheidende Etappe. Wenn auch die Wachstumsraten eine positive Wertung bewirkten, so blieben erhebliche Schwachstellen in der Entwicklung der Basiswirtschaft der Länder, insbesondere in den Bereichen der Agrarwirtschaft zur Nahrungsmittelsicherung und im industriellen Gewerbe, um Werte zu schaffen.

Umso wichtiger ist, dass die Afrikaner auf ihrem Weg in viel stärkeren Maß ihrer Verantwortung gerecht werden, sie müssen sich um ihre Identität bemühen. In Besinnung auf ihre eigenen Kräfte mit den natürlichen und kulturellen Ressourcen können die progressiven Kräfte Afrikas zu der notwendigen strukturellen Stabilität führen. Deshalb sind wir auch interessiert und unterstützen die Länder in der Umsetzung ihrer aufgelegten Reformprogramme mit wichtigen Strukturmaßnahmen .

Unser Engagement auf unserem Nachbarkontinent
Deutschland und die EU haben sich der Herausforderung gestellt, mit Afrika eine intensiv eingeleitete Zusammenarbeit zu verfolgen und zu intensivieren. Bereits 2016 wurde mit der G20 Initiative „Compact with Africa“ (CWA) eine Basis geschaffen, in der wir uns stärker einbringen müssen.

Im November 2019 führte Bundeskanzlerin Dr. Merkel mit dem 2.Gipfel der CWA Initiative die deutsche Afrika-Kooperation mit den Reformstaaten weiter, speziell ausgerichtet auf gleichberechtigter Basis und nachhaltiger Wirkung. Gerade weil es Kritik gab bezüglich der fehlenden zügigeren Umsetzung.

Hervorzuheben ist den von der Bundeskanzlerin für 2020 unter ihrer EU-Präsidentschaft angekündigte Afrikagipfel, den ich als Höhepunkt dieses Afrikajahres werten möchte.

Damit unsere deutschen Unternehmen den Weg nach Afrika finden, sollten wir konsequenter von den Regierungen fordern, ihre geplanten Projekte den Investoren zu präsentieren. Es geht um qualitativ gut konzipierte Projektvorschläge, einschließlich erster Budgetwerte.

Für die deutschen Firmen besteht die Chance, mit ihren Techniken, Technologien , mit Forschungs- und Ausbildungsleistungen offensiv auf entsprechende Anfragen zu reagieren. Unsere Regierung fördert die Aktivitäten von Investoren mit dem Entwicklungsinvestitionsfonds von 1 Mrd. € und weiteren Förderfonds von 400 Mio € und 220 Mio € , die eindeutiger für den wirksamen Einsatz spezifiziert werden müssen.

Mit meinen Darlegungen will ich erneut unsere Firmen und produzierenden Unternehmen ansprechen, um deren Interesse zu gewinnen für ein nachhaltiges Engagement in einem afrikanischen Land, und um neue Geschäftsfelder zu öffnen. Darin liegen Chancen für die deutsche Wirtschaft, die vorhandenen Marktpositionen auszuweiten.

Erster interessanter Auftakt im Bundesland NRW in 2020
Das Vorvorhaben der IHK NRW: „6.Deutsch-Afrikanisches Wirtschaftsforum NRW“ am 18.2.20 ist meines Erachtens ein wichtiger Auftakt in der Aktivierung der Kooperationsbeziehungen mit Afrika. Industrialisierung steht dabei im Mittelpunkt, und das bringt mich auf das Zusammenspiel in der Modernisierung der Agrarwirtschaft des Kontinents.

Am Beispiel von Ghana finden wir die von Präsident Nana Akuto-Addo proklamierte industrielle Entwicklungsstrategie, mit einem umfassenden Investitionsvorhaben, dezentral in 216 Distrikten unter dem Motto „1 District-1 Factory“. Bereits in der letzten Regierungsperiode unter Präsident Mahama wurden 2016 industriell verbundene „Farming Mechanisierungszentren“ vorgeschlagen.

Als nachhaltiges Industrialisierungsprojekt wäre die Errichtung eines Industrieparks, ausgelegt auf agrarwirtschaftliche Modernisierung und Stabilisierung der Farmwirtschaft.

Dieses Projekt wird auch Ausstrahlung haben auf die Nachbarstaaten.

Jüngst hat Minister Dr. Müller für Mali die notwendige Verstärkung der Initiativen in der Sahel-Region begründet mit dem Schwerpunkt der Modernisierung der Landwirtschaft, für besseres Wasser und Schaffung von Arbeitstplätzen.

Für das Afrikajahr 2020 bedarf es unserseits gemeinsam mit unseren afrikanischen Reformpartnern intensiver Anstrengungen zu einem neuen Aufbruch.
Dipl.oec. Gerd Eckert