Äthiopien: Fast 5000 Kinder durch Tigray-Konflikt von ihren Eltern getrennt

Ein halbes Jahr nach dem Beginn der Kämpfe in der nordäthiopischen Region Tigray sind fast 5000 Kinder von ihren Eltern getrennt. Viele von ihnen leben auf sich gestellt oder nur mit ihren Geschwistern in provisorischen Flüchtlingslagern, in denen sie einem hohen Risiko von Gewalt und sexuellem Missbrauch ausgesetzt sind, warnt Save the Children. Diese Mädchen und Jungen sind wie hunderttausende weitere Vertriebene dringend auf humanitäre Hilfe und Schutz angewiesen. Bislang sind zu wenige Hilfslieferungen zu den Bedürftigen in dem Konfliktgebiet gelangt.

„Die Situation in Tigray ist an einem kritischen Punkt“, betont der Leiter des Länderbüros von Save the Children in Äthiopien, Ekin Ogutogullari. „Sechs Monate nach Beginn des Konflikts haben hunderttausende Menschen noch immer keine Hilfe erhalten. Wir fordern die internationale Gemeinschaft auf, dringend ihre finanzielle Unterstützung für die Notleidenden des Tigray-Konflikts zu verstärken. Der Schutz der Zivilbevölkerung, insbesondere von Frauen und Kindern, muss Vorrang haben.“

Die sexuelle Gewalt gegen Mädchen und Frauen hat seit Beginn des Konflikts am 4. November 2020 in Tigray nach Angaben der äthiopischen Behörden dramatisch zugenommen. Viele Fälle werden allerdings nicht gemeldet: Das medizinische Nothilfeteam von Save the Children – die Emergency Health Unit – weiß von vielen Opfern, die es aus Angst vor Stigmatisierung und Repressalien nicht wagen, einen sexuellen Übergriff anzuzeigen oder sich behandeln zu lassen.

In den provisorischen Flüchtlingsunterkünften müssen unbegleitete Kinder zum Teil in überfüllten Räumen mit dutzenden fremden Menschen übernachten. Neben der Angst vor Gewalt und Missbrauch belastet sie die Trennung von ihren Eltern. Viele der Eltern sind bei Kämpfen getötet worden, andere Familien wurden in den Wirren der Flucht auseinandergerissen.

„Kinder, die von ihren Eltern getrennt wurden, sind oft ängstlich und ziehen sich zurück. Viele haben keine Lust mehr zu den Dingen, die ihnen vorher Spaß gemacht haben“, sagt Magdalena Rossman, Kinderschutzexpertin für Save the Children in Tigray. „Das Sicherheitsgefühl, das ihre Eltern ihnen gegeben haben, ist nicht mehr da.“

Save the Children unterstützt unbegleitete und von ihren Eltern getrennte Kinder in Tigray. Die Emergency Health Unit leistet medizinische und psychologische Hilfe, während andere Teams der Kinderrechtsorganisation eine geeignete Betreuung suchen, Pflegefamilien unterstützen oder den Kindern Lebensmittel und Trinkwasser geben. Außerdem richtet Save the Children Schutz- und Spielräume (Child Friendly Spaces) ein, in denen Kinder ungestört lernen und spielen können.

In Zusammenarbeit mit Partnern versucht Save the Children ferner, Eltern wiederzufinden, die möglicherweise in andere Teile der Region Tigray geflohen sind. Das oberste Ziel ist immer die Wiedervereinigung der Kinder mit ihren Familien. In der gesamten Region Tigray sind laut dem UN-Büro für die Koordinierung humanitärer Hilfe (OCHA) mehr als 1,7 Millionen Kinder und Erwachsene durch den Konflikt vertrieben worden. (Save the Children, Text + Foto)