Afrika /„Dank“ Corona: Elie hungert

Diesen Beitrag habe ich vor vielen Jahren hier schon einmal eingestellt. Aus aktuellem Anlass mach ichs nochmal, um zu verdeutlichen, welche Auswirkungen Corona auf Menschen in Afrika haben kann, denn heute schrieb Elie mich an und bat um Hilfe, weil er und seine Familie hungern. Wegen der Corona-Beschränkungen darf er nicht mehr in den Flughafen und hat somit seit mehreren Monaten kein Einkommen mehr.

 Douala/Kamerun, Juni 2005:

Seit einer schweren Malaria im Alter von zwei Jahren ist Elie Endo (34) linksseitig gelähmt, seine Beine sind verkümmert und kraftlos, auf Krücken schleppt er sich beschwerlich durch den Flughafen der kamerunischen Wirtschaftsmetropole Douala und bietet den Fluggästen seine in Ölfarben handgemalten Grußkärtchen an. Ein tapferer Mann, der dem Schicksal die Stirn bietet. 

Im Flughafenrestaurant sitzt er mit einem Kollegen, der Schmuck verkauft, am Nebentisch, steht unvermittelt mühsam auf, legt mir einen großen Stapel handgemalter Grußkarten auf den Tisch und sagt: „Gucken Sie sich die mal in Ruhe an, ich komme später wieder“ und verlässt im Vertrauen auf meine Ehrlichkeit den Raum. Afrikanische Motive, überwiegend Szenen aus dem Dorfleben, hat er dargestellt, die kleinen Bilder dann ausgeschnitten und auf Faltkarten geklebt, ein bisschen krumm und schief manchmal, aber auch das macht den Charme seiner Handarbeit aus.  Elie ist ein Künstler, und ein Kämpfer, denn er lässt sich nicht unterkriegen: „Mein Motto ist: nein zur Bettelei und ja zur Arbeit“, erklärt er in unserem anschließenden Gespräch. 

Trotz seiner schweren Behinderung ging Elie zur regulären Schule, machte die mittlere Reife, absolvierte anschließend erfolgreich eine Ausbildung zum Buchhalter und belegte Marketingkurse, die er mit einem Diplom abschloss. „Aber hier in Kamerun gibt es keine Strukturen für behinderte Arbeitnehmer, ich fand also keine Stelle und musste mir etwas überlegen, wie ich meinen Lebensunterhalt verdienen konnte“, berichtet er. Er verkaufte zunächst Grußkarten mit Reproduktionen von Bildern anderer Künstler, „aber die sahen nicht schön aus, ich dachte mir, das kann ich besser“. Gesagt, getan. Er besorgte sich Ölfarben, und mittlerweile malt er seit drei Jahren seine eigenen Karten und sogar große Bilder auf Leinwand und verkauft nur noch diese handsignierten Originale. 

Nur knapp überleben kann er von dieser Beschäftigung, das ständige Stehen am Flughafen ist darüber hinaus sehr anstrengend für ihn. In der „toten Saison“ wie er es nennt (September/Oktober und Ende Februar bis Ende Juni) reicht das Geld nicht. „In diesem Zeitraum reisen die Leute nicht viel. Sehen Sie, heute haben wir den 10. Juni, es ist 19 Uhr, und Sie sind mein erster Kunde an diesem Tag“, verdeutlicht er. Wenn die Geschäfte gut laufen, nimmt er im Monat rund 230 Euro ein, in schlechten Zeiten nur 100, „und das reicht gerade mal für die Taxifahrt hierhin und eine kleine Mahlzeit am Tag“. Am besten läuft das Geschäft in der Weihnachtszeit. Wer kauft seine Karten und Bilder? „Überwiegend Europäer und Amerikaner, bei den Afrikanern sind es die Gabuner und Reisende aus dem Tschad. Manchmal auch Ivorer, „aber die sagen immer, sie kauften nur aus Mitleid. Und dann wollen sie dermaßen den Preis drücken, dass ich mich frage, wo denn da das Mitleid bleibt“, lacht Elie. 

Acht Stunden täglich ist er am Flughafen, und zu Hause malt er dann ca. drei Stunden. Bis zu 500 Karten könnte er im Monat herstellen, erklärt er, und am liebsten wäre es ihm, wenn er feste Aufträge hätte, Kunden, die ihm die Karten regelmäßig abnähmen und dann weiter verkaufen würden. Und sein ganz großer Traum: Einmal irgendwo eine Ausstellung machen. 

Es ist nach 20 Uhr, Elie Endos Arbeitstag am Flughafen ist für heute zuende, jetzt geht’s heim, um zu malen. Nur meine 15 Euro für 12 Karten hat er heute eingenommen, aber er ist zufrieden, „denn das reicht für mehrere Tage für mich und meine Familie“, meint er. Familie? „Ja“, strahlt er, „ich bin seit drei Monaten Vater eines kleinen Sohnes – mein Glück ist perfekt!“

Elie Endo, ein Mann, der sein schweres Schicksal tapfer in die Hand genommen hat und sich beispielhaft nur auf sich selbst verlässt, sagt mir zum Abschied: „Sehen Sie, ich verdiene meinen Lebensunterhalt in Würde, das ist es, worauf es mir ankommt“.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Seitdem – das sind mittlerweile 15 Jahre – sind wir in Kontakt geblieben. Elie hat sich toll weiterentwickelt, malt jetzt auch viele große Bilder, die gut ankommen. Mittlerweile hat er sogar einen Rollstuhl. Und er hat einen Verein gegründet, der behinderten Menschen hilft.

Ich werde ihm natürlich helfen, aber es macht mich total traurig, ihn in solch einer Lage zu wissen.

Elie online: https://peintureengo.jimdofree.com/ 
Die Bilder sind abgebildet unter: „Les oeuvres“
Auf facebook: https://www.facebook.com/elie.ngo

(Ingrid Aouane)