Afrika / Guinea: Zum Tod von Mory Kanté: „Meine Kora hat sogar im Flugzeug immer ihren eigenen Sitzplatz in der 1. Klasse“

Symbiose: Mory Kanté und seine Kora
© Ingrid Aouane

Der guineische Sänger und Musiker Mory Kanté starb am Freitag, den 22. Mai, im Alter von 70 Jahren in einem Krankenhaus in Conakry an einer langen Krankheit. Mit dem Spitznamen „elektrischer Griot“ hat er dazu beigetragen, afrikanische und guineische Musik auf der ganzen Welt bekannt zu machen, insbesondere mit seinem weltweiten Erfolg „Yéké Yéké“. Zur Erinnerung ein Interview aus 2004, das ich für AFRICA live mit ihm führte:

„Sabou“ heißt Mory Kantés lang ersehntes neues Album. Eine stark akustische Ver­öffentlichung des ersten afrikanischen Sängers, der eine Millionen Singles verkaufte (mit dem Song „Yéké Yéké“) und damit im Jahre 1988 die Charts anführte. Mory Kanté ist ein außer­ordentlich talentierter Griot aus Guinea in Westafrika. Nun hat er ein bemerkenswertes neues Album produziert, das seinen tiefen Griot-Wurzeln entspringt.

Er kombiniert sein Wissen über die tradi­tionellen Griot-Wurzeln mit seinen Erfahrungen im Pop-Mainstream, deshalb klingt das innovative Album modern und traditionell zugleich. Mit Ausnahme der Akustikgitarre hat Mory Kanté nur traditionelle westafrikanische Instrumente benutzt. Daraus entstand ein klarer und erfrischender Klang: bezaubernde Balafon-Spieler wechseln sich mit Kora-Soli ab, dazu fantastische Percussion und herausragende Stimmen. Zusammen schaffen sie einen wunderschönen Kaleidoskop-Klang – Sabou ist ein Album, das man sich einfach anhören muss.

Wir sprachen mit Mory Kanté während seiner Promotiontour im September 2004 in Berlin.

Mory Kanté : «Ich bin ein Künstler für Deutsche»

Mory Kanté, in Deutschland kennt man Sie nicht nur wegen Ihres großen Erfolges „Yéké-Yéké“, sondern weil Sie sehr oft hier sind. Gibt’s dafür einen Grund?
Ich habe in Deutschland extrem gute Verkaufserfolge, sehr viel Promotion gemacht und bin sehr oft hier aufgetreten. Die Deutschen haben mich außerordentlich gut angenommen, ich würde sagen, ich bin ein Künstler für die Deutschen.

Wie wurden Sie zum Musiker? Haben Sie das eines Tages beschlossen?
Ich wurde als Musiker geboren, zu beschließen gab es da nichts. Meine Eltern und Großeltern waren Griots, ich wurde so erzogen, und das war gut so.

Gab es dabei musikalische Vorbilder für Sie?
Wie alle jungen Musiker in Afrika in den sechziger Jahren wurde auch ich von der Unabhängigkeitseuphorie ergriffen, die dazu führte, dass jeder, der ein Instrument spielen konnte, versuchte, in einer Band Fuß zu fassen, um diesem Glücksgefühl musikalisch Ausdruck zu verleihen. Das mischten wir dann mit Elementen aus der französischen Musik, afrokubanischen und Soulmusic-Elementen. James Brown z.B. fand ich Spitze. Das war ein tolles Leben zu der Zeit, wir waren unbeschwert und hatten damals nur eine einzige Sorge: dass es bei unseren Auftritten genug Applaus geben würde.

Heute haben Sie also andere Sorgen?
Heute geht es uns darum, die ganze Welt zu erobern, sein Publikum in welchem Land auch immer bei der Stange zu halten.

Mory Kanté – die Kora ist immer dabei. Was bedeutet dieses Instrument für Sie, ist sie ein Teil Ihrer selbst?
Diese Kora ist älter als ich. Sie wurde mir geschenkt von einem Künstler, El Haj Batourou Sekou Kouyaté, der mit 89 Jahren in Bamako verstorben ist. Er hatte selbst von klein auf ihr gespielt, und das war ein Pakt unter uns: Er hat mich wie einen Sohn angenommen und mir gesagt: „Diese Kora soll dich, eine Kinder und Enkel ernähren“. Ich habe sie so belassen, wie sie war, nur ab und zu ein paar Saiten ausgewechselt, sonst ist sie unverändert. Sie geht mit mir durch dick und dünn, widersteht ohne Schutzhülle Wind und Wetter. Zum Dank für ihre Treue behandele ich sie mit Samthandschuhen, sogar im Flugzeug hat sie immer ihren eigenen Sitzplatz in der 1. Klasse. Meine Frau ist sogar manchmal eifersüchtig, weil ich meine Kora so sehr liebe …

Ihre neue CD trägt den Titel « Sabou » – was bedeutet das?
Sabou heißt Hoffnung, auch Hoffnungsträger. Gewidmet habe ich sie den Dorf, in dem ich geboren bin, weil dort meine Hoffnung entstanden ist und ich auch die Hoffnung des Dorfes war und bis heute geblieben bin. Immer noch nennt man mich dort „den kleinen Griot“, mit sieben habe ich dort schon Balafon gespielt. Ich spielte auf Feiern aller Art, und hatte einen Riesenerfolg, war ein Kinderstar.

Welchen Ihrer Titel mögen Sie eigentlich selbst am liebsten?
Alle. Das ist wie mit Kindern, hat man mehrere, liebt man sie alle gleich, jedes hat seinen Platz im Herzen.

Hören Sie Musik anderer Künstler?
Ja, die der großen Griots. Musik muss mich zum Nachdenken bringen, und das finde ich bei ihnen.

Ihre Pläne für die Zukunft ?
Jedes Album ist für mich ein Kunstprojekt, in das ich viel investiere. Ich will, dass die Menschen sagen, dass ich mir dabei viel Mühe gegeben habe. Und von solchen Projekten habe ich noch eine ganze Menge im Ärmel!

Und wie sehen Sie Afrikas Zukunft?
Man darf Afrikas Zukunft nicht losgelöst vom Schicksal des gesamten Planeten sehen. Afrika leidet, an Hunger, Krankheiten und unter Bürgerkriegen. Wir sitzen alle in einem Flugzeug, Afrika dabei noch in der Economy-Klasse. Das kann und wird sich sicher ändern, aber dafür müssen erst einmal die Bedingungen geschaffen werden. Zum Beispiel muss es jedem Menschen auf der Erde erlaubt sein, sich ohne Beschränkung von einem Ort und anderen zu bewegen. Jeder Mensch, jede Rasse hat ihren Platz in der Menschheit, die für mich wie ein einziger Körper ist, der, wenn ein Teil schmerzt, diesen Schmerz überall fühlt. Und Hunger dürfte es absolut nicht mehr geben, das ist unverzeihlich, denn genug zu essen gibt es.