Gastbeitrag von zwei globalen Aktivistinnen: Afrikanische Jugend fordert inklusive Demokratie

VENRO, der Dachverband der entwicklungspolitischen und humanitären Nichtregierungsorganisationen (NRO) in Deutschland, hat das EU-Präsidentschaftsprojekt „Towards an Open, Fair and Sustainable Europe in the World 2020–2022“ in die Wege geleitet. Mit diesem Projekt soll die Partnerschaft zwischen Afrika und Europa durch die Stärkung des Vertrauens von Jugendlichen in politische Prozesse und ihre Teilnahme daran vertieft werden. Das Gemeinschaftsprojekt bringt Jugenddelegierte und –botschafter*innen für nachhaltige Entwicklung aus Europa und Afrika zusammen und dient der Identifizierung, Förderung und Vernetzung von Jugendinitiativen, die sich für eine stärkere Beteiligung junger Menschen an politischer Führung und politischen Entscheidungsprozessen stark machen.

Die Geschichte zeigt, dass die Partnerschaft zwischen unseren beiden Kontinenten immer wichtiger wird, um den Wohlstand und die Demokratie für die Bewohner*innen zu fördern. Jugendliche und junge Menschen in Afrika sind jedoch weiterhin frustriert, weil sie von politischen Prozessen ausgeschlossen und sogar dafür missbraucht werden. Ein krasses Beispiel für die Ausbeutung von Jugendlichen in vielen afrikanischen Ländern ist die kontinuierliche Manipulation durch Politiker*innen, die sich die finanzielle Abhängigkeit von Jugendlichen zunutze machen, um deren Wahlentscheidungen zu ihren Gunsten zu beeinflussen und ihre Stimmen zu erkaufen. Darüber hinaus bleiben die wesentlichen Beiträge, die Jugendliche zu demokratischen Prozessen leisten, häufig unerkannt und ungehört, sodass sich unter vielen jungen Leuten Politikverdrossenheit und Wahlmüdigkeit breitmachen.

Laut einem Bericht des UN-Bevölkerungsfonds (UNFPA) sind mehr als ein Drittel der Menschen in Subsahara-Afrika Kinder und junge Menschen im Alter von 10 bis 24 Jahren. Dies zeigt, wie wichtig es ist, das Vertrauen der Jugendlichen in die Politik durch den Aufbau robuster politischer Institutionen zu stärken. Unsere Teilnahme am gemeinsamen Jugendworkshop der Afrikanischen und Europäischen Union war eine seltene Gelegenheit für Graswurzel-Aktivist*innen, sich intellektuell auszutauschen und gemeinsame politische Forderungen zu formulieren. Damit konnten wir die praktische Einbindung von jungen Leuten in Entscheidungsprozesse voranbringen.

Im Sinne einer Europa-Afrika-Partnerschaft, von der beide Seiten profitieren und die das politische Vertrauen von Jugendlichen stärkt, haben wir folgende konkrete Punkte für den Aufbau inklusiver Demokratien ausgearbeitet: 

Globale demokratische Reformen
Weltweit wächst die Unzufriedenheit mit der Demokratie als Herrschaftsform, weil politische Positionen dazu missbraucht werden, den Reichtum und die Macht gewählter Mandatsträger*innen zu mehren. Daher sind strukturelle Reformen unverzichtbar, um die Einbeziehung von Jugendlichen in politische Prozesse sowie faktenorientierte Entscheidungen zu fördern. Das grundlegende Ziel unserer beiden Staatenverbunde sollte darin bestehen, faire, friedliche und transparente Wahlen zu gewährleisten. Dies dient nicht nur der Vertrauensbildung, indem Jugendliche vor Gewalt und Missbrauch bei Wahlen geschützt werden, sondern auch der Meinungs- und Vereinigungsfreiheit. Allem voran würde es zudem zu der Wahl qualifizierter Mandatsträger*innen führen.

Rechenschaftspflicht für öffentliche Behörden in Bezug auf die Verwendung von Corona-Hilfen
Der weltweite Lockdown war der Auslöser für massive Hilfszahlungen und Kreditzusagen an afrikanische Länder. Inzwischen mehren sich jedoch die Anschuldigungen und Skandale im Zusammenhang mit der Verschwendung und Veruntreuung solcher Gelder. Weltweit machen sich Aktivist*innen für ein Schuldenmoratorium stark. Gleichzeitig müssen wir von den Regierungen verlangen, Rechenschaft über die Verwendung von Hilfsgeldern abzulegen.

Finanzielle Förderung der zivilgesellschaftlichen Mobilisierung von Jugendlichen und technischer Innovationen
Durch die Unterstützung der Kompetenzentwicklung von jugendlichen Graswurzel-Aktivist*innen, Jugendorganisationen und -initiativen kann das zivilgesellschaftliche Engagement junger Menschen erheblich gefördert werden. Ein Kritikpunkt an einer demokratischen Regierungsform ist, dass viele junge Menschen nicht wissen, wie diese Form der politischen Herrschaft funktioniert und wie sie daran partizipieren können. Andererseits wird die Förderung des Engagements von Jugendlichen für Innovation und Nachhaltigkeit starke und funktionsfähige Institutionen hervorbringen.

Auch wenn es aus unserer Sicht entscheidend darauf ankommt, das Vertrauen junger Leute in politische Prozesse zu stärken, müssen auch die Jugendlichen wichtige Dinge lernen und Hürden überwinden, um ihrerseits das Vertrauen und Wohlwollen der Gesellschaft zu erlangen. Trotzdem ist es schon jetzt möglich, Jugendliche durch Einführung sich ergänzender Führungsmodelle in politische Entscheidungsprozesse einzubinden. Dazu gehört auch, dass generationsübergreifendes Co-Leadership als Instrument zum Aufbau kohärenter Partnerschaften für junge Menschen genutzt wird.

Als Jugendliche müssen wir die Räume, die wir selbst für uns gefunden haben, nutzen, um einen positiven Beitrag zu einer nachhaltigen Zukunft zu leisten. Das tun wir, indem wir dafür sorgen, gleichberechtigt repräsentiert zu werden, funktionsfähige Plattformen schaffen und aktiv Vertrauen aufbauen. Ohne uns gibt es keine Regierung. Daher fordern wir die Europäische und die Afrikanische Union dazu auf, konkrete Maßnahmen zu ergreifen, um junge Menschen in allen Bereichen zu unterstützen und Partnerschaften zwischen Jugendorganisationen und der Regierung aufzubauen. (Zigwai Tagwai & Merryl Omondi)

Über die Autorinnen
Beide Autorinnen sind globale Aktivistinnen der Organisation ONE. ONE ist eine weltweite Bewegung, die sich mit ihrer Kampagnenarbeit für ein Ende extremer Armut und vermeidbarer Krankheiten bis 2030 einsetzt, damit jeder Mensch weltweit ein würdevolles und chancenreiches Leben führen kann.

Zigwai Tagwai 
Zigwai Tagwai ist Good-Governance-Aktivistin und Social Mobilizer. Als ONE Champion in Nigeria setzt sie sich durch politische Bildung von Jugendlichen und den engen Austausch mit politischen Mandatsträger*innen für Transparenz und Rechenschaftspflicht in Governance-Prozessen ein. Sie ist Alumna der Young Africans Leadership Initiative (YALI), West Africa in Civic Society Leadership & Management, und hat ein Bachelor-Studium in International Studies absolviert.

 

 

Merryl Omondi

Merryl Omondi ist Public-Policy-Expertin und verfügt über dreijährige Erfahrung in der Leitung von Projekten zur Ausarbeitung und Umsetzung von Strategien der Unternehmensentwicklung für Start-ups sowie kleine und mittelständische Unternehmen in Kenia. Derzeit ist sie am @iLabAfrica als Assistant Manager des Gründerzentrums @iBizAfrica tätig, das ein Netzwerk aus über 400 Unternehmern unterstützt. Die politisch-gesellschaftliche Bildung und Teilhabe von Jugendlichen, Unternehmertum, Technologie und Politik sind die Themen, die ihr am Herzen liegen.