Analyse: Wie wird Afrika die schweren Folgen der Pandemie-Krise überwinden können?

Analyse: Wie wird Afrika die schweren Folgen der Pandemie-Krise überwinden können?Die globale Welt wurde in eine tiefe gesellschaftliche und wirtschaftliche Krise gerissen. Die Pandemie überrollt den Kontinent. Die erschreckenden Wirkungen der Pandemie zerschlagen jeglichen Gemeingeist der Staatenwelt, und die infizierte Welt gerät in einen Notstand mit einer Gefahrenflut, Terror und einer wachsenden Armut.

Was geschah über unseren Globus hinweg? Die Machtstellung der Globalplayer hat im unermesslichen Drang nach oben, nach Wachstum agiert und die Natur geschwächt und zerstört. Schließlich tragen wir Menschen doch selbst die Verantwortung dafür, unser Leben auf dem Planeten, mit der Natur in ein dringend notwendiges Gleichwicht zu bringen.

Nun stellen sich mitten in der Coronakrise Fragen: Was kommt danach, wie weiter, wie gehen wir in eine neue Realität unseres künftigen Lebens?

Die Globalisierung der kapitalistischen Welt mit Konkurrenz und Hegemonie der ökonomisch Stärkeren wird fortbestehen. In die ungezügelte Herrschaft des international wirkenden Finanzkapitals (500 der größten Konzerne der Welt tragen 52,8 % der Weltproduktion) muss energisch eingegriffen werden. Es geht im Kampf um die Werte des Fortschritts und damit auf eine Entschleunigung unserer Entwicklung, gerichtet auf die intensive Stärkung der nationalen Produktionskapazitäten (lt. Klaus von Dohnanyi).  Und hier liegen die brennenden Herausforderungen der Weltpolitik im Klimawandel und der Beherrschung der Fluchtbewegungen, deren Lösungen in einer zwingenden internationalen Zusammenarbeit liegen.

Afrika wird durch die Covid-19 Krise in ein verheerendes Chaos gestürzt mit massiven wirtschaftlichen Folgen und schwerstem Leiden für die so stark anwachsende Bevölkerung.  Damit werden alle Nationen in ihrer Entwicklung über Jahre zurück zu fallen. Heißt es doch: in Afrika hat das Virus leichtes Spiel! Permanent über Jahre hinweg sehen wir sehr betroffen auf das schwache Gesundheitssystem in allen Ländern. Und über die Gesundheitskrise hinaus leidet die afrikanische Wirtschaft auch durch die starke Abhängigkeit vom internationalen globalen Marktgeschehen.

Was folgt auf Covid-19 auf dem afrikanischen Kontinent im 2. Afrika-Jahr? Hier zitiere ich die Aussage von Afrika-Expertin Annette Weber (Stiftung Wissenschaft und Politik, Berlin): „Lassen wir Afrika im Stich, werden die langfristigen Auswirkungen auch für uns erheblich sein!“

Europa muss sich gegenüber seinem Nachbarkontinent wesentlich stärker seiner Verantwortung für ein nachhaltig auszubauendes Zusammenleben bewusst machen.

Wie können die afrikanischen Länder nach dem Corona-Krisenzyklus auf ihre in der Vergangenheit erreichten Entwicklungsfortschritte zurückkommen und ihren zwingenden Aufbruch neu initiieren? 

Vergegenwärtigen wir uns die Entwicklung und Phasen aus der 60-jährigen präkolonialen Zeit, aus der sich erhebliche Schlüsse und Anforderungen für eine neue Zeit durch Überwindung von empfindlichen Schwächen der Staatsführungen stellen. Die Machtkonzentration in den Händen von Eliten und diktatorischen Führungskräften (alte Männer behaupten sich seit präkolonialen Zeiten!), offenbart enorme menschliche und institutionelle Kapazitätsdefizite auf dem Kontinent.

Welche Problemkreise müssen von und mit den Ländern des Kontinents in ein nachhaltiges Strategiekonzept gestellt werden?     

  1. Afrika hat die herrschende hohe Armut in der postkolonialen Zeit nicht bewältigt und steht vor einer gigantischen Ausweitung in der Coronakrise. Neben finanzieller und medizinischer Katastrophenhilfe muss jede Regierung ihr Krisenmanagement zum Ausbau des vernachlässigten Gesundheitssystems mit ihren Erkenntnissen aus Ebola einrichten. Die vielen lokalen Gesundheitseinrichtungen jeder Art und die Ausbildung von Fachpersonal stehen an erster Stelle.
  2. Mit Blick in die Zukunft des Kontinents steht für Afrika die Agenda 2063, präsentiert von der AU, mit der Zielrichtung auf eine panafrikanische Identität. Entscheidend ist für die darin angestrebte enge Integration, eine progressive wirtschaftliche Strategie der Länder aufzustellen mit stärkeren Eigeninitiativen der politischen Führungen zum Strukturwandel. Wesentlich ist die konsequentere Umsetzung demokratischer Prinzipien unter fester Positionierung der Zivilgesellschaft. Ein negatives Beispiel dazu bietet die Jugend Südafrikas, denn sie glaubt nicht mehr an den Traum der multiethnischen Regenbogennation – mit einer hoffnungsvollen Entwicklung. Die Versöhnungspolitik von Nelson Mandela ist gescheitert, die Politik hat bis heute in diesem Land versagt.
  3. Der Aufstieg der Wirtschaft einzelner Länder weist positive Wachstumsraten aus mit Zahlen von 6-8%. Diesen liegt im Wesentlichen der Rohstoffsektor zugrunde. Z.B. werden durch den Ölboom Entwicklungen anderer Bereiche vernachlässigt und präsentieren keine Werte einer nationalen Wirtschaft. Prof. Carlos Lopes (AU) schätzt einen Abfall des Wachstums im BIP von 3,2% auf 2% und verweist auf Ölgeschäfte von Nigeria und Angola mit einem Verlust von 65 Mrd. $. Wachstumshemmend wirken die Investitionsdefizite, denn Wachstum muss nachhaltig steigen aus der verarbeitenden Industrie mit Wertschöpfungsketten und Wettbewerbsfähigkeit. Das erfordert von einer Regierung eine sinnvolle Regulierung der Wirtschaft, besonders unter dem Aspekt der Arbeitsplatzsicherung. Der Anteil des Manufakturbereichs lag 1919 nur bei 15 % des BIP, ist aber auf 9% abgesunken.

Um nach der Krise in eine aktive Aufbruchsphase zu kommen, braucht Afrika selbst dafür großartige Ideen und Ambitionspläne, und die Regierungen müssen weitaus stärkere  Eigenverantwortung übernehmen für ungenutzte Potentiale, basierend auf einer progressiv ausgerichteten Entwicklungsstrategie.

4. Wenn der Aufbruch auch niemals ohne Hilfe der internationalen Gemeinschaft verlaufen kann, müssen sich alle agierenden potenziellen globalen und afrikanischen Akteure auf ein gigantisches Zukunftsprogramm mit einer Reihe weiterer Komplexe einstellen.
a) Etablierung staatlicher Sicherheitskapazitäten zum Kampf gegen Terrorismus, Korruption und zur Verhinderung von mörderischen Bürgerkriegen.
b) Ausbau eines staatlichen sozialen Sicherungssystems, um Grundbedingungen für normale Lebensverhältnisse, d.h. Nahrung, Gesundheit, Arbeit und Frieden zu garantieren. Der Fokus liegt auf radikaler Einschränkung der Fluchtbewegungen.
c) Stabilisierung des Finanzsystems jedes Landes, insbesondere in der Steuerpolitik. Afrika verliert jährlich mehrere Milliarden Dollar in illegalen Finanzströmen.
Zur Bewältigung der Schuldenlast der Länder plädiert Mr. Brown, ehem. britischer Premierminister für ein Schuldenmoratorium. Hilfsleistungen des  IWF mit – CCRT-Katastrophenfond betragen 500 Mio $ – für 25 Länder. Ghana erhielt die Zusage für einen Notkredit von 1 Mrd.$. Der EU-Haushalt umfasst 3 Mrd. Euro. Die UN hat ein Hilfspaket von 100 Mrd. $ ausgewiesen. Wie wird eine effektive Nutzung gesteuert? Die von China in Afrika errungene Führungsposition im breiten Feld des Infrastrukturinvestments führte zu einer afrikanischen Schuldenlast von 145 Mrd.$!
d) Im Ausbau der Industrialisierungskapazitäten (vorrangige Ausrichtung auf „small scale entrepreneurs“) hat die Modernisierung der Agrarwirtschaft in allen Ländern eine führende Position (Landnutzung, Nahrungsmittelsicherung mit lokaler Verarbeitung und Arbeitsplatzbindung für die Jugend). In Ghana zeigt sich der Trend zu Formen von Industrieparks zur agrarwirtschaftlichen Modernisierung, errichtet als kooperative Farmerunternehmen (Future Farmer).

Für den Bereich Maschinenbau sollten sich deutsche Akteure zum Engagement finden in Projekten für Bahnbau (Fahrzeuge und Technologien – speziell für die Region Westafrika) und Bergbau-Ausrüstungen (bedeutende Ressourcen an Mineralien ).

In diesen Bereich ist die Bildung einzubeziehen, d.h. Ausbildung und Qualifizierung der Jugend.
e) Klimawandel – eng verbunden mit Sicherungsvarianten in der Wasserversorgung zur intensiveren Landnutzung.

Umfassende Maßnahmen sind zu konzipierten für Projekte gegen die Wüstenbildung (über Bereiche des Sahel-Gürtels hinaus). Konsequentere staatliche Steuerung der Forstwirtschaft  (Kampf gegen illegale Abholzung und Programm zur Waldaufforstung)

5. Herausforderungen für die EU und Deutschland
Die bereits 2017 von der EU mit dem G20-Gipfel für Afrika initiierte Zusammenarbeit  wurde von der Bundesregierung bis November 2019 unter Bundeskanzlerin Merkel mit der Initiative „Compact with Africa“ weitergeführt. Bemerkenswert ist der dafür aufgebotene Entwicklungsinvestitionsfonds der Bundesregierung mit 1 Mrd. Euro!

Die Coronakrise setzte der für 2020 progressiv initiierten Entwicklung im 2. Afrikajahr        (nach 60jähriger postkolonialer Periode ) eine empfindliche Barriere. Wenn es auch heißt: Afrika verliert einen wichtigen Investitionsfortschritt, so sollten die interessanten Ansätze der deutschen Wirtschaft im Bemühen um eine Reihe wichtiger Investitionsprojekte festgehalten werden und enge Kontakte mit unseren Afrika-Akteuren gehalten werden.

Und abschließend einen hoffnungsvollen Blick auf das während der  deutschen EU-Präsidentschaft im 2. Halbjahr 2020 von Bundeskanzlerin Dr. Merkel geplante Afrika Forum!

Wann wird es lauten: „Afrika – Boom-Kontinent der Zukunft!? (Dipl.oec. Gerd Eckert)