Buch-Tipp: Doris Kleffner „Liberia – Paradies auf Abwegen“

Kritische Einblicke in die internationale Entwicklungspolitik: Mit dieser Publikation will Doris Kleffner ihre beruflichen Erfahrungen im Flechtwerk der internationalen Organisationen vermitteln. Sie beleuchtet mit Blick auf die Geschichte Liberias die wechselvollen Geschehnisse dieses Landes.

Geprägt von einem 14jährigen unvorstellbar grauenhaften Bürgerkrieg, einer jungen Bevölkerung, 15 verschiedenen Ethnien, jede mit ihrer eigenen Sprache und Kultur. Weiterhin kennzeichnen reiche Rohstoffvorkommen an Gold und Diamanten, fruchtbares Land, hohe Arbeitslosigkeit, geringe Anzahl von Bewohnern, die lesen und schreiben können, Liberia. Traditioneller Glaube an Magie und Geister, Lebensumstände werden durch okkulte Kräfte genutzt zum eigenen Vorteil oder zum Nachteil anderer, allgegenwärtig in allen Gesellschaftsgruppen.

Zoe, angesehene Mitglieder von Geheimbünden, bestimmen wie mit der Geisterwelt zu kommunizieren sei, ihr wird alle Macht zugeschrieben. Der Zoe legt fest, welche Rituale vollzogen werden sollen: das reicht von Geldforderungen bis zu Ritualmorden. Kulturelle Werte, traditionelle Fertigkeiten, Stammescodes, geheime Rituale, werden von den Zoes als Buschgeister verkleidet an ihre Schüler weitergegeben. Letztlich, so betont die Verfasserin, trage dies zu einer stabilen Sozialstruktur bei, in Zeiten, in denen der Staat so gut wie nicht existent sei.

Reichlich Unterstützung von außen, allen voran, leistet die USA. Jedoch verbleibt es bei „Wachstum ohne Entwicklung“. Auch die von allen Seiten hochfavorisierte Präsidentin Ellen Johnson-Sirleaf hat die Hoffnung der Bevölkerung auf Verbesserungen zunichte gemacht.

Schwierig gestaltet sich der Versuch, die Ex-Rebellen zu entwaffnen. Die zügellosen Plünderungen, die Gräueltaten nehmen kein Ende. Der massive Einsatz von Kindersoldaten, das Ringen um Macht, Einfluss, Geld und Rohstoffe hinterlassen bei allen Beteiligten tiefe Spuren. Die Zahlen vermitteln nur einen sehr unvollständigen Eindruck, Generationen von verwitweten und vergewaltigen Frauen und tief Traumatisierten, ohne Zukunft.

Aus dieser Perspektive beschreibt die Autorin ihr Umfeld. Managementaufgaben bestimmen ihren ersten Einsatz von 1992-1994 für das internationale Freiwilligenprogramm der UNO. Experten zu finden, für den Einsatz in Bildung, Wirtschaft, Logistik oder für humanitäre Projekte als ein Bereich ihrer Arbeit.

32 Jahre in Organisationen der Vereinten Nationen, davon insgesamt vier Jahre in Liberia. Viel Persönliches fließt ein in Beschreibungen von Situationen, Doris Kleffner erfasst prägnant die einzelnen Facetten.

Ihr zweiter Aufenthalt, nach 13 Jahren konzentrierte sich auf das Ziel der Entwaffnung der Rebellen und deren Reintegration, der Stabilisierung des Friedens sowie der Rückkehr von Flüchtlingen. Wesentlich, so die Analyse der Autorin, sei die Zerschlagung der Kommandostrukturen, zu verhindern, dass sich die Ex-Rebellen erneut Milizen anschließen oder ins afrikanische Ausland fliehen. Berufsausbildungsprogramme, Kurzeitjobs für Infrastrukturprojekte, Kautschukplantagen sollten wieder zurück ins Landwirtschaftsministerium. Schwerpunkt, unterstreicht Doris Kleffner, sei die politische Arbeit und Beratung.

Erfolgreich seien nach Aussage der Verfasserin, 30 %. Sie benennt eine breite Palette von Unwegsamkeiten der Programme. Des Weiteren sieht sie eine ungesunde Entwicklung, da eine ganze Generation junger Menschen ihre Zukunft in der UNO oder NGO suchen (S.175).

Was ist für die Autorin ein erfolgreiches Projekt? Sie deckt auf, was für sie der nicht angekündigte Besuch einer Polizeistation im Landesinneren, die aus UN-Mitteln finanziert wurde, zum Ergebnis hatte. Gestohlene Wasserpumpen, UN-Autos auseinandergenommen und die Teile verkauft. Die Antwort des Polizisten, es gibt kein Budget zum Nachkaufen, das Gehalt wurde seit Monaten nicht gezahlt.

Es ist bekannt, dass die Ex-Rebellen mit ihren Waffen, Macht und Einfluss ausüben, sich damit finanzielle Mittel verschaffen. Wie geht die internationale Zusammenarbeit mit dieser realistisch dargelegten Sachlage um?

Maßgeblich für das Scheitern der Entwicklungsprojekte ist nach Doris Kleffen, dass die afrikanischen Glaubensvorstellungen ignoriert werden. Projekte werden konzipiert ohne auf die Bedürfnisse der Bevölkerung zu achten, ohne dass die liberianische Bevölkerung profitieren kann. Verbunden damit und allgegenwärtig ist die Korruption auf allen Ebenen.

Im Anhang findet sich die Chronologie Liberias ab 1820, sowie Fotos aus unterschiedlichen Lebenszusammenhängen.

Selbst wenn das Buch nicht alle Fragen beantworten kann, ist es eine aufschlussreiche Veröffentlichung über die tägliche Praxis der internationalen Zusammenarbeit. Hervorzuheben sind die Kapitel, in denen die Projektarbeit und ein „Neues Leben für Ex-Kämpfer“ thematisiert werden. Beachtenswerte Aspekte werden im Schwerpunkt des Magazins Welt-Sichten vom Oktober 2020 „Idealismus und Karriere, Arbeiten in internationalen Organisationen“, aufgegriffen und kommentiert. (Theresa Endres)

Doris Kleffner LIBERIA – PARADIES AUF ABWEGEN
Kritische Einblicke in die internationale Entwicklungspolitik
brandes +apsel, 2020 SBN 978-3-95558-286-9
29,90 €, 241 Seiten