Buchtipp „Der schwarze Tiger“ – Afrika-Experte fordert Blick nach draußen

marketManagementberater und Afrika-Kenner Hans Stoisser fordert von Politik und Wirtschaft vermehrtes Engagement auf dem schwarzen Kontinent, und erklärt auch gleich warum: „Seit Beginn der Finanzkrise beschäftigt sich Europa nur noch mit sich selbst. Zur gleichen Zeit entwickelt sich außerhalb eine dynamische Welt, deren Realwirtschaft boomt“, so der Autor des neuen Buchs „Der Schwarze Tiger. Was wir von Afrika lernen können“.

 

Bessere Lebensbedingungen

In den vergangenen 30 Jahren, in denen der frühere Entwicklungshelfer Afrika bereist hat, hätten sich die Lebensbedingungen in den Ländern südlich der Sahara deutlich verbessert. Bessere Ausbildung, mehr Kommunikationstechnologie, mehr Unternehmen. Über dieses Afrika der Vitalität und Lebensfreude, der sozialen Innovationen und Netzwerke werde in den Medien Europas wenig berichtet, kritisiert Stoisser. Dabei seien auf dem Kontinent seit dem Ende des Kalten Kriegs und der Freilassung Nelson Mandelas neue Politiken und Freiräume entstanden, von Ghana über Äthiopien, Uganda bis Ghana und Mosambik.

 

In den vergangenen 15 Jahren hat sich das BIP der Sub-Sahara verdreifacht und das Pro-Kopf-Einkommen verdoppelt. Die erfolgreichen afrikanischen Staaten sind dabei, Teil der globalisierten Welt zu werden. Dieser Ländergruppe ist es gelungen, eine breite wirtschaftliche Basis aufzubauen, im Handel, Transport und in der Industrie – mit all den neuen Möglichkeiten, die durch Mobiltelefonie, Expansion von südafrikanischen Unternehmen und Infrastrukturinvestitionen der Chinesen einhergingen. Nur ein Drittel des Wachstums in Afrika basiert auf dem Rohstoffboom, verweist Stoisser auf die Managementberatung McKinsey.

 

Die rasante Entwicklung in Afrika ist auch eine Folge der verbesserten Ausbildung und Kommunikationsfähigkeit der jungen Generation. Die zwischen 1980 und 1995 Geborenen kommen jetzt in Führungspositionen und verändern die Strukturen rapide. Sie sind so vernetzt und technisch versiert wie ihre Altersgenossen in Europa oder Amerika und leiten daher die wohl wichtigste Veränderung ein, den explodierenden Ausbau der urbanen Strukturen mit Verkehr und Wohnbau und dem Entstehen einer neuen Mittelschicht. Bis 2020 sollen bereits 125 Mio. afrikanische Haushalte in vergleichsweise hohen Wohlstand leben, die globale Gesellschaft werde die Armut zurückdrängen, ist Stoisser überzeugt.

 

Globalisierung und Digitalisierung auf grüner Wiese

Stoisser empfiehlt, den Blick darauf zu schärfen, was in den aufstrebenden Ländern Afrikas wirklich passiert und sich nicht von den Katastrophen und Kriegen blenden zu lassen, die die westeuropäische Medienberichterstattung beherrschen. Afrika ist das „Labor der Zukunft“, ein Experimentierfeld wo Neues entsteht. Hier kämen Globalisierung und Digitalisierung auf der „grünen Wiese“ zusammen, erläutert der Entwicklungsexperte. Als Beispiele für hochproduktive soziale Innovationen führt er revolutionäre Mobile-Banking-Modelle (M-Pesa) oder Software-gesteuerte Verkehrssysteme (Matatus-Kleinbustaxis) an.

 

Doch Stoisser warnt: „Wenn Europa bei den sozialen Innovationen Afrikas nicht dabei ist, verliert es nicht nur einige Prozentpunkte an Exportwachstum, sondern auch den Anschluss an die Dynamik der globalen Wirtschaft.“ Der ganze Afrika-Boom sei nicht ohne das Engagement Chinas erklärbar, erläutert der Experte. „Die Chinesen sind binnen zwei Jahrzehnten zum größten einzelstaatlichen Handelspartner Afrikas geworden. Der Deal war und ist einfach: Sicherung der Rohstoffe und Zugang zu den Märkten im Gegenzug für den Bau von Infrastruktur.“ Der vielkritisierte ursprüngliche Ansatz „Wir sind nicht hier, um zu helfen, sondern um Geschäfte zu machen“ habe inzwischen einen wesentlichen Entwicklungsbeitrag auf dem Kontinent geleistet.

 

Europa muss sich mit neuer Mittelschicht verbünden

Auf die Frage, was Europa tun kann, um bei dieser Entwicklung dabei zu sein und mitzuprofitieren, sagt Stoisser. „Wir müssen unser altes Afrika-Bild über Bord werfen. Auch mit dem Entwicklungshilfe-Ansatz kommen wir nicht weiter.“ Der Managementberater empfiehlt den europäischen Institutionen, „auszuschwärmen“ und sich mit der neuen Mittelschicht in Afrika zu „vernetzen und verbünden“. Diese Menschen hätten die gleichen Interessen nach Sicherheit, Freiheit, Wohlstand und persönlicher Entfaltung wie wir. Und sie fühlen sich für die Armut ihrer Länder verantwortlich. „Die neue Mittelschicht ist das wichtigste Bollwerk gegen autoritäre und oligarchische Staatsapparate.“ (pte, Foto: irin)