Buchtipp „Deutschland und Afrika – Anatomie eines komplexen Verhältnisses“

Buchtipp „Deutschland und Afrika – Anatomie eines komplexen Verhältnisses“

Das Interesse am Kontinent Afrika scheint groß zu sein. Diese bemerkenswerte Neuerscheinung knüpft daran an. In dem vorliegenden Sammelband mit 15 Autor*innen werden in anschaulicher Weise wichtige Aspekte dieses Verhältnisses erarbeitet und zur Diskussion gestellt.

Einleitend verweist Henning Melber auf die koloniale Vergangenheit und stellt die Struktur des Buches vor.

Im Kapitel über die deutsche Afrikapolitik vermittelt Andreas Mehler die vielschichtigen Zusammenhänge, wirft ein Licht auf die starken Wandlungen dieser Politik im vergangenen Jahrzehnt.

Robert Kappel beschäftigt sich mit der Frage, wie die deutsche Afrikapolitik zu bewerten sei. Er kommt zu der Schlussfolgerung, dass eine „Neuorientierung“ als „Entwicklung nur von inne kommen kann“ unerlässlich sei.     

Der dritte Beitrag beleuchtet die „Entwicklungszusammenarbeit mit Sub-Sahara Afrika“. Stephan Klingebeil  interpretiert die Veränderungen der letzten 10 Jahre, er fordert eine strategische Diskussion über wirksame Entwicklungszusammenarbeit, eine gleichberechtigere  Kooperation und eine Verzahnung mit der EU.

Rita Schaefer konzentriert ihre Ausführungen auf Gender Aspekte in den „Afrika Konzepten der Bundesregierung“. Sie verweist darauf, dass zwar ein differenzierteres Engagement zu sehen sei, dass aber selbstkritische Reflexionen über Maskulinität und  Eurozentrismus unabdingbar seien.

Ulf Engel widmet sich der Frage nach „Frieden und Sicherheit“. Er verweist auf den Widerspruch, der sich zeigt in den Exportinteressen der deutschen Rüstungsindustrie, der „vernetzten Sicherheitspolitik“ und die „friedenserhaltene“ Initiative in Afrika.

Steffen Haag und Franziska Müller analysieren den “Finanzplatz Afrika“. Sie erklären, dass    Deriskiering ein Ansatzpunkt ist, um erneuerbare Energien in afrikanischen Ländern zu fördern. Gleichzeitig wird ersichtlich, dass es einen weiten Weg bedeutet bis zur „Energiegerechtigkeit“.

Melanie Müller erläutert, am  Beispiel des Niger, dem neuen Schwerpunkt deutscher Afrikapolitik, die Migrationsabwehr mit ihren Auswirkungen auf die Lage in diesem westafrikanischen Land. Sie lenkt den Blick darauf, dass die ärmsten Bevölkerungsgruppen nur selten ihr Land verlassen, und dass die meisten innerhalb ihrer Region verbleiben.  

Ergänzend zum vorherigen Beitrag erklärt Boniface Mabanza Bambu die Notwendigkeit der Berücksichtigung von tatsächlichen Fluchtursachen. Er plädiert dafür, Handelsvorteile gerecht zu gestalten und die internationale Finanzstruktur radikal zu verändern.

Im zweiten Teil des Buches beschäftigt sich Andreas Eckert mit den „Afrikawissenschaften in Deutschland“. Er bezieht sich auf ein für ihn, gutes Beispiel der Afrika Forschung und Ausbildung an der Universität Bayreuth und schlägt vor, Sozial- und Wirtschaftswissenschaften mehr Gewicht zu geben.   

Manfred Loimeier vertritt die Auffassung, dass die Literaturen Afrikas hier nur beachtet werden, wenn diese für den westlichen Markt geschrieben und zugeschnitten wurde. Unbekanntes aus der afrikanischen Literatur zu erfahren und zu lernen ist ein für den Autor wichtiger Ansatz.

Albert Gaouffo und Stefanie Michels fragen nach, wem gehören die afrikanischen Kulturgüter. Ihre Antwort, lässt sich kurz zusammenfassen, nicht die Frage nach dem Eigentum ist bedeutend,  sondern wie Kulturgüter gesehen werden und wem der Zugang ermöglicht wird.

 Joachim Zeller schreibt im Kapitel über „Weg vom Vergessen?“, das es darum gehe den kolonialen „Blick auf Afrika“ abzulegen. Wichtig, seien ein dialogisches Erzählen,  eine inklusive Geschichts-schreibung, eine integrative Erinnerungskultur mit den Opfern und Tätern und ihrer Nachfahren.    

Reinhard Kössler nimmt Bezug auf das Konzept der kolonialen Amnesie, die das Auslöschen von Erinnerung und Schuld zum Inhalt hat. Das lässt sich am Bespiel Namibia aufzeigen. Zahlreiche Initiativen sei es gelungen, in Ansätzen postkoloniale Vergewisserung voranzubringen.       

Tahir Della und Bebero Lehmann, Afrodeutsche, beschreiben die Erfahrungen als Schwarze wahrgenommen werden. Sie schildern rassistische Gewalt gegenüber Schwarzen Menschen  und Geflüchteten. Ihren Ursprung sehen sie im Verdrängen der deutschen Kolonialzeit.

Henning Melber veranschaulicht am Bespiel des geplanten Humboldt Forums die Auseinandersetzungen, mit dem Fokus wie eine adäquate Beschäftigung mit der kolonialen Vergangenheit aussehen soll und kann, die bis in die Jetzt Zeit hineinwirkt.

Das Buch bietet eine sehr detaillierte Zusammenstellung über die Zusammenhänge und Beziehungen der deutschen Politik mit den Ländern Afrikas, eine Lektüre, die dazu auffordert sich verstärkt mit den vielfältigen Inhalten dieser Veröffentlichung zu beschäftigen. Im Anhang finden sich Kurznotizen zu den Autoren.

(Theresa Endres)

Hennig Melber (Hrsg.)

Deutschland und Afrika -Anatomie eines komplexen  Verhältnisse

Brandes & Apsel, 2019  

225 Seiten, Preis 22,90 €

ISBN 978-3-95558-257-9