Buchtipp : Günter Kunert / Isolde Ohlbaum – „Gesichter Afrikas“

Buchtipp : Günter Kunert / Isolde Ohlbaum – „Gesichter Afrikas“

Auf seinen zahlreichen Auslandsreisen hat der Dichter und Schriftsteller Günter Kunert afrikanische Skulpturen und Köpfe zusammengetragen – ausgewählt nicht nach Herkunft und Alter, sondern nach dem gelungenen Ausdruck der Intention des herstellenden Künstlers. Oft in entlegenen Ecken aufgespürt, in den Zentren der einstigen Seefahrernationen (London, Rotterdam, Antwerpen), konnte Kunert den „African Heads“ und ihrem Verlangen „Nimm uns mit!“ nicht widerstehen – und nahm mit, was unverwechsel- und bezahlbar war. So ist eine erstaunliche Sammlung entstanden, die ihresgleichen sucht, gestaltet von Künstlern mit einem, so Kunert, „verblüffend sicheren Gespür für Form und Maß“. Jedes Gesicht hat seine Eigenart und Besonderheit, ob das Fragende oder Versonnene überwiegt, das Heitere oder Ernste, das Insichgekehrte und Bedrückte, das Traurige oder Verschmitzte, das Stolze, Düstere oder Würdevolle – stets handelt es sich um autochthone Gebilde, Individualitäten, die uns, auch wenn Augen und Mund verschlossen sind, ansprechen, ohne sich uns zu entschlüsseln. Eine Faszination der Ruhe geht von den „Gesichtern Afrikas“ aus. Da ist nichts Primitives, nichts Aufdringliches, vielmehr öffnet sich eine Quelle der Ursprünglichkeit. Es sind, wie „Kopfjäger“ Kunert in seinen Beiträgen zu Recht bemerkt, Kunstwerke und „‘seelische Konfigurationen‘ einer von der unseren divergierenden menschlichen Existenz“.

Hier gerät aber auch ein anderes Menschentum in den Blick, eine von hölzernen Häuptern bestimmte Wirklichkeitserfahrung, die das Schwarze nicht zum Ausstellungsobjekt macht, sondern uns die Möglichkeit eröffnet, die Vorurteile unserer weißen Wertvorstellungen in Frage zu stellen. Die von Afrikanern geschnitzten Köpfe tragen, indem sie uns „Allgemeinmenschliches“ vor Augen führen, in einer schlichten und unnachahmlichen Weise dazu bei, das Naheliegende im Fremden zu erkennen. Die „Festung Europa“ sollte das im eigenen Interesse begrüßen.

Isolde Ohlbaum hat die Skulpturen fotografiert und im Spiel mit Licht und Schatten in einer eigenen Kunstform festgehalten. Eine gelungene Symbiose, die den Betrachter zu einem anderen Blick auf Afrika einlädt.

Günter Kunert
* 1929 in Berlin. Er gehört zu den angesehenen und viel gelesenen Dichtern und Schriftstellern in Deutschland. Zunächst studierte er fünf Semester Grafik an der „Hochschule für angewandte Künste“ in Berlin. 1979 verließ er die damalige DDR. Seitdem lebt und arbeitet er bei Itzehoe. Kunert veröffentlichte neben zahlreichen Lyrikbänden auch Kurzgeschichten, Essays, autobiografische Aufzeichnungen, Glossen und Satiren, Märchen und Science Fiction, Hörspiele, Reiseskizzen, Drehbücher, Libretti, Kinderbücher, einen Roman und ein Theaterstück. Ihm wurden zahlreiche Preise und Ehrungen zuteil sowie mehrere Ehrendoktoren. Auch als Maler und Zeichner fand er Beachtung. Seit 2005 ist Günter Kunert Präsident des P.E.N.-Zentrums deutschsprachiger Autoren im Ausland.

Isolde Ohlbaum
* 1953 in Moosburg an der Isar. Sie ist eine der bekannten deutschen Fotografen. In Moosburg an der Isar geboren, lebt sie seit ihrer Kindheit in München und absolvierte dort die „Bayerische Staatslehranstalt für Photographie“. Seit dem Abschluss ist sie als freie Fotografin tätig. Internationale Anerkennung fanden besonders ihre einfühlsamen Porträts aller bedeuteten künstlerischen Größen, zu deren wichtigster Chronistin sie über viele Jahre hinweg wurde. Zu ihren Werken zählen aber auch Bildbände über erotische Skulpturen auf europäischen Friedhöfen, Tieraufnahmen und Blumen. Zahlreiche internationale Ausstellungen würdigten bereits ihre Arbeiten.

Gesichter Afrikas
48 S., 36 Abb., Paperback, Format 17 x 21 cm
ISBN 978-3-943425-15-4
12,80 €