CD-Tipp: Aziza Brahim – „Soutak“

Aziza Brahims mit tiefer Leidenschaft und Anmut gespielte Musik spannt den weiten Bogen von ihrer Herkunft aus der westlichen Sahara bis zur europäischen Weltstadt Barcelona, wo sie heute lebt. Aziza ist sowohl zeitgenössische Tondichterin als auch prominente und eloquente Sprecherin der Bevölkerungsgruppe der Sahrauis und ihrem andauernden Kampf um Anerkennung und Gerechtigkeit.

Geboren und aufgewachsen in den Flüchtlingslagern entlang der Grenze zwischen Algerien und der Westsahara, wurde Azizas Leben sowohl von bitterer Not als auch von entschlossenem Willen geprägt. Nach ihrer Flucht vor der politischen Unterdrückung nach der Besetzung der Westsahara durch Marokko im Jahr 1975, reiste Aziza als junger Teenager nach Kuba und besuchte dort weiterführende Schulen. Sie musste aber auch die dramatische kubanische Wirtschaftskrise der 90er Jahre miterleben, wie auch das daraus resultierende Scheitern eines Musikstudiums.

Musik war Azizas Leidenschaft seit sie ein kleines Mädchen war, und trotz dieses Karriere-Rückschlags kehrte sie in die Saharawi-Lager Algeriens zurück und begann in verschiedenen Ensembles zu singen und spielen, was sie auch nach ihrem Umzug nach Spanien im Jahr 2000 kontinuierlich fortsetzte. Dort gründete sie die sahrauisch-spanische Band Gulili Mankoo, mit der sie zwei gefeierte selbstproduzierte Aufnahmen veröffentlichte: die E.P. „Mi Canto“ (2008) und das Album „Mabruk“ (2012), beide erschienen beim französischen Label Reaktion, das sich auf Musik aus der Sahara spezialisiert hat. In den letzten Jahren tourte Aziza ausgiebig und performte auch bei großen Festivals wie WOMAD Cáceres (2012) und in legendären Veranstaltungsorten wie der Queen Elizabeth Hall in London (2009).

Azizas neues Album Soutak („Deine Stimme“), ihr Debüt für Glitterbeat, ist ihre erste Aufnahme, die vor allem ihre majestätische Stimme und die einfühlsame Sozialkritik in ihren Texten fokussiert. Das Album wurde von Chris Eckman (Tamikrest, Ben Zabo, Dirtmusic) produziert und wurde live und direkt in Barcelona im Juni 2013 aufgenommen.

In den Linernotes zum Album beschreibt Aziza ihre Vision für Soutak:
„Mit dem Bedürfnis, eine akustische Platte zu machen, dachte ich an einen etwas bescheideneren musikalischen Rahmen mit nicht zu vielen Instrumenten und den Stimmen als expressives und emotionales Zentrum. Ich wollte die Palette der Möglichkeiten weiter erforschen, die sich in der Haul-Musik finden, der auf der Tabal gespielten traditionellen rhythmischen Quelle der Sahara – einer maßgeblichen Inspiration für den Desert Blues.“

Die handverlesene Band, die sie für das Album zusammengestellt hat, besteht aus den Spaniern Nico Roca (Drums) und Guillem Aguilar (Bass), Kalilou Sangare aus Mali (akustische Gitarre), Azizas Schwester Badra Abdallahe (Backing Vocals), und außer ihrem Gesang hören wir Aziza auch an der akustischen Rhythmusgitarre und der Tabal, der traditionellen Saharawi-Handtrommel.

Die Musik auf Soutak ist eine kraftvolle und nuancierte Mischung verschiedener Musikkulturen und präsentiert malische, spanische, kubanische und aktuelle anglo-europäischen Elemente, alles zusammengehalten von Azizas tief verwurzeltem Wissen der traditionellen Sahraui -Songs und -Klänge.

Auf Soutak umrahmt die Band Azizas Stimme mit würdevoller Zurückhaltung und lässt Raum für ihre Texte, die vom politisch motivierten “Gdeim Izik” (benannt nach dem mit Unterstützung der marokkanischen Behörden zerstörten „Camp der Würde“) bis zum geflüsterten Rätsel “La Palabra”/“Das Wort“ („Vom Wind gewiegt brach es auf / es ging um die Welt und kehrte zurück / und weiterhin wurde das Wort gehört“) reichen.

Das ihrer Mutter gewidmete „Julud“ ist möglicherweise der bedeutendste Song des Albums, indem er die ebenso intime wie herbe Wüstenpoesie mit dem unnachgiebigen Glauben an den politischen Kampf der Sahraui kombiniert: Du bist wie die Nacht und die Sterne / Deine Stimme geht über die Wolken hinaus / Du bist die lächelnde Brise von heute / Du bist ein Vorbild der Menschlichkeit und des Kampfes. Widerstehe, Unsterbliche, wiederstehe.

Obwohl die Songs auf Soutak in ihren Details der Unterdrückung schonungslos sein können, lassen sich auch eben diese „lächelnden Brisen“ finden – nämlich in Azizas einzigartiger Stimme, ihrem eigensinnigen Engagement und ihrer subtil erfinderischen Musik.

Mit Soutak hat Aziza Brahim einen Flug in die Freiheit abgeliefert, in eine andere Welt, wo Hoffnung abzusehen und Tanzen gerechtfertigt ist. (nuzzcom)