CD-Tipp: Souad Massi „Oumniya“

CD-Tipp: Souad Massi „Oumniya“

Die wunderbare Souad Massi meldet sich zurück mit einem Album das sich sehen bzw. hören lassen kann: Oumniya (Mein Wunsch) ist das sechste Album der algerischen Chaabi-Folk-Ikone. Inhaltlich beschäftigt Souad sich mit der aktuellen Lage in ihrer Heimat Algerien; es geht um Politik, um Freiheit und Emanzipation, aber auch um Liebe und Poesie und um Folk-Music – Musik aus dem Volk.

Wie lässt sich Folk-Music definieren? In den 1940er Jahren setzte Woody Guthrie den Standard. Seine Musik gilt bis heute als die Urform dieser Musikgattung. Dazu gehörte: Stimme, Gitarre, Themen aus dem Volk … und eine Protest-Haltung. In den 60er Jahren nahm sich Pete Seeger ein Banjo, Bob Dylan eine Mundharmonika und Joan Baez ihre Stimme, um dem Protest gegen den Vietnam-Krieg eine Stimme zu verleihen.

Von daher: Ja, Soud Massi macht Folk-Musik; aber sie bedient sich dabei von jeher verschiedener Genres. Ungewöhnliche Wege in der Musik ist sie schon immer gegangen. Nicht kategorisierbar: Folk oder Arabisch? Zur Erinnerung: Sie war die Stimme auf dem ersten Rock-Album, das in Algerien aufgenommen wurde.

Auf ihrem neuen Album Oumniya kombiniert die Musikerin Elemente von Reggae, Fado und Latin-Rhythmen. Eingebettet in die traditionelle Châabi-Musik fügt sie die andalusisch-arabische Violine (Mokrane Adlani) hinzu, gibt der spanischen Akustik-Gitarre eine kabylische Mandole (Mehdi Dalil) an die Seite oder verstärkt die traditionelle Darbouka (Rabah Kalfa) mit Latin-Percussion (Adriano Tenorio).

Souad Massi über den Song „Fi Bali“: „Es beschreibt einen Ex-Präsidenten, eine Oligarchie, die das Land aus den Schatten heraus regiert, ein Land, das aussieht, als würde es bald untergehen, denn seit seiner Unabhängigkeit im Jahr 1962 hat es keiner seiner Führer geschafft, die Schätze Algeriens zu bewahren. In den letzten siebenundfünfzig Jahren wurde nichts geschaffen. Es ist, als hätte die Geschichte des Landes erst mit der Unabhängigkeit begonnen, was offensichtlich nicht der Fall ist.“

2 Lieder in französischer Sprache sind auf dem neuen Album: „In einem Flugzeug aus Spanien ließ mich mein Tontechniker das Lied „Pays Natal“ hören, und ich hatte Gänsehaut, die Texte sind wunderschön.“

„Um den Geruch von Sesam oder Kreuzkümmelbrot zu riechen, musste man in diesem Land lange in der Schlange stehen…“. Dies sind die Worte von Françoise Mallet-Joris, begleitet von Musik von Marie-Paule Belle „die ich damals noch nicht kannte“. Magyd Cherfi, Aktivist und ehemaliger Sänger der französischen Rap-Band Zebda, gab seinen Song „Je chante“ an Souad weiter.

Seit „We Shall Overcome“ und Woodstock hat sich der Fokus des Kampfes verschoben. Aber immer noch geht es um die Achtung der Frauenrechte. „Sicher“, sagt Massi, „ich gehöre zu einer Kultur, in der Frauen kämpfen müssen, um respektiert zu werden. Aber überall müssen sie um ihre Existenz kämpfen und sich das Recht zu sprechen verdienen.“ Massi’s neues Werk steht gegen schändliche Praktiken, wie die Zwangsheirat junger Mädchen, die sie am Lernen hindert („Je veux apprendre“, Ich will lernen). Oder die extreme Ehrlichkeit der Selbstbeobachtung („Wakfa“, der Test des Spiegels) und die Definition von intimen Entscheidungen („Yadra“, der Wunsch zu entkommen). Alles mit einer Stimme voller menschlicher Wärme, ihrem Grundwert.

Biografie

Souad wurde 1972 in Bab El Oued geboren – die alte Arbeiterklasse-Nachbarschaft in Algier, die mehr als eine Revolution hervorgebracht hat. Souad wuchs in dem Vorort Saint-Eugène auf, inmitten von Gärten, die nach Geißblatt rochen. Ihr Vater war ein ruhiger Mann, der für das nationale Wasserversorgungsunternehmen arbeitete und chaabi über alles liebte – den traditionellen Pop des alten Algeriens. Souads Mutter kam aus Kabylia, der gebirgsreichen Berber-Region im Norden Algeriens. Ihre Musik war Aretha Franklin und James Brown. Souads Onkel – jeder nannte ihn „Hugo“ – spielte auf seiner „Flamenco“-Gitarre Jazz. Ihre Brüder machten auch Musik, aber als sie startete, selbst zu spielen, fand sie es sehr schwer. „Ja, Musik ist Männersache“, sagte einer ihrer Brüder. „Wie Autos…!“ Aber dann brachte er Souad in Musikstunden an der ‚École des Beaux Arts‘ in Algier unter, ohne ihr etwas davon zu sagen. „Ich hatte Angst eine Frau zu sein, weil der Status von Frauen in Algerien mich verängstigte“, erzählt Souad. Sie schnitt ihre Haare ab, trug eher männliche Klamotten und spielte Fußball. Die Leute riefen ihr Schimpfwörter nach und spuckten in ihre Richtung, besonders wenn sie ihren Gitarrenkoffer trug. „Ich war sehr einsam“, berichtet sie. „Die Nacht war immer eine bedeutende Zeit für mich. Wenn du weinen willst, sieht das nachts keiner. Ich lebte in einer sehr großen Familie und ich konnte das tagsüber nicht machen.“

Sie liebte es, ins Kino zu gehen und Western zu sehen. “Zwei glorreiche Halunken“ war ihr Lieblingsfilm. Durch diese Westernfilme fand sie etwas heraus über Country- und Folkmusik. Sie wurde besessen davon – sehr merkwürdig für einen jungen algerischen Teenager. Sie liebte außerdem alte arabische Poesie und Victor Hugo. Flamenco verursachte ihr Gänsehaut. Arabische Musik schien im Vergleich zu selbstsicher und artig. Spanien war nicht weit weg und die spanische Kultur war immer sehr präsent in Algerien. Souad wurde Teil einer Flamenco-Gruppe mit dem Namen „Les Trianas d’Alger“ und sie begann, kleine vor Studenten und Freunden aufzutreten. Aber „Les Trianas“ waren nur Nachahmer. Souad wollte mehr. Sie trat einer Hardrockband bei, die  „Atakor“ hieß – nach einem wasserarmen Berg in der algerischen Sahara. „Als ich mich nicht glücklich fühlte, half mir der Hardrock!“, erzählt sie. Es gab Proteste von Fundamentalisten bei den Auftritten. Unruhen auch, Jugendliche zertrümmerten Sachen. Souad fand es schwer, auf der Bühne laut zu schreien: „Ich war daran gewöhnt, heimlich zu singen. Ich hatte Angst davor, dass mein Vater herausfinden würde, über was ich singe.“

Souad veröffentlichte eine Kassette mit 6 Tracks – „Souad“, voll mit volkstümlichen Balladen. Das Fernsehen und das Radio wurden aufmerksam. Souad verdiente so gut wie keinen Cent, aber sie wurde ziemlich bekannt – was nicht sehr willkommen war. In den Neunzigern in Algerien eine Sängerin zu sein, war sehr riskant. Jeden Tag wurden Musiker, Theaterdirektoren, Filmschaffende, Journalisten und Intellektuelle ermordet. Souads Mutter war bange, vor allem dann, wenn ihre Tochter von der Gitarrenstunde nach Hause lief – eine Jeans tragend und die Ausgangsperre war auch schon angebrochen. Es gab anonyme Telefonanrufe, sogar Todesdrohungen. „Wir spielten mit dem Feuer“, sagt Souad.

Nach dem Abschluss auf der Schule für öffentliches Bauwesen fand Souad einen Job in der Stadtplanung. Sie gab einige Zeit die Musik auf. Durch Algerien touren war zu gefährlich. Also schien es so, als wäre die Idee, von der Musik zu leben ein verrückter Traum. Aber dann, im Jahr 1998, bekam sie einen Anruf von Aziz Smati – der Produzent von Algeriens angesagtester TV-Musiksow „Bled Music“. Er lud Souad nach Paris ein, um an dem Festival „Femmes d’Algerie“ teilzunehmen. Sie kam im Februar 1999 dort an, Schnee lag auf der Erde, sie hatte nicht die Absicht zu bleiben. Aber: Auf einmal kam ein Angebot für eine CD-Produktion von Island Records. Souad hatte einen Konflikt: Sie war glücklich über die Aufmerksamkeit, aber gleichzeitig einem Krieg ausgesetzt, den sie an zwei Fronten austragen musste – eine erfolgreiche Künstlerin zu sein und eine glückliche Frau. Aber sie sah genauso, dass die Künstler in Frankreich mehr Präsenz hatten als Zuhause. Ihr Debütalbum „Raoui“ wurde von Bob Coke produziert und 2001 veröffentlicht. Es war keine Rai-Musik und auch kein Maghrebi-Rap, es war arabo-andalusische Musik. Souad war etwas Neues: Eine moderne nordafrikanische Sängerin und Songschreiberin, die sanft minimalisierte Balladen sang – mit großartiger Einfachheit und emotionaler Intensität, auf Arabisch.

Souad ging auf Tour, holte die „versteckten“ Jahre in Algerien nach. Sie gewann einige Auszeichnungen für „Raoui“ in Frankreich. Im Jahr 2003 veröffentlichte sie ihr zweites Album „Deb“ und war Headline bei „L’Olympia“ in Paris – ein deutliches Zeichen dafür, dass sie karrieremäßig ein französischer Star war. „Deb“ gewann den Award „Best World Music Album“ beim „Victoires de la Musique“ im Jahr 2004 und sie tourte durch die Welt. Erinnerungen, Bilder, Gerüche lockten sie zurück nach Algerien. Souad kam im Jahr 2003 zurück und fand eine stark verbesserte Atmosphäre in dem Land vor – unter dem neuen Regime von Präsident Abdelaziz Bouteflika. Sie nannte ihr drittes Album „MeskElil“, was „Geißblatt“ bedeutet. Es wurde im Jahr 2005 veröffentlicht. Sie singt über das Haus ihres Großvaters (‘Dar Dgedi’) und das Treffen alter Geliebter (‘Denya Wezmen’). Es lagen fünf Jahre dazwischen, bevor ihr viertes Studioalbum „Ô Houria“ (‘Freedom’) im Jahr 2010 erschien, produziert von Francis Cabrel.

In einer schlaflosen Nacht vor vier Jahren und um vier Uhr morgens, sah Souad eine TV-Dokumentation über Cordoba und die Wunder des mittelalterlichen Spaniens. “Ich kam mir schäbig vor“, erzählt sie. “Ich fragte mich, wie ich es hinbekommen habe, durch die ganze Welt zu reisen und niemals dahin zu kommen. Wie kommt es, dass niemand über all diese Männer spricht… Avicenna, Ibn Arabi. Warum reden die Menschen vielmehr über kleine arabische Ganoven, die sich gegenseitig bestehlen, aber niemals über diese großen weisen Männer?“ Diese Erleuchtung, die jeden ereilt, der hinter die Klischees schaut, die heute über die arabische Kultur existieren, gab Souad eine neue Mission und neue Energie. Sie gründete eine Gruppe mit dem Namen „Les Coeurs de Cordoue“ (‘Die Herzen von Cordoba’) – zusammen mit dem spanischen Gitarrist Eric Fernandez – und tauchte ein in die Studie von arabischer Philosophie und Poesie. Sie wollte der Zeit huldigen, als die Kunst des „kalāmor“ (‚Diskurs‘) von Muslimen geehrt wurde, anstatt gefürchtet. Als die zentralen Ideen und Prinzipien des Glaubens Kraft bekommen konnten, wenn sie innerhalb rationaler Argumente und einer Debatte thematisiert wurden. Im mittelalterlichen Spanien wurden die weisen Männer im Rat des Diskurses „mutakallimoun“ (‚die Gelehrten der Debatte‘) genannt. Jeder Song von Souads neuem Album ist ein Bestreben, den Geist der Offenheit der Gelehrten, den Intellekt und die Toleranz in der Musik darzustellen. Jedes Lied hat das Herz eines Stückes Poesie, geschrieben von großartigen Männern, die sich vor Gefahr nicht gefürchtet haben – wie im 9. Jahrhundert der irakische Poet Al Mutanabbi oder sein aktueller Kollege Ahmed Matar.

Wenn der Islam einst Ibn Arabi hervorbrachte – einer der größten Philosophen in der Geschichte – kann er das auch wieder. Wenn die arabische Welt einst reich über jegliche Vorstellung war – nicht mit Benzin-Dollar, sondern mit Kunst, Wissenschaft, Weisheit und Philosophie – kann das wohl wieder so sein. Aber die arabische Welt muss ihr Herz öffnen und über Argumente sprechen, ohne Angst. (nuzz.com)