Covid-19: Ärzte ohne Grenzen warnt vor massiven Auswirkungen der Pandemie in Afrika

Ärzte ohne Grenzen ist besorgt über die direkten und indirekten Folgen der Covid-19-Pandemie in Afrika. In vielen Ländern des Kontinents haben Teams der internationalen Hilfsorganisation erhebliche Auswirkungen auf die lebensrettende medizinische Hilfe beobachtet, etwa aufgrund von Lieferengpässen und fehlenden Transportmöglichkeiten für Patienten. Vielfach ist zudem die grundlegende medizinische Versorgung durch die Pandemie eingeschränkt. Durch den starken Fokus auf die Pandemie wird zudem vielerorts die oft lebenswichtige Behandlung anderer Krankheiten erschwert.

Im Folgenden finden Sie einen Überblick zu den humanitären Situationen in verschiedenen afrikanischen Ländern. Neben Informationen über die Lage im Gesundheitsbereich finden Sie auch Informationen über aufgeflammte kriegerische Konflikte, die inmitten der Pandemie aus dem Blick zu geraten drohen.

Südafrika – TB/HIV

Ärzte ohne Grenzen arbeitet in Südafrika daran, zugleich Covid-19-Patienten zu behandeln und die Hilfe zu zwei der am weitesten verbreiteten chronischen Krankheiten aufrechtzuerhalten: HIV und Tuberkulose.

Mit mehr als einer halben Million Einwohner gehört das Township Khayelitsha vor den Toren Kapstadts zu den Bezirken Südafrikas, die am stärksten von Covid-19 betroffen sind. Die Bewohner leben auf engstem Raum in behelfsmäßigen Unterkünften, ohne fließendes Wasser. Diese Bedingungen machen es zu einer besonders großen Herausforderung, die Ausbreitung der Krankheit zu stoppen. Am 1. Juni 2020 eröffneten Ärzte ohne Grenzen in Khayelitsha ein Covid-19-Feldkrankenhaus mit einer Aufnahmekapazität von 60 Betten für Patienten, die aus dem nahe gelegenen Distriktkrankenhaus überwiesen werden. „Wir helfen dabei, die lokalen Gesundheitsversorgungskapazitäten zu erhöhen, um den dringendsten Bedarf zu decken – dies wird helfen, Leben zu retten“, erklärt Dr. Eric Goemaere, der zuständige Projektleiter.

Gleichzeitig passen die Teams von Ärzte ohne Grenzen ihre Programme zur Behandlung von HIV und Tuberkulose an, um diagnostische und therapeutische Maßnahmen sowie die langjährigen gemeindebasierten Programme im Township Khayelitsha auch bei eingeschränkter Bewegungsfreiheit aufrechtzuerhalten. Ärzte ohne Grenzen ist besorgt, dass diese grundlegende und etablierte Versorgung der Patienten gefährdet ist, wenn medizinische Maßnahmen primär auf die Behandlung von Covid-19-Patienten ausgerichtet sind.

Zentrales Afrika – Masern

Während ein Großteil der globalen Aufmerksamkeit auch in Afrika auf die Bekämpfung der Covid-19-Pandemie gerichtet ist, sind die Masern weiterhin für viele Kinder in der Demokratischen Republik Kongo, der Zentralafrikanischen Republik und im Tschad tödlich.

Die Demokratische Republik Kongo erklärte im Juni 2019 den Ausbruch der Masern, die Zentralafrikanische Republik im Januar 2020 und Menschen im Tschad sind seit zwei Jahren betroffen. Insgesamt haben sich in diesen drei Ländern hunderttausende Kinder infiziert und tausende weitere sind gestorben. Ärzte ohne Grenzen hat in allen drei Ländern auf die Masernepidemie reagiert – die Teams haben Impfungen gegen den Ausbruch durchgeführt, Kinder gegen diese und andere Krankheiten, wie Mangelernährung, behandelt. Diese Einsätze sind nun jedoch aufgrund der COVID-19-Pandemie gefährdet, unter anderem da Impfkampagnen durch Eindämmungsmaßnahmen und mangelnde öffentliche Aufmerksamkeit für die zahlreichen Gesundheitskrisen beeinträchtigt werden.

Mosambik

Tausende fliehen weiter vor dem anhaltenden Konflikt in Nord-Mosambik. In der nördlichen mosambikanischen Provinz Cabo Delgado geraten aktuell tausende von Menschen ins Kreuzfeuer des bewaffneten Konflikts zwischen Aufständischen und Sicherheitskräften. Ganze Städte werden niedergebrannt und geplündert und weit über hunderttausend Menschen wurden seit 2017 vertrieben. Zu vielen Gebieten, in denen die Menschen Schutz suchen, haben Ärzte ohne Grenzen und andere Hilfsorganisationen aufgrund der Sicherheitslage jedoch keinen Zugang. Mehrere Gesundheitszentren in den von der Gewalt betroffenen Gebieten mussten schließen oder wurden zerstört und die humanitäre und sozio-ökonomische Situation verschlechtert sich kontinuierlich.

Demokratische Republik Kongo

Vertreibung und zerstörte Gesundheitszentren in Ituri. Die Covid-19-Pandemie ist einer von vielen medizinischen oder humanitären Notlagen, mit denen die Menschen in der Demokratischen Republik Kongo tagtäglich konfrontiert sind. Wir müssen den Bedürfnissen der Bevölkerung gerecht werden, indem wir weiterhin landesweit eine Basisgesundheitsversorgung anbieten, Vertrauen gewinnen und auf das Ende des Ausbruchs hinarbeiten.

In den vergangenen Monaten hat ein Wiederaufflammen der Gewalt in der nordöstlichen Region Ituri mehr als 200.000 Menschen vertrieben. Mehr als 1 Million Vertriebene leben derzeit bereits unter menschenunwürdigen Bedingungen in Lagern oder in Behelfsunterkünften, wo es an Nahrungsmitteln, Trinkwasser und Zugang zu medizinischer Versorgung mangelt. Auch Gesundheitszentren wurden angegriffen, und die Menschen sind zu verängstigt, um in die noch funktionierenden Gesundheitszentren zu gehen. Weiterhin sterben Tausende von Kindern an behandelbaren Krankheiten wie Malaria, Durchfall und Atemwegsinfektionen, weil sie keinen Zugang zu medizinischer Versorgung haben. Die Ausbreitung von COVID-19 in der Provinz Ituri könnte verheerende Auswirkungen haben. Um dies zu verhindern, führen die Teams von Ärzte ohne Grenzen Aufklärungssitzungen in den Gemeinden durch und errichten Isolations- und Triage-Stationen in allgemeinen Krankenhäusern für potenzielle COVID-19-Patienten.

Südsudan

Kämpfe im östlichen Südsudan zwingen erneut Tausende von Menschen zur Flucht
Seit Anfang des Jahres hat Ärzte ohne Grenzen die internationale Gemeinschaft nach einer Reihe brutaler Gewaltausbrüche wiederholt auf die Notlage im Verwaltungsgebiet Greater Pibor im Südsudan aufmerksam gemacht. Eine neue Welle von Unruhen beeinträchtigt den raschen und sicheren Zugang humanitärer Organisationen zu Gemeinden, die sich gerade erst von den verheerenden Überschwemmungen Ende 2019 erholen. Tausende von Menschen flohen, als intensive Kämpfe über mehrere Tage hinweg das Leben ganzer Gemeinschaften bedrohten. Diese Zunahme der Kämpfe hat Ärzte ohne Grenzen dazu veranlasst, die medizinischen Aktivitäten in Pibor auszusetzen, nachdem auch die meisten Mitarbeiter in abgelegenen Gebieten Zuflucht gesucht hatten. Darüber hinaus bedroht die Covid-19-Pandemie das nach jahrzehntelangem Bürgerkrieg ohnehin fragile Gesundheitssystem.(msf)