„Danke, Gott, dass ich nicht gestorben bin“ – in Sierra Leone feiern die Menschen an Weihnachten und Silvester das Leben

„Happy Christmas, thank you God, that I didn’t die …“ Dieses Lied ist an Weihnachten überall zu hören. Auf den Straßen, in den Häusern und in den Kirchen singen die Menschen dieses Lied. Sie feiern an Weihnachten und Silvester das Leben. Kurz nach Weihnachten wird die Textstelle entsprechend ersetzt: „Happy new year, thank you God, that I didn’t die …“.

Bereits zwei Wochen vor Heiligabend starten die „Christmas Carolls“ ihre Streifzüge von Tür zu Tür. Sie singen spät am Abend den Hausbewohnern etwas vor und erhalten dafür Getränke, Snacks oder etwas Geld. An Heiligabend versammeln sich dann alle in den Kirchen und singen das typische Lied. Auch die Muslime und andere religiöse Gruppen finden sich an Weihnachten in den Kirchenbänken der Christen wieder. Das heilige Christfest bedeutet in Sierra Leone ein Fest der Versöhnung; im privaten wie im religiösen oder politischen Kontext. „Streitigkeiten werden ignoriert, Zwistigkeiten beseitigt und Religionen vereint“, erklärt Carmen Schöngraf, Geschäftsführerin von ora Kinderhilfe, die westafrikanische Tradition. „Es ist eine Pflicht, auch mit denen zu sprechen, die man sonst lieber meidet.“

„Nach dem Gottesdienst wird gegessen, was die Frauen den ganzen Tag zubereitet haben. Oberstes Gebot ist das Teilen“, erzählt Schöngraf. Die Nachbarn, Bewohner und Familien teilen untereinander, was gekocht wurde. Dafür laufen sie in Dörfern und Städten auf öffentlichen Plätzen zusammen und essen gemeinsam. Wer sein Haus nicht verlassen kann, dem wird Essen gebracht. „Wichtig ist es, niemanden zu vergessen“, so Schöngraf. „Es widerspräche dem sierra-leonischen Sinne von Weihnachten.“

Geschenke spielen eine untergeordnete Rolle. Präsente gelten als etwas Privates, fast schon Intimes. Nur jemandem, den man sehr gut kennt, macht man vielleicht ein Geschenk. „Die Erwartung, etwas geschenkt zu bekommen, gibt es so nicht“, berichtet die Geschäftsführerin des Berliner Hilfswerkes. Im Vordergrund steht eindeutig, dass man noch lebt, die eigene Familie und Freunde noch leben und man genügend zu essen hat. Nahrung bedeutet Leben, bedeutet Wachsen und Gesundheit. Daher kommt ihr die wichtigste Rolle an Weihnachten zu. „In einem Land, in dem sich etwa die Hälfte der Bevölkerung nur eine Mahlzeit am Tag leisten kann, ist das Grund genug, um an den drei Weihnachtstagen ausgiebig mit Liedern, Gesang und Essen zu feiern und seinem Gott dankbar zu sein“, so Schöngraf.

An Silvester wird das Ganze für zwei Tage wiederholt. Am letzten Tag des Jahres sowie an Neujahr wird das Lied mit verändertem Text gesungen, es wird wieder gekocht und zusammen gegessen. (ORA Kinderhilfe)