Ebola: Senegal will seine Flughäfen wieder für die betroffenen Länder öffnen

Ebola in Westafrika: Keine Entwarnung!

Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen warnt davor, wegen sinkender Patientenzahlen die Anstrengungen zur Ebola-Bekämpfung jetzt zu verringern.

„Es ist ermutigend, dass die Zahl der Patienten insgesamt sinkt, aber Ebola in Westafrika ist noch längst nicht besiegt. In Guinea steigt die Neuinfektionsrate aktuell wieder“, erklärt Tankred Stöbe, Präsident der deutschen Sektion von Ärzte ohne Grenzen, der vor wenigen Tagen von einem Hilfseinsatz in einem Ebola-Behandlungszentrum in Freetown in Sierra Leone zurückgekehrt ist. „In unseren acht Behandlungszentren in Westafrika beobachten wir, dass es immer noch viele neue Patienten gibt, deren Ansteckungswege wir nicht kennen. Das Behandlungszentrum in Freetown, in dem ich gearbeitet habe, ist derzeit unter allen unseren Einrichtungen das mit den meisten Ebola-Patienten, für eine Hauptstadt ist das besorgniserregend. Jederzeit ist es möglich, dass ein einziger Patient neue und unkontrollierte Übertragungsketten auslöst und es zu einem Wiederaufflammen der Epidemie kommt.“

Im Januar hat Ärzte ohne Grenzen in Sierra Leone zum ersten Mal eine Geburtsstation für Ebola-infizierte Schwangere eröffnet. Trotz der geringen Überlebenschancen haben die ersten Frauen die Station gesund verlassen können.

„Besonders erschreckend ist die Situation für Schwangere und Kleinkinder mit Ebola, deren Überlebenschancen sehr niedrig sind. In Freetown verstarb auf unserer Intensivstation eine im sechsten Monat schwangere Mutter, ihre 5-jährige Tochter überlebte, aber sie weiß noch nicht, dass sie jetzt Vollwaise ist“,  sagt Tankred Stöbe. „Schwangere Frauen überleben Ebola nur sehr selten – und selbst wenn die Frauen die Krankheit überleben bedeutet eine Infektion meist das sichere Todesurteil für die Ungeborenen.“

Die Zahl der Erkrankungen ist zwar rückläufig, aber es bleibt noch viel zu tun  Die Epidemie kann nur besiegt werden, wenn Schwachstellen bekämpft werden

In den Behandlungszentren von Ärzte ohne Grenzen in Guinea, Liberia und Sierra Leone sinkt die Zahl der Ebola-Fälle. Nur knapp mehr als 50 Patienten werden derzeit in den acht Zentren der Organisation behandelt. Dies gibt zwar Anlass zu Hoffnung, doch die medizinische Hilfsorganisation ruft weiterhin zu Wachsamkeit auf. Die in der Bekämpfung der Epidemie erzielten Fortschritte werden sonst aufs Spiel gesetzt.

„Der Rückgang der Fallzahlen macht es uns möglich, uns nun auf die gravierenden Schwachstellen in der Bekämpfung der Epidemie zu konzentrieren, die nach wie vor vorhanden sind“, erklärt Brice de le Vingne, Leiter der Projektabteilung von Ärzte ohne Grenzen in Brüssel. „Wir sind auf dem richtigen Weg, aber wir werden die Epidemie nur unter Kontrolle bekommen, wenn neue Fälle zuverlässig gemeldet und deren Kontaktpersonen nachverfolgt werden. Hierbei gibt es noch sehr viel zu verbessern.“

Wie die WHO in der vergangenen Woche mitteilte, handelt es sich lediglich bei der Hälfte der neuen Ebola-Fälle in Guinea und Liberia um bereits registrierte Kontaktpersonen von Erkrankten. Aus Sierra Leone liegen dazu keine Daten vor. „Ein einziger neuer Fall reicht aus, um die Epidemie wieder aufflammen zu lassen“, so de le Vingne weiter. „Solange nicht jeder, der mit Ebola in Kontakt gekommen ist, identifiziert wurde, können wir nicht ruhig sein.“

Bei der Nachverfolgung der Kontakte arbeiten die drei am meisten von der Epidemie betroffenen Länder praktisch nicht zusammen. „Viele Menschen überqueren die Landesgrenzen immer wieder. Darum ist es entscheidend, dass die Überwachungsteams bei der Nachverfolgung der Kontakte unmittelbar zusammenarbeiten, um zu verhindern, dass neue Fälle in Regionen eingeschleppt werden, die als Ebola-frei gelten“, erklärt de le Vingne.

„Dies ist ein regionales Problem, kein nationales, als solches wird es aber nicht behandelt.“

Sierra Leone: Die Fallzahlen sind rückläufig, Hotspots bleiben aber bestehen
Die Zahl der registrierten Ebola-Fälle in Sierra Leone ist in den vergangenen zwei Wochen auf den niedrigsten Stand seit August zurückgegangen. In entlegenen, ländlichen Gebieten wie zum Beispiel in Kailahun – lange Zeit eins der Epizentren der Epidemie – scheint sich die Lage schneller zu entspannen als in der Hauptstadt Freetown. Ärzte ohne Grenzen war seit Juni 2014 im Distrikt Kailahun tätig. Ein umfassender Ansatz, der neben der Behandlung der Patienten frühzeitig auch Gesundheitsaufklärung und die Nachverfolgung und Kontrolle von Kontaktpersonen umfasste, sowie die Zusammenarbeit mehrerer Organisationen haben hier dazu beigetragen, die Epidemie unter Kontrolle zu bringen. Seit Mitte Dezember wurden hier keine neuen Fälle mehr registriert.

Trotz dieser ermutigenden Zahlen gibt es nach wie vor einige Hotspots: vor allem die Hauptstadt Freetown, die Western Rural Area und den Distrikt Port Loko. Im Prince of Wales-Zentrum in Freetown werden derzeit 30 Ebola-Patienten – und damit die meisten in einem Behandlungszentrum von Ärzte ohne Grenzen – behandelt (Stand: 24. Januar).

In den überfüllten Slums der Hauptstadt Freetown ist es besonders schwierig, Ansteckungen zu verhindern. Auch an anderen Orten werden die Kontakte von Ebola-Patienten immer noch nicht systematisch nachverfolgt.

Viele Kontaktpersonen werden in ihren Häusern unter Zwangsquarantäne gestellt, oft ohne ausreichend Nahrungsmittel  und Wasser. Diese Art Zwangsquarantäne kann Familien davon abhalten, sich um eine frühzeitige Behandlung ihrer kranken Angehörigen zu kümmern – aus Angst, dann zu Hause eingesperrt zu werden.

“Ein zusätzliches großes Problem ist die Lähmung des öffentlichen Gesundheitssystems“, sagt Karline Kleijer, Notfallkoordinatorin von Ärzte ohne Grenzen. „Jeder zehnte Gesundheitsangestellte des Landes ist an Ebola gestorben. In den Einrichtungen des Gesundheitswesens herrscht Chaos, und Patienten, die an anderen Erkrankungen als Ebola leiden, bekommen oft nicht die Behandlung, die sie bräuchten.“

In der vergangenen Woche haben die Teams von Ärzte ohne Grenzen 1,8 Millionen Malaria-Medikamente in Freetown verteilt – die bisher größte Verteilungsaktion während eines Ebola-Ausbruchs.

Guinea: Stigma und Angst nach wie vor ein Problem Auch in Guinea ist die Zahl der Neuinfektionen drastisch zurückgegangen
Dennoch gelten 14 der 33 Präfekturen des Landes nach wie vor als „aktiv“. Neue Fälle scheinen derzeit in Landesteilen aufzutreten, die bislang als ruhig galten, wie zum Beispiel Boké, Dabola und Siguri.

Die Überwachung der Fälle, Gesundheitsaufklärung und die Einbeziehung der Bevölkerung finden in Guinea noch immer in nur unzureichendem Maße statt und tragen derzeit kaum zu einer Verbesserung der Lage bei.

„Gesundheitspersonal und Ebola-Überlebende werden stigmatisiert, die Menschen haben immer noch Angst davor, sich behandeln zu lassen, und Ebola-Behandlungszentren werden nach wie vor häufig mit Argwohn und Angst betrachtet“, erklärt Henry Gray, Notfallkoordinator von Ärzte ohne Grenzen.

Ärzte ohne Grenzen betreibt in Guinea derzeit zwei Ebola-Behandlungszentren, kümmert sich um die Überwachung von Fällen, betreibt Aufklärungsarbeit in der Bevölkerung und bietet Ausbildungen im Bereich Infektionskontrolle an. Ein sogenanntes Rapid Response Team steht bereit, um bei Bedarf zu reagieren.

Liberia: Öffentliche Gesundheitseinrichtungen müssen dringend ihren Betrieb wieder aufnehmen
Am stärksten sind die Ebola-Fallzahlen in Liberia zurückgegangen, wo es landesweit derzeit nur fünf bestätigte Fälle gibt. Im Ebola-Behandlungszentrum von Ärzte ohne Grenzen in Monrovia („Elwa3“) befand sich am 17. Januar zum ersten Mal seit der Eröffnung des Zentrums kein Patient in Behandlung. Aktuell werden dort zwei Patienten behandelt.

Das ohnehin schwache liberianische Gesundheitssystem ist von der Ebola-Epidemie stark in Mitleidenschaft gezogen worden und viele Krankenhäuser wurden geschlossen. Auch wenn die ersten Gesundheitseinrichtungen nach und nach ihren Betrieb wieder aufnehmen, muss die Infektionskontrolle oberste Priorität bleiben, um das Risiko eines erneuten Ausbruchs zu reduzieren und das Vertrauen der Öffentlichkeit ins Gesundheitssystem wiederherzustellen. Aus diesem Grund unterstützt Ärzte ohne Grenzen dreizehn Gesundheitszentren im Bereich Infektionsprävention und -kontrolle und ist derzeit dabei, in Monrovia ein Kinderkrankenhaus mit 100 Betten einzurichten.

Ein Rapid Response Team betreibt außerdem mobile Kliniken, trainiert lokales Gesundheitspersonal im Bereich Triage und Infektionskontrolle und bietet bei Bedarf medizinische Grundversorgung an. Zwischen Oktober und Dezember 2014 haben die Teams von Ärzte ohne Grenzen zudem Malariamedikamente an fast 600.000 Einwohner Monrovias verteilt, um die Zahl der Malaria-Infektionen möglichst gering zu halten.

Ärzte ohne Grenzen betreibt derzeit acht Ebola-Behandlungszentren in Sierra Leone, Guinea und Liberia. Rapid Response Teams stehen bereit, um auftretende Fälle umgehend zu behandeln. Weitere Teams von Ärzte ohne Grenzen kümmern sich um die Überwachung der Fälle, leisten Aufklärungsarbeit in der Bevölkerung und trainieren Mitarbeiter von Gesundheitszentren im Bereich Infektionskontrolle. Seit Beginn des Ausbruchs hat Ärzte ohne Grenzen fast 5.000 Ebola-Patienten behandelt, das entspricht ungefähr 25% aller registrierten Fälle. Außerdem ist Ärzte ohne Grenzen derzeit an zwei klinischen Medikamentenstudien beteiligt: einer von der Universität Oxford geleiteten Studie in Liberia sowie einer vom INSERM durchgeführten Studie in Guinea. In den drei am stärksten von Ebola betroffenen Ländern sind derzeit mehr als 4.000 Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen im Einsatz.

Sierra Leone: Ärzte ohne Grenzen eröffnet das weltweit erste Ebola-Behandlungszentrum für Schwangere
Die internationale medizinische Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen hat heute auf dem Gelände des Ebola-Behandlungszentrums in Kissy in Sierra Leone eine neue Abteilung für Schwangere eröffnet. Hier werden Schwangere aufgenommen, die mit Ebola infiziert sind oder bei denen der Verdacht auf Ebola besteht.

Kissy ist ein Vorort von Freetown, wo Ärzte ohne Grenzen seit dem 8. Januar ein Ebola-Behandlungszentrum betreibt. Das Zentrum hat bereits in den vergangenen drei Wochen Patientinnen und Patienten aufgenommen. Nun können in der neuen  Geburtenstation kranke Schwangere eine Spezialbehandlung erhalten.

„Das medizinische Personal in der Frauen-Abteilung wird sich auf Spezialtherapien für Schwangere konzentrieren und versuchen, die Blutungen von Müttern bei der Geburt und danach zu minimieren, um zu verhindern, dass sie an einer Hämorrhagie sterben“, erklärt Olivia Hill, medizinische Koordinatorin von Ärzte ohne Grenzen in Freetown. „Die Überlebenschancen für die Mütter sind leider relativ niedrig, aber die Aussichten für den Fötus sind noch viel schlechter.“

Noch ist wenig Wissen über Ebola während einer Schwangerschaft vorhanden
Derzeit ist relativ wenig Wissen über Ebola während einer Schwangerschaft vorhanden. Von der neuen Frauenstation erwartet sich Ärzte ohne Grenzen daher Erkenntnisse über die Auswirkungen von Ebola auf diese verletzlichen Patientinnen und über die Verbesserungsmöglichkeiten in der Geburtshilfe bei infizierten Frauen.

Die neue Station verfügt über 33 Betten. Das reguläre Ebola-Behandlungszentrum hat weitere 40 Betten. Dort wurden schon bisher einige Schwangere behandelt.

Seit Beginn dieses Ebola-Ausbruchs haben Schwangere generell nur begrenzt Zugang zu Gesundheitsversorgung. Fieber und Blutungen – Zustände, die während einer Schwangerschaft vorkommen – sind auch Symptome für Ebola. Aus diesem Grund weigert sich Gesundheitspersonal oft aus Angst vor Ansteckung, Schwangere in Krankenhäuser aufzunehmen oder in Gesundheitszentren gebären zu lassen.

Sierra Leone hat eine der höchsten Müttersterblichkeitsraten weltweit. (msf, Foto: irin)