Ethnologin Carola Lentz spricht sich im Programmheft des Deutschlandradios für eine differenziertere Debatte über Kolonialismus aus

Designierte Präsidentin des Goethe-Instituts wirbt für mehr Perspektiven und weniger Eurozentrismus: In der Debatte über das koloniale Erbe Deutschlands und Europas fordert die Ethnologin Carola Lentz eine differenziertere Diskussion. In einem Gastbeitrag für das Deutschlandradio-Programmheft (November-Ausgabe) spricht sich die künftige Präsidentin des Goethe-Instituts dafür aus, der Vielstimmigkeit in der Erinnerungskultur mehr Raum zu geben und sich von einer eurozentristischen Sichtweise zu lösen.

Es gebe in früheren Kolonialgebieten sehr unterschiedliche Erinnerungen, auch die offiziellen erinnerungspolitischen Diskurse seien sehr divers, so Lentz. Hinzu komme, dass außereuropäische Gesellschaften eine Geschichte auch jenseits ihrer Interaktion mit Europa hatten und haben, die mehr Interesse verdiene. „Die Kolonisierung war keineswegs allumfassend; es wäre paradox, jetzt nachträglich gedanklich das koloniale Projekt zu vollenden, das die Kolonialherren selbst nicht bewerkstelligt haben. Das heißt keinesfalls, Kolonialverbrechen und durch den Kolonialismus verursachtes Leid zu relativieren. Aber wir sollten uns für die Vielfalt von Erfahrungen und Erinnerungen in den ehemaligen Kolonien und in den kolonialen Metropolen interessieren. Diesen Stimmen zuzuhören und sie miteinander ins Gespräch zu bringen, kann Wege in eine gerechtere Zukunft aufzeigen.“ Dies sei auch wichtig, weil Kolonialismus auch für Migranten, Schwarze Deutsche und People of Colour zu einem Thema werde, das ihre Erfahrungen von Ausgrenzung und Diskriminierung geschichtlich verortet. Bei der Forderung nach Dekolonisierung gehe es auch um ihre gesellschaftliche Anerkennung.

Der Gastbeitrag entstand im Rahmen der „Denkfabrik Deutschlandradio“, die sich in diesem Jahr nach einer Befragung von Hörerinnen und Hörern mit dem Schwerpunktthema „Eine Welt 2.0 – ‚Dekolonisiert euch!‘“ auseinandersetzt.

Carola Lentz ist Ethnologin und Seniorforschungsprofessorin an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz. Seit vielen Jahren forscht sie unter anderem zu Ethnizität, Nationenbildung und Erinnerungspolitik in Afrika. Am 19. November 2020 wird sie neue Präsidentin des Goethe-Instituts.

Den vollständigen Gastbeitrag finden Sie HIER. (Deutschlandradio)