"Festnahmen, Entführungen, Missbrauch" - Die Situation in Goma eskaliert

„Festnahmen, Entführungen, Missbrauch“ – Die Situation in Goma eskaliert

Tausende Polizisten und Soldaten im Ostern der Demokratischen Republik Kongo liefen in den letzten Tagen zu der Rebellengruppe M23 über. „Die Sicherheitskräfte wurden infiltriert“, erzählt Jaques Limungu* in Goma als Mitarbeiter einer regionalen NGO gegenüber AFRICA live.

„Beim ersten Aufeinandertreffen am Mittwoch traten 1.200 Soldaten und etwa 700 Polizisten den Rebellen bei, um mit ihnen den Krieg voranzutreiben.“ Gestern habe Limungu beobachtet, wie eine weitere Gruppe die Seiten wechselte. Die Situation in Goma scheint zu eskalieren seit die „Bewegung des 23. März“ die Stadt am Dienstag eingenommen hat.

Menschenrechte verletzt
Die Blauhelmsoldaten der UN-Mission MONUSCO flohen teilweise aus der Stadt, die in Friedenszeiten rund eine Million Einwohner zählt. 100.000 von diesen haben seit Dienstag ihre Häuser verlassen und flüchteten ins Umland. Die Menschenrechtssituation vor Ort verschlechtert sich laut Limungu zunehmend. „Jeden Tag sehen wir Festnahmen, Entführungen und Missbrauch. Die Rebellen verschleppen Menschen, um sie über ihre politischen Ansichten auszufragen.“ Die Angst unter der Bevölkerung sei groß.

Besetzung weiterer Städte eine „Frage der Zeit“
Über das Ziel der Rebellen gab ein Sprecher von M23 am Donnerstag bekannt, man wolle das Land von Präsident Joseph Kabila „befreien“. Der 41-Jährige wurde bei den umstrittenen Wahlen im vergangenen Dezember für eine zweite Amtszeit bestätigt. Die Opposition hatte das Ergebnis angefochten und in einer skurrilen Zeremonie ihren eigenen Präsidenten ausgerufen. Nach ihrem Siegeszug in Goma planen die Rebellen, weitere Städte einzunehmen. Nur wenige Stunden nach der Eroberung tauchten Berichte auf, wonach sie bereits in das 30 Kilometer westlicher gelegene Sake einfielen. „Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Rebellen auch die strategisch wichtige Stadt Bukavu eingenommen haben“, sagt Limungu. In einer Nachricht an Präsident Kabila warnte der Sprecher der Rebellen Colonel Vianney Kazarama, man sei bereit, in die Hauptstadt Kinshasa einzumarschieren.

Gespräche mit Partisanen
Die Paramilitärs wollen Goma zumindest solange besetzt halten, bis sich Kabila auf einen Dialog einlässt. Vor der Besetzung hatte die M23 der Regierung ein Ultimatum von 24 Stunden gestellt. Die Regierung hatte jegliche Gespräche abgelehnt, woraufhin am Dienstag die Besetzung erfolgte. In den vergangenen Stunden hätten sich die Gegner aber einander angenähert, wie Limungu berichtet. „Es scheint, die Regierung ist bereit, die Gespräche aufzunehmen. Sie will den Friedensvertrag evaluieren, mit der die Rebellen in die Armee integriert worden waren.“ Am 23. März 2009 endete ein jahrzehntelanger Krieg, als die Armee Tausende separatistische Partisanen aufnahm. Im April dieses Jahres startete der Militärführer Bosco Ntaganda aber eine erneute Rebellion und sagte sich mit den M23-Rebellen vom Militär los. Die Gerüchte über eventuelle Friedensgespräche wurden bisher nicht unabhängig bestätigt.

Ruanda kann Unterstützung nicht mehr leugnen
Am Samstag will die Internationale Konferenz der Region der Großen Seen (ICGLR) zusammenkommen. Der Staatenbund umfasst elf ostafrikanische Länder und das außerplanmäßige Treffen leitet die neue Vorsitzende der Afrikanischen Union, Nkosazana Dlamini-Zuma. Im Mittelpunkt steht abermals die Unterstützung der M23 durch Ruanda. Der Nachbarstaat der DR Kongo hatte die Anschuldigungen eines UN-Berichts geleugnet, die Rebellen mit Waffen zu unterstützen. Nach der Besetzung Gomas gerät Ruanda jedoch in Erklärungsnot. Die Bevölkerung berichtete, auch ruandische Soldaten seien bei der Schlacht um die Stadt beteiligt gewesen. Nur wenige Stunden nachdem die Soldaten eingedrungen waren, trafen sich Kabila und der ruandische Präsident Paul Kagame zu einer Krisensitzung in Ugandas Hauptstadt Kampala. Limungu: „Die Unterstützung ist offensichtlich. Jetzt kann Ruanda seine Beteiligung nicht mehr bestreiten.“

 

* Der Interviewte stimmte einer Veröffentlichung nur unter Geheimhaltung seines Namens und Arbeitsgebers zu

 

Markus Schönherr, Kapstadt

schoenherr@africa-live.de

schoenherr@africajourno.com

 

Bild: Soldat der M23 Foto: irin