Friedrich-Ebert-Stiftung: „Wenn Elefanten kämpfen, leidet das Gras“

Friedrich-Ebert-Stiftung: „Wenn Elefanten kämpfen, leidet das Gras“Im globalen Handelsstreit werden die gravierenden Auswirkungen für afrikanische Staaten ausgeblendet, meint Autor Dirk Kohnert in einem Artikel der Friedrich-Ebert-Stiftung in ihrem IPG-Journal, den wir unseren Leser/innen nicht vorenthalten möchten.

Die internationale Diskussion des von Trump ausgelösten Streits um Importzölle ist bisher fokussiert auf die großen Global Player. Doch gerade afrikanische Länder könnten unter den geplanten Strafzöllen besonders leiden, analog zu dem afrikanischen Sprichwort: „Wenn Elefanten kämpfen, leidet das Gras.“ Die potentiell am meisten betroffenen Länder, Ägypten und Südafrika, müssten massive Verluste an Arbeitsplätzen und Verdienstmöglichkeiten hinnehmen – mit allen Konsequenzen, die das für die ohnehin schon fragile Wirtschaft und die von Armut bedrohten Bevölkerungsschichten bedeutet.

Afrika ist weitaus abhängiger vom Handel mit Übersee als andere Wirtschaftsräume wie etwa die EU oder Nordamerika, die 63 Prozent beziehungsweise 40 Prozent ihrer Geschäfte mit ihren jeweiligen Nachbarn abwickeln. Der innerafrikanische Handel macht weniger als 20 Prozent des gesamten Außenhandels aus. Daran wird auch das panafrikanische Freihandelsabkommen (CFTA) auf absehbare Zeit wenig ändern, das im März auf einem Sondergipfel der Afrikanischen Union in Ruanda mit großem Pomp von 44 Staaten Afrikas unterzeichnet wurde. Es soll zwar innerafrikanische Dienstleistungen ganz und den Warenhandel zu 90 Prozent liberalisieren. Die gemeinsamen Außenzölle wurden jedoch noch nicht ausgehandelt, auch weil dem kontroverse EU-Handelsabkommen entgegenstehen und einige der wichtigsten afrikanische Staaten wie Südafrika, Nigeria und Uganda der CFTA bisher nicht beigetreten sind.

Zudem ist Afrika bis heute asymmetrisch in den weltweiten Handel eingebunden. Rohstoff- und Agrarexporte einerseits sowie Kapitalgüterimporte andererseits dominieren den afrikanischen Außenhandel. Zudem bewirken der fragmentierte innerafrikanische Markt, die seit Jahrzehnten stagnierende regionale und kontinentale Integration, hohe Transaktionskosten sowie entsprechende tarifäre und nichttarifäre Handelshemmnisse, dass Afrika auf den Handel mit dem Rest der Welt weitaus mehr angewiesen ist als andere Wirtschaftsregionen. Trotzdem wird der Kontinent in der internationalen Diskussion um die Auswirkungen von Trumps Schutzzöllen auf Stahl und Aluminium meist ausgeblendet.

Die USA sind der weltweit größte Importeur von Stahl und Aluminium. Im Jahre 2017 importierten sie 34,6 Tonnen Stahl. Dabei produzieren die USA dank wachsender Produktivität immer mehr Stahl mit immer weniger Arbeitskräften. Nur noch knapp 300 000 Arbeiter waren 2015 im US-Stahlsektor beschäftigt, mit abnehmender Tendenz. Die Stahl-Einfuhren in die USA verteilten sich zwar auf 85 Länder. Vier Exporteure – Kanada, China, Russland und die Vereinigten Arabischen Emirate – gehörten aber mit insgesamt 75 Prozent zu den mit Abstand wichtigsten Bezugsquellen. Bei Aluminium ist die Abhängigkeit der USA noch größer und hat in den letzten Jahrzehnten beständig zugenommen. 90 Prozent  ihres benötigten Aluminiums decken die USA mittlerweile durch Einfuhren. Während 1993 noch 23 Aluminium-Hütten in den USA existierten sind es heute nur noch fünf. Die Arbeitsplätze in der Aluminium-Schmelze, die Trump mit seinen Maßnahmen schützen will, betragen allerdings nur 3 Prozent der Arbeitsplätze der Aluminiumindustrie insgesamt. Die restlichen 97 Prozent (etwa 156 000) befinden sich in der nachgelagerten verarbeitenden Industrie. Die US-Industrie warnte bereits vor einem ugly trade-off: Das heißt, eine Erhöhung der Zölle würde die Preise auch in der US Automobil- und Luftfahrtindustrie erhöhen und damit deren Arbeitsplätze international noch weniger wettbewerbsfähig machen.

Die Stahlproduktion lag im Januar 2018 in den USA etwa zehnfach so hoch wie in Ägypten oder Südafrika. Weltweit rangieren Südafrika und Ägypten global auf dem 22. und 27. Platz der Stahlproduktion. Libyen und Marokko  folgten weit abgeschlagen auf dem dritten und vierten Platz der wichtigsten afrikanischen Stahlexporteure. Verglichen mit den USA, China oder Europa hat die metallverarbeitende Industrie in afrikanischen Ländern wie Südafrika oder Ägypten jedoch – relativ zum eigenen Land – einen bedeutend höheren Stellenwert.

So zählte die verarbeitende Industrie 2014 in Südafrika rund 1,2 Millionen Beschäftigte, davon 21 Prozent in der metallverarbeitenden Industrie. Ägypten exportierte 2017 etwa 170 000 Tonnen Stahl in einem Wert von 102 Millionen US-Dollar in die USA und stellte damit rund 3 Prozent der gesamten US-Importe, mit steigender Tendenz. Ägyptens gesamter Außenhandel mit den USA stieg von 4,7 Milliarden im Jahr 2016 auf 5,5 Milliarden im Jahr 2017. Nach Angaben des ägyptischen Handelsministers Tarek Kabil machen die Stahlexporte seines Landes derzeit sechs Prozent der gesamten Exporte aus, so dass weiterhin viel Spielraum nach oben bestehe. Auch die metallurgische Industriekammer Kairos schätzt das Potential für eine weitere Erhöhung der ägyptischen Stahl-Exporte als vielversprechend ein.

Allerdings steht Ägypten zusammen mit elf weiteren Staaten auf der Liste der zwölf Länder des US-Handelsministeriums, in dessen Report „The effect of imports of steel on national security“ ein Strafzoll von mindestens 53 Prozent auf Stahlimporte empfohlen wird. Ägypten wäre somit von den Strafzöllen weitaus stärker betroffen als beispielsweise die EU. Tausende von Stahlarbeitern würden arbeitslos. Eine mögliche Befreiung von den US-Import-Abgaben könnte sich Kairo nur mit erheblichen außenpolitischen Zugeständnissen erkaufen, die – wegen der geringeren Verhandlungsmacht – wohl weitaus gravierender seien müssten als im Fall der EU oder Deutschlands.

Südafrikanische Stahlimporte in die USA beliefen sich 2017 derweil auf 950 Millionen US-Dollar und stellten 1,4 Prozent der gesamten US-Importe. Aluminium-Exporte aus Südafrika in die USA betrugen im vergangenen Jahr 375 Millionen US-Dollar, das heißt 1,6 Prozent aller weltweiten US-Importe. Laut dem südafrikanischen Handels- und Industrie-Department (Dti) stellen die Exporte keinen unfairen Handel und keine Bedrohung für die US-Industrie oder Arbeitsplätze dar, auch wenn Südafrika ebenfalls auf der Liste der Länder steht, die mit besonders hohen Strafzöllen belegt werden sollen. Vielmehr dienten sie als Input für die verarbeitende Industrie der USA und würden damit zur Schaffung von Arbeitsplätzen und zur Steigerung der Produktion in den USA beitragen, argumentiert das Dti. Die Regierung in Pretoria beantragte daher bereits im März 2018, von den US-Zöllen ausgenommen zu werden, zumal auch die südafrikanische Stahlindustrie unter der globalen Überproduktion und den niedrigen Weltmarktpreisen leide und Arbeitsplätze massiv bedroht seien. Die lokale südafrikanische Stahlindustrie befürchtet allerdings, daß die USA die Schutzzoll-Diskussion als Sprungbrett nutzen könnten, um auch Zölle auf verarbeitete Produkte zu erheben. Und für Südafrika kommt erschwerend hinzu, dass es kein bedeutender Verbündeter der USA ist. Die südafrikanische Regierung rechnet bis Ende April mit einer Entscheidung. (Quelle: Ebert- Stiftung, Dirk Kohnert)