In Madagaskar schon im Einsatz: digitales Gesundheitsportemonnaie für Menschen ohne Krankenversicherung

Derartige Zustände können mittels mTOMADY vermieden werden. Foto: (c) United Nations/OCHA

Mehr als eine Milliarde Menschen in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen haben keinen Zugang zur medizinischen Grundversorgung, weil die ausreichende finanzielle Absicherung fehlt. Ärzte der Charité – Universitätsmedizin Berlin haben eine digitale Lösung für dieses Problem entwickelt und nun das Unternehmen mTOMADY gegründet: Über die Mobiltelefon-Infrastruktur kann Geld sicher und effizient für medizinische Behandlungen eingezahlt, angespart und abgerufen werden. Das BIH Charité Digital Clinician Scientist Programm sowie das Digital Health Accelerator Programm des Berlin Institute of Health (BIH) in der Charité hat sie dabei unterstützt.

Die Gesundheitsplattform mTOMADY ist zunächst in Madagaskar im Einsatz, weitere afrikanische Länder sollen folgen.

Die Assistenzärzte der Klinik für Neurologie mit Experimenteller Neurologie der Charité, Dr. Julius Emmrich und Dr. Samuel Knauß, arbeiten seit Jahren ehrenamtlich in Entwicklungsländern, wie zum Beispiel in Madagaskar. Dort leben 93 Prozent der Einwohner*innen unter der Armutsgrenze und weniger als fünf Prozent der Madegassen verfügen über ein Bankkonto. Diese Zustände sorgten dafür, dass die beiden Ärzte bei ihrer ehrenamtlichen Arbeit mit zahlreichen dramatischen Situationen konfrontiert wurden. „Beispielsweise starb ein Patient, der sich bei einem Autounfall schwer verletzte, weil seine Familie die Kosten für die Behandlung nicht im Voraus bezahlen konnte“, erzählt Samuel Knauß. Und Julius Emmrich erinnert sich: „Wir haben oft erlebt, dass sich schwer kranke oder verletzte Patient*innen aus Angst vor den hohen Behandlungskosten weigerten, ins Krankenhaus zu gehen.“

Mobile Money für die Gesundheit

In den letzten Jahren wurde in Madagaskar die Digitalisierung stark vorangetrieben und große Teile des Landes wurden mit Mobilfunkmasten ausgestattet, wodurch nun sogar die ländlichsten Gebiete über mobiles Netz verfügen. Mittlerweile hat mehr als die Hälfte der Einwohner*innen Madagaskars ein Mobiltelefon, und jährlich kommen über eine Million neue Nutzer*innen hinzu. Diese zunehmende Digitalisierung im Land sorgte für einen enormen Aufschwung von Mobile Money. Hierbei wird Geld sicher, ähnlich wie eine SMS, über das Mobilfunknetz vom Sender zum Empfänger transferiert.

Die herausfordernden Zustände im Gesundheitswesen, mit denen Emmrich und Knauß bei ihrer Arbeit konfrontiert wurden, sowie die neuen digitalen Entwicklungen in Madagaskar, brachten die beiden auf die Idee, die Gesundheitsplattform mTOMADY zu gründen, was auf madegassisch „gesund und stark“ bedeutet. mTOMADY funktioniert wie ein digitales Gesundheitsportemonnaie. Um es zu nutzen, benötigt man lediglich einen Zugang zur örtlichen Mobiltelefon-Infrastruktur. Hierfür reicht eine einfache SIM-Karte. Bargeld kann man an sogenannten Mobile-Cashpoints, die man in Madagaskar an fast jeder Straßenecke findet, in Mobile Money umwandeln. Die Nutzer*innen können effizient und sicher Geld über das Mobile Money-System auf ein Konto transferieren, das ausschließlich für medizinische Behandlungen vorgesehen ist.

Eine Besonderheit von mTOMADY ist, dass man das Geld, das man aufs Gesundheitskonto geladen hat, ausschließlich für Gesundheitsdienstleistungen nutzen kann. So ist sichergestellt, dass die Nutzer*innen ein finanzielles Polster für den Notfall ansparen, das in prekären Situationen aufgrund von Krankheiten oder Unfällen Leben retten kann. Zusätzlich ist es Nutzer*innen möglich, eine Krankenversicherung über die Plattform abzuschließen. Ebenso können Spenden auf eine digitale Spendenplattform eingezahlt werden, von denen alle Mitglieder von mTOMADY profitieren.

BIH unterstützt Entwicklung 

Julius Emmrich und Samuel Knauß sind beide seit 2019 Teilnehmer des BIH Charité Digital Clinician Scientist-Programms, was ihnen ermöglicht, während ihrer Facharztweiterbildung zum Neurologen mTOMADY zu entwickeln. Der Digital Health Accelerator des BIH förderte das Projekt von Juli 2018 bis Dezember 2020 mit rund 1 Mio. Euro. Das Team erhielt Mentoring durch erfahrene Expert*innen in Themen wie Mobiltechnologie, Softwareentwicklung, Produktentwicklung und Versicherung sowie Hilfe, die Ausgründung vorzubereiten, die als mTOMADY gGmbH im Dezember 2020 erfolgte. „Wir freuen uns, dass mit unserer Unterstützung mit mTOMADY eine digitale Gesundheitslösung für strukturschwache Länder bereitsteht und wir so einen Beitrag für die gesellschaftliche Wertschöpfung vor Ort leisten“, sagt Thomas Gazlig, Leiter von BIH Innovations, dem gemeinsamenTechnologietranfer von Charité und BIH.

Im Januar 2020 war mTOMADY Preisträger beim Ideenwettbewerb „Neue Ideen für globale Gesundheit“ des Global Health Hub Germany. Aktuell arbeitet das Gesundheitsministerium von Madagaskar zusammen mit mTOMADY daran, das Gesundheitsportemonnaie mTOMADY zu einem integralen Bestandteil der Gesundheitsversorgung des Landes weiterzuentwickeln.

Zu Beginn schwangere Frauen unterstützt

Angefangen hat mTOMADY mit der Unterstützung von schwangere Frauen im zentralen Hochland. „In Madagaskar herrscht eine hohe Mutter- und Säuglingssterblichkeit, und nur wenige Geburten werden professionell durchgeführt“, begründet Julius Emmrich diese Wahl. Samuel Knauß ergänzt: „Wenn man bei der Unterstützung schwangerer Frauen ansetzt, wird ein wichtiger Grundpfeiler für die Zukunft des Landes gesetzt.“ Mittlerweile steht mTOMADY auch anderen Patientengruppen zur Verfügung. Außerdem sind Emmrich und Knauß gerade dabei, mehrere Krankenkassen in Madagaskar in das System zu integrieren, die dafür sorgen sollen, dass das System noch effizienter und die Patient*innen noch umfangreicher unterstützt werden. Mittlerweile hat das Team von mTOMADY Mitglieder aus neun verschiedenen Nationen, und auch in Ghana und Uganda soll das System eingeführt werden.

Im BIH Podcast berichten Samuel Knauß und Julius Emmrich über ihre Erfahrungen in Madagaskar und die Gründung von mTOMADY: https://www.bihealth.org/de/aktuell/wie-bezahlt-man-den-arzt-in-madagaskar (idw)