IPG Journal/EU-Afrika: De-Globalisiert

Corona stärkt den Trend zur regionalen Produktion. Die EU und Afrika sollten enger kooperieren und so ihre Abhängigkeit von Asien reduzieren. Die Corona-Pandemie beschleunigt zahlreiche Trends, die keine Region und kein Land weltweit unberührt lassen. Ein solcher Trend, der bereits vor Corona seinen Lauf nahm und nun stetig an Fahrt gewinnt, ist die wirtschaftliche De-Globalisierung. Auch in Europa hat die Diskussion über eine Rückverlagerung (Reshoring) der Produktion vor allem aus China an Fahrt aufgenommen. Zahlreiche Länder wollen die durch COVID-19 deutlich gewordenen Abhängigkeiten und Engpässe reduzieren. Damit ändern sich nicht nur die Produktionsstrukturen einzelner Länder; auch die Handelsbeziehungen ganzer Regionen werden künftig andere sein.

Die Unternehmensberatung McKinsey rät global agierenden Unternehmen, ihre Lieferketten widerstandsfähiger zu gestalten. Neben der Pandemie mache auch der Klimawandel eine solche Strategie nötig, so McKinsey. Eine Umfrage von DHL unter 350 weltweit aktiven Unternehmen ergab Mitte 2020, dass 57 Prozent der befragten Unternehmen ihre Lieferketten neu evaluieren wollen; 30 Prozent wollen ihre Abhängigkeit von ostasiatischen Zulieferern reduzieren. Passiert ist bisher noch wenig. Sollte es aber tatsächlich zu einem verstärkten Reshoring kommen, würde dies einen Trend der De-Globalisierung beschleunigen, der sich bereits seit der Wirtschafts- und Finanzkrise 2008 abgezeichnet hat.

So könnte ein Entwicklungsmodell an sein Ende kommen, auf das – inspiriert von den Erfolgsgeschichten asiatischer Länder – auch viele afrikanische Staaten bisher gesetzt hatten. Diese Entwicklung drohte den wirtschaftlichen Aufstieg vieler Länder des globalen Südens schon vor der Corona-Krise zu erschweren. Nun zeichnet sich ab, dass sich globale Lieferketten dauerhaft ändern und dabei viele Länder des globalen Südens ins Hintertreffen geraten könnten, die bisher auf eine Integration in diese Lieferketten hofften.

Die Staaten Afrikas befinden sich angesichts der starken Import- und Exportabhängigkeit, des hohen Grades an Beschäftigung in der informellen Ökonomie und der mangelnden Ressourcen für die Finanzierung ihrer sozialen Sicherungssysteme in einer schwierigen Ausgangsposition. So fürchtet die Konferenz der Vereinten Nationen für Handel und Entwicklung (UNCTAD), dass sich die Nachfrage nach afrikanischen Exportgütern, die Integration des afrikanischen Kontinents in globale Lieferketten und die Investitionen in Afrika zugunsten wirtschaftlicher Diversifizierung langfristig drastisch verringern werden.

Wenn das Modell der Globalisierung der Lieferketten nun vor dem Ende steht, braucht es eine ehrliche Debatte darüber, wie die notwendige sozialökologische Transformation auf dem afrikanischen Kontinent umgesetzt werden könnte.

In vielen afrikanischen Ländern sind über 80 Prozent aller Beschäftigten im informellen Sektor tätig. Eine strukturelle Transformation dieser Volkswirtschaften, die einen Ausweg hätte bieten können, ist weitgehend ausgeblieben. Einige asiatische Länder haben in den vergangenen Jahrzehnten einen wirtschaftlichen Aufstieg eingeleitet, indem sie Teil der globalisierten Lieferketten wurden. Möglich wurde dieser Erfolg, indem diese Länder ihre eigene Industrie zunächst vor dem Wettbewerb des Weltmarktes schützten und durch ambitionierte Industrie- und Sozialpolitik aufbauten.

Subsahara-Afrika blieb dieser Weg bisher weitgehend verschlossen. Zwar buhlten in den letzten Jahren diverse Länder durch den Aufbau von Sonderwirtschaftszonen um die Ansiedlung von Industrie. Ein prominentes Beispiel ist Äthiopien, das sich zu einem Zentrum der Textilindustrie entwickelt hat. Da es jedoch zu einem Unterbietungswettbewerb bei den Lohnkosten kam und gleichzeitig die Produktivität vergleichsweise gering blieb, ergaben sich bisher keine nachhaltigen Entwicklungsperspektiven.

Vor diesem Hintergrund wurde auf dem afrikanischen Kontinent in jüngster Zeit zunehmend auf die Alternative einer regionalen Marktintegration gesetzt. Mit der 2018 gegründeten African Continental Free Trade Area (AfCFTA) wird sie inzwischen konkreter verfolgt. Sie soll die Abhängigkeit des Kontinents reduzieren und dabei helfen, Wertschöpfungsketten innerhalb Afrikas aufzubauen.

Wenn das Modell der Globalisierung der Lieferketten nun vor dem Ende steht, braucht es eine ehrliche Debatte darüber, wie die notwendige sozialökologische Transformation auf dem afrikanischen Kontinent umgesetzt werden könnte. Sie müsste dringend benötigte Arbeitsplätze schaffen und die Auswirkungen des Klimawandels bewältigen. Woher aber sollen die nötigen Impulse und Ressourcen kommen?

Lesen Sie HIER weiter.