IPG-Journal / Interview: „Afrika hat Probleme, Europa die Lösung? Völlig realitätsfremd“

Afrikas Interessen unterscheiden sich fundamental von denen Europas. Die EU muss das endlich anerkennen, fordert Robert Kappel.

Prof. Dr. em. Robert Kappel, Institut für Afrikastudien der Universität Leipzig und Postgraduate Program „small enterprise promotion and training, war von 2004 bis 2011 Professor an der Universität Hamburg und Präsident des German Institute of Global and Area Studies (GIGA). Er forscht und publiziert zu Fragen von Entwicklung von Klein- und Mittelunternehmen, zu sozioökonomischer Entwicklung in der Globalisierung und Politik und Wirtschaft in Afrika. Die Fragen stellte Lennart Oestergaard.

Welche Folgen hat die Covid-19-Pandemie für die Länder Afrikas?
Die Krise in Europa, den Schwellenländern, China und den USA drückt das Wachstum der Weltwirtschaft. Ärmere Länder sind häufig abhängig vom Rohstoffexport, auch in Afrika. Da die Nachfrage gesunken ist, gehen Afrikas Exporterlöse deutlich zurück. Zahlreiche Länder sind in Schuldenkrisen geraten, die Steuereinnahmen sinken, die Investitionen aus dem Ausland nehmen ab und die Rücküberweisungen von Migranten reduzieren sich. Die Folge all dieser Entwicklungen ist der Verlust zahlreicher Arbeitsplätze – Millionen Menschen geraten erneut in die Armut. Alle Erfolge der letzten Jahre bei der Armutsbekämpfung könnten zunichte gemacht werden.

Die EU möchte ihre Beziehungen mit Afrika verbessern und hat daher im März eine neue Afrikastrategie auf den Weg gebracht. Für Oktober ist ein großer Gipfel mit der Afrikanischen Union geplant. Was hat die EU konkret im Angebot?
Für die politische Führung der EU gilt 2020 als „entscheidendes Jahr“ der europäisch-afrikanischen Beziehungen. Der Aufschlag für eine neue Afrika-Strategie der EU wurde im März 2020 veröffentlicht. Er enthält Stichworte für Frieden und Sicherheit, ein grünes Wachstumsmodell, zur Verbesserung des Unternehmensumfelds und des Investitionsklimas, zur Förderung von Bildung, Forschung und Innovation, Ideen für die Schaffung menschenwürdiger Arbeitsplätze und Wertschöpfung durch nachhaltige Investitionen sowie Hinweise zur Bekämpfung des Klimawandels. Noch ist diese Strategie nur ein Bündel von Ideen.

Die EU sollte ihre Kooperation mit Afrika grundlegend reformieren, um die historisch gewachsene Abhängigkeit zu verringern und die asymmetrischen Machtverhältnisse zu korrigieren. Das wäre auch im europäischen Interesse. Gelingt dies, würde sich das europäische Engagement klar vom geostrategischen Handeln der USA und Chinas unterscheiden. Allerdings muss man sich dazu der Themen annehmen, die seit langem überfällig sind, wie einer Reform des Agrarhandels. Die europäischen Bauern und Nahrungsmittelkonzerne sind in jeder Hinsicht durch hohe Subventionen bevorteilt. Subventionierte Billigexporte von Nahrungsmitteln zerstören die Existenz von Afrikas Bauern. Hier braucht es endlich eine Lösung.

Wie ist das Engagement anderer Akteure, beispielsweise Chinas, in Afrika zu bewerten? Steht die EU mit ihnen in Konkurrenz?
Im Unterschied zu Europa hat China „Zehn Große Kooperationspläne“ mit Afrika verabredet: Industrialisierung, Modernisierung der Landwirtschaft, Infrastrukturentwicklung, finanzielle Kooperation, Grüne Entwicklung, Unterstützung von Handel und Investitionen, Armutsbekämpfung, öffentliche Gesundheit, kultureller und personeller Austausch sowie eine Zusammenarbeit für Frieden und Sicherheit.

China wie auch Indien haben es sehr gut verstanden, sich als globale Netzwerker aufzustellen. Die afrikanisch-chinesische Kooperation hat sich deutlich vertieft, und damit haben sich auch die Spielräume der afrikanischen Länder erweitert, sich von der allzu großen postkolonialen Abhängigkeit von Europa zu befreien. Dennoch ist Vorsicht geboten mit einer allzu optimistischen Bewertung Chinas. Gerade die hohen Infrastrukturinvestitionen und die Struktur der Investitionen wie des Außenhandels verdeutlichen, dass es sich nicht um ein neues Kooperationsmodell mit Afrika handelt. Zwischen 2000 und 2017 vergab China 130 Milliarden Euro an Darlehen zum Ausbau der Infrastruktur. Heute entfallen 20 Prozent aller Schulden Afrikas auf China. Die einseitige Ausrichtung auf Rohstoffexporte, Rohstoffinvestitionen und die eher geringe Verbindung zur lokalen Industrie stehen dem afrikanischen Transformationsprozess entgegen.

Auch China wird umdenken müssen. Die Strategie, die Infrastruktur auszubauen, Rohstoffe auszubeuten und dadurch Wachstum ohne Jobs zu generieren, erweist sich als Sackgasse. Solch ein Agieren verstärkt die bereits bestehenden Asymmetrien. Das chinesische Modell stößt an seine Grenzen. Es ist kein wirkliches Kooperationsmodell, sondern ein Modell der abhängigen Entwicklung und führt zur Verschärfung der Lage auf dem Kontinent. Europa sollte von diesem geo-strategischen Modell ebenso Abschied nehmen wie China und durch sein Engagement – sei es durch Handel, Investitionen, technologische Kooperation – Beiträge zu einer von innen getragenen afrikanischen Entwicklung leisten, die zu Wohlstand, sinkender Armut und mehr Jobs führt.

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