IPG Journal / Migration: Schluss mit der Vogel-Strauß-Politik! Sieben Vorschläge für eine geregelte Migrationspolitik

Bei der Zuwanderung vor der Realität die Augen zu verschließen, löst keine Probleme. Vertreter einer humanitären Flüchtlingspolitik fordern eine großzügige Evakuierung der überfüllten Flüchtlingslager auf den griechischen Inseln und verweisen darauf, dass dafür in Deutschland allein schon hinreichend Aufnahmekapazitäten bereitstehen. Skeptiker gegenüber einer solchen Lösung betonen, dass dies falsche Signale aussende und dass die Lager innerhalb weniger Wochen wieder auf eine abermals skandalöse Weise überfüllt sein würden, weil ja noch Millionen anderer Menschen jenseits des Mittelmeers nach einer besseren Zuflucht oder einem besser gesicherten Lebensunterhalt suchen.

In den Migrationswissenschaften werden solche Signale oft als „Pull-Effekte“ bezeichnet. Der einseitige Verweis auf solche Effekte wird von Befürwortern gesicherter Grenzen gerne als Begründung für eine konsequente Abschottungs- und Abschreckungspolitik verwendet. Freunde einer offenen Einwanderungspolitik sehen im Verweis auf Pull-Effekte hingegen nur ein Totschlagargument gegen humanitäre Lösungen mit der Folge einer Zementierung des Flüchtlingselends. Die Auseinandersetzung um die „Pull-Faktoren“ ist also zu einem migrationspolitischen Glaubenskrieg zwischen Befürwortern und Gegnern einer liberaleren Einwanderungspolitik geworden. Es lohnt folglich, der Frage nach der empirischen Relevanz von Pull-Faktoren nachzugehen, um auf dieser Basis über angemessene migrationspolitische Konsequenzen nachzudenken.

In den Migrationswissenschaften kennen wir „Pull-Faktoren“ als Teil eines Modells, welches das Zusammenspiel zwischen Push-Faktoren (d.h. Migrationsdruck in Herkunftsregion), Pull-Faktoren (Migrationsanreize in potenziellen Zielregionen) und Migrationskosten (finanzieller, zeitlicher, risikobedingter Aufwand) zur Erklärung von räumlichen Migrationsmustern heranzieht. Dessen Kernaussage erscheint so banal wie plausibel: Menschen wandern – per saldo – von dort, wo die Perspektiven schlecht sind, dorthin, wo diese attraktiv erscheinen, unter der Voraussetzung, dass der Weg dorthin erschwinglich und nicht zu beschwerlich ist.

Auch unter Migrationswissenschaftlern ist dieses Modell umstritten. Jenen, die sich für die Vielschichtigkeit individueller Migrationsmotive interessieren, ist das Modell zu wenig differenziert oder zu mechanistisch. Es handelt sich ja auch um einen generalisierenden, makro-demografischen Erklärungsansatz zur quantitativen Erklärung von Migrationsströmen bzw. -mustern. Also um die migrationspolitisch durchaus relevante Frage, warum wie viele Menschen von A nach B wandern. Man sollte also nicht gleich das Erklärungsmodell verwerfen, nur weil manche daraus problematische Schlussfolgerungen ziehen.

Das Push-Pull-Migrationskosten-Modell liefert keine Antworten auf die Frage, welche Faktoren in welchem konkreten Fall ausschlaggebend waren. Vielmehr sagt es, welche Faktoren bei der empirischen Analyse berücksichtigt werden sollten. So gibt es beispielsweise zahllose Untersuchungen zum Thema Landflucht darüber, in welchem Maße nun die Landverknappung, die niedrigen Erzeugerpreise oder der Klimawandel zur Abwanderung gezwungen haben und in welchem Maße die „Lichter der Städte“, die höheren Löhne oder die familiären Netzwerke dorthin gelockt haben. Mit von Fall zu Fall unterschiedlichen Ergebnissen.

Im Falle der aktuellen Migrationsbewegungen aus armen und von bewaffneten Konflikten belasteten Ländern in Richtung Europa, Nordamerika oder in die reichen arabischen Golfstaaten herrscht breite Übereinstimmung darin, dass Push-Faktoren wie Arbeitslosigkeit, Landverknappung, Krieg oder Perspektivlosigkeit die entscheidenden migrationsverursachenden Faktoren sind. Darauf deutet die Tatsache hin, dass die meisten Migranten innerhalb ihrer Herkunftsländer oder in nur wenig attraktivere Länder innerhalb ihrer Herkunftsregion gewandert sind.

Untersuchungen, die belegen, dass nur die etwas besser Gestellten in entferntere Destinationen wie Europa oder die Golfstaaten kommen, deuten daraufhin, dass zum einen die reicheren Regionen mit ihren höheren Löhnen und größeren Jobchancen attraktiver sind (Pull!), dass zum andern aber die Migrationskosten dorthin die große Mehrzahl der zur Migration Gezwungenen davon abhalten, diese attraktiveren Destinationen anzustreben oder zu erreichen.

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