IPG Journal / Nigeria/Südafrika: Kampf der Elefanten

IPG Journal / Nigeria/Südafrika: Kampf der Elefanten

Die Konflikte zwischen Nigeria und Südafrika bedrohen die panafrikanische Integration. Die Eliten ignorieren die eigentlichen Probleme ihrer Länder.

Als Nigeria am 7. Juli das afrikanische Freihandelsabkommen African Continental Free Trade Agreement (AfCFTA) als 53. Staat unterzeichnete, war das ein wichtiger Schritt in einem weithin gepriesenen, aber auch heftig kritisierten neoliberalen Integrationsprojekt. Nur drei Wochen später erschütterten afrophobe Gewalttaten im südafrikanischen Wirtschaftszentrum Gauteng erneut die Prinzipien des Panafrikanismus, die der politischen Utopie einer kontinentalen Freihandelszone zugrunde liegen.

Angriffe auf afrikanische Einwanderer in Südafrika haben eine längere Geschichte. Die Unruhen, die Anfang September ihren Höhepunkt erreichten, waren die jüngsten in einer Reihe von zwölf Gewaltwellen, die sich seit dem Jahr 2000 gegen ausländische Staatsbürger richten und 150 Menschen das Leben kosteten. In Johannesburg wurden Hunderte Geschäfte von Nigerianern, Äthiopiern, Kongolesen, Simbabwern, Mosambikanern und anderen von gewalttätigen Mobs niedergebrannt und geplündert. Das alles unter dem Vorwand, dass Innenstädte von der Vorherrschaft der Ausländer und den illegalen Drogengeschäften der Einwanderer befreit werden müssten. Unverhältnismäßig viele Nigerianer werden dem Drogenhandel in südafrikanischen Metropolen zugerechnet.

Nach Jahrzehnten der Isolation unter der Apartheid und angesichts der hohen Arbeitslosigkeit sehen schwarze Südafrikaner ihre Lebensbedingungen im „neuen“ Südafrika kaum verbessert, denn sie haben immer noch keine Perspektiven und können ihre Familien nicht ernähren. So werfen die Einheimischen den Einwanderern aus anderen Teilen Afrikas vor, ihnen Jobs und Ressourcen streitig zu machen und kriminelle Netzwerke zu betreiben. Seit Ende der Apartheid zählt Südafrika zu den gefährlichsten Ländern der Welt mit den höchsten Verbrechensraten, es grassiert die Korruption, Recht und Ordnung werden nicht hinreichend durchgesetzt. Besonders afrikanische Migranten erhalten von den Sicherheitsbehörden so gut wie keinen Schutz. Afrophobe Angriffe hängen demnach unmittelbar mit den sozioökonomischen Problemen zusammen, unter denen Millionen von Menschen in Südafrika leiden.

Zwischen 2016 und 2018 sollen mindestens 118 Nigerianer in Südafrika umgebracht worden sein. Einem UN-Bericht aus dem Jahr 2019 zufolge leben offiziell 27 327 Nigerianer im Land, wohingegen der nigerianische Außenminister Geoffrey Onyeama von bis zu 800 000 Menschen spricht. Diese Diskrepanz lässt darauf schließen, dass ungeheuer viele Nigerianer ohne Aufenthaltsgenehmigung in Südafrika leben und daher besonders leicht in die Schattenwirtschaft abdriften.

In der Vergangenheit waren die Beziehungen zwischen den beiden größten afrikanischen Volkswirtschaften von Kooperation, zunehmend aber auch Konkurrenz geprägt. Während der Militärherrschaft in Nigeria in den 1980er und 1990er Jahren waren die beiden Länder verfeindet, doch in den folgenden Jahren, zwischen 1999 und 2007, bauten sie über eine starke und vielversprechende diplomatische Zusammenarbeit Institutionen sowie Sicherheits- und Entwicklungsstrukturen in Afrika auf. Gemeinsam propagierten sie die Doktrin der Organisation für Afrikanische Einheit gegen Staatsstreiche in Afrika. Nach 2007 überlagerte jedoch die Konkurrenz um Positionen und Repräsentation in internationalen Foren diese gemeinsame Führung. Pretoria und Abuja gerieten wiederholt über die Einwanderungspolitik aneinander und überboten sich gegenseitig damit, Menschen Visa zu verweigern oder sie abzuschieben.

Wirtschaftlich stehen die beiden Länder in Konkurrenz miteinander. Während Nigeria 2014 Südafrika als größte Volkswirtschaft des Kontinents überholte, hat Südafrika, das viele seiner Waren und Dienstleistungen nach Nigeria exportiert, in der Handelsbilanz die Nase vorn. Aufgrund der strengen Regulierung konnte nur eine Handvoll nigerianischer Unternehmen in Südafrika Fuß fassen, während sich auf dem nigerianischen Markt mehr als 100 südafrikanische Firmen positioniert haben. So kontrolliert der Telekommunikationsriese MTN 65,3 Prozent des nigerianischen Marktes, und auch südafrikanische Banken und die Supermarktkette Shoprite haben im großen Stil investiert.

Diese Unternehmen sind in Nigeria das Gesicht Südafrikas, weil es dort keine größere südafrikanische Gemeinde gibt, und standen daher auch im Visier der Vergeltungsmaßnahmen für die südafrikanischen Gewalttaten durch erboste Nigerianer. Niederlassungen und Filialen von MTN, Shoprite und dem Kabelfernsehsender MultiChoice wurden zeitweise geschlossen, einige geplündert, ehe die Polizei eingreifen konnte. Aus verschiedenen Teilen der Gesellschaft kamen Forderungen nach Boykottmaßnahmen, einer Entschuldigung, Entschädigung oder gar Verstaatlichung südafrikanischer Firmen. Die Wut, die sich aufgestaut hat in den Jahren, in denen es wiederholt zu Angriffen auf Nigerianer kam, hat sich im kollektiven Bewusstsein von Land und Volk verfestigt. Da Nigeria im Kampf gegen die Apartheid Solidarität mit den südafrikanischen Brüdern bewies und politisch und finanziell eine Schlüsselrolle spielte, sind die Menschen nun tief enttäuscht.

Fortsetzung HIER. (Ebert-Stiftung)