Libyen: Zahl der Binnenvertriebenen drastisch gestiegen

Libyen: Zahl der Binnenvertriebenen drastisch gestiegen

Tripolis – Aufgrund von aktuellen Kämpfen hat sich die Zahl der Binnenvertriebenen in Libyen seit letztem September von etwa 230.000 auf nun mehr als 434.000 Personen nahezu verdoppelt.  Insgesamt handelt es sich um 83.697 binnenvertriebene Familien. Das geht aus Daten hervor, die landesweit von UNHCR und seinen Partnern gesammelt wurden, darunter regionale Krisenstäbe, Kommunen und Nichtregierungsorganisationen, die Binnenvertriebene zudem mit Nahrungsmitteln und anderer Soforthilfe unterstützen.

Da UNHCR nur begrenzten Zugang nach Libyen hat und die Hilfen daher aus dem Ausland koordinieren muss, ist es möglich, dass die Zahlen der Binnenvertriebenen in Wirklichkeit noch höher sind. UNHCR ist auf regionale Partner angewiesen, welche selbst wegen der instabilen Situation nicht alle betroffenen Regionen erreichen können. Aufgrund von eingeschränkten Kommunikations- und Dokumentationsmöglichkeiten sind die aktuellen Zahlen Schätzungen.

Die Situation in Bengasi
Ein Viertel der Binnenvertriebenen (105.000) hält sich in der östlichen Stadt Bengasi auf, wo UNHCR in Zusammenarbeit mit kommunalen Behörden, lokalen und internationalen Nichtregierungsorganisationen zwischen März und Juni Hilfsgüter wie Matratzen, Decken und Kochgeschirr an etwa 6.000 besonders schutzbedürftige Binnenvertriebene verteilt hat.

Der Zusammenbruch des Gesundheitssystems, die Schließung von mehr als 60 Schulen und Universitäten, zunehmende Kriminalität und mangelnde Rechtsstaatlichkeit geben Anlass zur Sorge. Außerdem gibt es immer wieder Berichte von Zivilpersonen, die Opfer der Kampfhandlungen geworden sind. Landminen und Blindgänger stellen außerdem eine Gefahr für die Binnenvertriebenen dar.

Lebensbedingungen der Binnenvertriebenen
Der Konflikt stellt eine Bedrohung für Zivilpersonen dar und verhindert eine sichere Rückkehr von Binnenvertriebenen nach Misrata, Tripolis, Warshefana, ins westlich gelegene Nafusa-Gebirge und ins südlich gelegene Awbari. Binnenvertriebene und Aufnahmegemeinden in diesen Gebieten sind ebenfalls vom mangelnden Zugang zu Bildung, Gesundheitsversorgung, Elektrizität und anderen wichtigen Leistungen betroffen.

Die Lebensbedingungen von Binnenvertriebenen unterscheiden sich je nach Gebiet, sind aber besonders im Süden sehr kritisch. Unterkünfte befinden sich sowohl in gemieteten Wohnungen als auch in Schulen, Fabriken und leerstehenden Gebäuden. In der südlichen Grenzstadt Ghat, die in der Wüste gelegen ist, leben manche binnenvertriebenen Familien in leeren Wassertanks.

Binnenvertriebene, die bereits mehrmals fliehen mussten, haben oftmals Probleme, soziale und wirtschaftliche Unterstützungsnetzwerke aufrechtzuerhalten. Insbesondere junge Männer werden Opfer von körperlicher Gewalt, willkürlicher Verhaftung und Entführungen.

Versorgung mit Hilfsgütern
Trotz der schwierigen Situation konnte UNHCR – mithilfe von Partnern in Libyen – seit Mai mehr als 10.000 Binnenvertriebene in Misrata mit Non-Food-Hilfsgütern versorgen. Zu Beginn lag der Fokus hier auf der Versorgung von Neuankömmlingen und besonders Schutzbedürftigen. Insgesamt konnte mehr als die Hälfte der Binnenvertriebenen in Misrata (17.000) versorgt werden.

Andere Partner verteilen Nahrungsmittel und Hilfsgüter an Binnenvertriebene in Zintan und dem Nafusa-Gebirge (70.000), Warshefana (30.000), Zawija (20.000) sowie verschiedene Orte in der Gegend von Tripolis (mehr als 30.000). Die Lage der Binnenvertriebenen bleibt in den meisten Gebieten weiterhin unsicher, insbesondere um Tripolis und Warshefana, wo zerstörte Gebäude die Rückkehr der Binnenvertriebenen verhindern.

Sporadische Kämpfe im Süden und verschärfte Stammeskonflikte zwischen den Tebu und den Tuareg drohen die Fluchtsituation zu verlängern: Viele Binnenvertriebene sind entweder nicht in der Lage zurückzukehren oder müssen nach ihrer Rückkehr in untragbaren Zuständen leben, wie z.B. im Grenzgebiet Awbari. Für UNHCR wird der Zugang nach Südlibyen und der Transport von Hilfsgütern aufgrund des Konflikts und wegen unterbrochener Versorgungsketten erschwert. (UNHCR, Foto: irin)