Namibia: Buchautor Ulf G. Stuberger im Interview

Mehrere Jahre lebte Journalist und Buchautor Ulf G. Stuberger in Namibia. Dass es keineswegs leicht ist, sich dort unter den deutschstämmigen Farmern zu etablieren, erzählt er in seinem Buch „Ich war ein weißer Farmer in Afrika“. AFRICA live sprach mit Stuberger über seine Geschichte.

In Ihrem Buch beschreiben Sie die deutschen Farmer in Namibia, eine recht eigenwillige Gruppe. Wie steht es Ihrer Meinung nach um die anderen Deutschen, die in Städten leben? Sind sie integriert, oder scharen sie sich in Gruppen und Verbänden zusammen?

Ulf G. Stuberger: Es geht in meinem Buch „Ich war ein weißer Farmer in Afrika“ um meine persönlichen Erfahrungen mit deutschstämmigen Farmern und deren Nachkommen, die in Namibia leben, die ich für repräsentativ halte. Es sind also keine „deutschen“ Farmer, sondern Namibier mit Migrationshintergrund. Sie leben ähnlich wie einige Gruppen hier bei uns in Deutschland mit ausländischen Wurzeln vielfach in einer Parallelgesellschaft, die sie sich aufgebaut haben. Das gilt weitestgehend auch für Namibier mit deutschem Migrationshintergrund, die in den Städten leben und anderen Berufen nachgehen. Ich habe keinen einzigen Deutschstämmigen kennengelernt, der die Sprache der absoluten Mehrheit der namibischen Bevölkerung, Oshiwambo, spricht. Wir kennen ähnliche Probleme auch hier bei uns, wo wir von Bürgern mit ausländischen Wurzeln berechtigt erwarten, dass sie Deutsch lernen.

Könnten Sie die prägendste Szene beschreiben, die Sie auf der Farm erlebt haben?

Ulf G. Stuberger: Zwei Ereignisse haben sich mir unauslöschbar eingeprägt. Erstens ein Tag, an dem ein Nachbarfarmer zu Beginn der Schulferien einen kräftigen Arbeiter zu den Schulkindern unserer Angestellten schickte, um sie mit Prügel dazu zu zwingen, in seinem Betrieb zu arbeiten, mit dem er eine bestimmte Blumensorte für den Export auch nach Deutschland produzierte. Zweitens die Tatsache, dass die deutschstämmigen Farmer auch ihre erwachsenen Mitarbeiter wie unmündige Kinder behandeln, nicht mit ihren traditionellen, sondern ihnen ungefragt zugeteilten deutschen Vornamen ansprechen und sie in Gesprächen mit Dritten nur mit dem substantiierten Artikel „Die“ bezeichnen. Wie verräterisch Sprache doch sein kann!

Sie sind mit einer Namibierin verheiratet. Besuchen Sie Namibia immer noch regelmäßig?

Ulf G. Stuberger: Meine deutsche Frau ist in Namibia geboren. Selbstverständlich besuchen wir unsere Familie in Namibia und laden Angehörige hierher nach Deutschland ein. Unregelmäßig organisieren wir auf privater Basis Reisen für Freunde und Bekannte nach Namibia.

Haben Sie das Gefühl, dass Ihnen als Deutscher vor Ort irgendeine gesonderte Behandlung zuteil wird?

Ulf G. Stuberger: Sie meinen vermutlich „in Namibia“ mit „vor Ort“. Ich kann die Frage dann mit „Ja“ beantworten, wenn man als „gesonderte“ Behandlung anseht, dass leider immer noch viele schwarze Namibier Angst vor uns weißen Menschen haben, was ich sehr gut nachvollziehen kann. Die brutale Rassenpolitik als Auswirkung der deutschen Besatzung durch Kolonisten vor langer Zeit hat ja erst vor etwa zwanzig Jahren ein Ende gefunden. Viele auch junge Menschen tragen noch Narben von den Malträtierungen durch Weiße auf ihrer Haut.

Oder anders herum: Würden Sie sich als Deutscher im Alltag anders verhalten, wäre die Kolonialgeschichte nicht gewesen?

Ulf G. Stuberger: Eine sehr hypothetische Frage. Wie man sich verhalten würde, wenn die eine oder andere Passage der Geschichte in Namibia oder anderswo auf der Welt sich so nicht ereignet hätte, vermag ich nicht konkret zu beantworten. Ich vermute aber, dass ich als Weißer und Deutscher ohne den geschichtlichen Hintergrund der deutschen Besatzung während der Kolonialzeit bei der überwiegenden Mehrheit der Namibier zumindest bei einer ersten Begegnung nicht damit belastet erscheinen würde. Das geht uns Deutschen ja in Israel ähnlich.

Was macht die Faszination aus, die Sie nach Namibia zieht? Teilen Sie diese mit den vielen anderen Deutschen?

Ulf G. Stuberger: Ich weiß nicht welche Faszination vieler anderer Deutscher Sie meinen. Für mich ist Namibia eines der schönsten Länder der Erde. Dort leben viele sehr verschiedene Menschen aus unterschiedlichen Gesellschaften heute friedlich miteinander – gewiss ein Ergebnis der Regierungspolitik seit der Unabhängigkeit unter dem Motto „Wir vergeben, aber wir vergessen nicht“. Die Offenheit und die Gastfreundschaft der absoluten Mehrheit der Namibier hat mich sehr überrascht, die ich immer wieder erlebe, wenn meinen Gesprächspartnern dort deutlich wird, dass ich ein wirklicher Deutscher bin und nicht zu den eher hinterwäldlerischen Deutschstämmigen gehöre, die dort leben. Und das, obwohl in Namibia der Unterschied zwischen Reichen (weitestgehend weißen Menschen) und Armen (fast ausschließlich schwarzen Menschen) am größten auf der Erde ist! Hinzu kommt die für uns im überbevölkerten Deutschland unvorstellbar geringe Bevölkerungsdichte in Namibia, die auch Basis für die sehr geringe Kriminalitätsrate im Vergleich mit zum Beispiel Europa ist. Die Weite des Landes gibt einem die Möglichkeit, frei atmen zu können. Das für uns als Touristen sehr angenehme Klima und Wetter (unter der Trockenheit und Überflutungen im Norden leiden sehr viele Namibier bis heute auch an Hunger), die unvergleichliche Vielfalt an Wildtieren als ein Ergebnis des beispielhaft weit verbreiteten Umweltschutzes, sind weitere Eindrücke, die mich faszinieren.

 

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Das Interview führte Markus Schönherr, Kapstadt
schoenherr@africajourno.com