Sierra Leone: Trauern ist Pflicht – auch an Weihnachten

Sierra Leone: Trauern ist Pflicht – auch an WeihnachtenEine spezielle Tradition auferlegt den Frauen Einsamkeit nach einem Trauerfall. Das verhindert bis heute gesellschaftliche Entwicklung und lässt Frauen und Kinder verarmt zurück: Für viele Menschen fällt dieses Jahr Weihnachten anders aus, als sie es gewohnt sind. Für Isatu aus Sierra Leone rücken die Weihnachtsfeiertage bedrohlich näher. Sie weiß nicht, wie sie die Tage dieses Jahr gestalten soll. Sie hat zu wenig Essen im Haus und darf nicht zum Markt gehen.

Da es an den Festtagen Tradition ist, gekochte Gerichte mit den Nachbarn und den Dorfbewohnern zu teilen, graut ihr davor, mit leeren Händen dazustehen. Grund dafür ist nicht das Corona-Virus. Grund dafür ist, dass Mitte Oktober Isatus Ehemann verstorben ist.

Die Ursache kennt die 24-Jährige nicht. Eines Tages wurde er krank. Weil die traditionellen Kräuterheilmethoden nicht angeschlagen haben, ist er wenige Wochen später gestorben. Er war etwa 30 Jahre alt. Das genaue Alter kennt seine Witwe nicht.

Eine Tradition verhindert nun, dass Isatu wie gewohnt Weihnachten feiern kann. Nach dem Tod des Ehemannes haben die Frauen die Pflicht, für 130 Tage ihr Haus bzw. ihre unmittelbare Umgebung nicht zu verlassen. Damit stellt die Familie des Mannes sicher, dass, sollte die Witwe schwanger zurückgelassen worden sein, das Baby auf jeden Fall von dem Verstorbenen gezeugt wurde. Für Isatu stellen die vier Monate und zehn Tage Trauerzeit eine große Herausforderung dar. „Sie weiß nicht, wie sie ihre drei Kinder ernähren soll“, erklärt Carmen Schöngraf, Geschäftsführerin von ora Kinderhilfe, die Isatu während ihrer Reise nach Sierra Leone erst kürzlich getroffen hat. „Isatu lebt von dem, was auf ihrem Feld wächst und von dem, was sie außerhalb ihres Dorfes verkaufen kann. Eigentlich geht sie jeden Tag auf den Markt in der nahe gelegenen Stadt Makeni. Das ist ihr nun verboten.“

Das ist umso schwerer zu ertragen, als dass der Dezember ein fröhlicher Monat in dem westafrikanischen Land ist. „Überall gibt es in dem Monat Feste, Feiern und Veranstaltungen“, erzählt Schöngraf. „Bis November wurde die Ernte des letzten Quartals eingebracht und im Dezember müssen die Menschen weniger hungern als sonst. Das feiern sie auf ausgelassene afrikanische Art.“

Aber auch außerhalb der Weihnachtszeit stellt diese Tradition die Frauen des Landes vor große Herausforderungen. Der Ritus verhindert gesellschaftliche Entwicklung und diskriminiert die Frauen. Darauf weist ora Kinderhilfe international e. V. eindringlich hin. Den sierra-leonischen Männern wird keine Trauerpflicht auferlegt, wenn sie ihre Ehefrau verlieren. Ausschließlich den Frauen obliegt es, 130 Tage im Privaten Trauer zu tragen. Und das, obwohl sie für die Versorgung der Familie fortan allein verantwortlich sind. Sie können ihren Geschäften nicht mehr nachgehen, ihre Verkäufe nicht mehr tätigen, ihre Jobs nicht mehr ausüben. Der wirtschaftliche Schaden, der allein dadurch jährlich entsteht, geht in die Millionenhöhe.

„In einem Land, in dem sich mehr als die Hälfte der Bevölkerung keine ärztliche Behandlung leisten kann, stirbt jeden Tag der Ehemann von jemandem. Nicht wenige der Frauen stehen nach den 130 Tagen vor dem Nichts, die Situation ist prekär“, kritisiert die Geschäftsführerin von ora Kinderhilfe, Carmen Schöngraf, den Ritus. Das Berliner Hilfswerk unterstützt Mütter und Frauen, die in eine solche Lage geraten. Auch Isatu wurde mit zusätzlichen Lebensmitteln, Öl, Mehl, Kleidung für ihre drei Kinder sowie Bargeld versorgt. Es hat ihre Nachbarinnen entlastet, die seit Mitte Oktober von dem wenigen, das sie besitzen, Isatu und ihre drei Kinder mit versorgt haben.

Für die Gleichstellung von Frauen arbeitet ora Kinderhilfe in dem Dorf „3 Miles“ seit fünf Jahren. Dazu gehören auch Schulungen für Frauen, in denen die gegenseitige Solidarität und Nachbarschaftshilfe gestärkt wird. Zudem gibt es eine spezielle Spargruppe, die hilft, die sowieso schon schwierige Situation finanziell zu stabilisieren. (ora Kinderhilfe)