Sonntag in Südafrika: Tausende beten für Mandela

Zum „Tag des Betens und der Einkehr“ ernannte Präsident Jacob Zuma den heutigen Sonntag. Südafrika befindet sich in kollektiver Trauer. Ab Montag werden Staatsoberhäupter und Prominente aus aller Welt erwartet.

„Madiba – viva – viva – viva!“, schreit die Menge und ihre Fäuste stoßen in den Himmel. Auf der Grand Parade, dem Platz vor dem alten kapstädter Rathaus, hatte Nelson Mandela nach 27 Jahren politischer Haft seine erste Rede als freier Mann gehalten. Wie schon am Freitag, versammeln sich  hier am Sonntag erneut Tausende, um für ihren verstorbenen Nationalhelden zu beten. Ähnliche Szenen in Johannesburg: Im Vorort Houghton, wo Mandela Donnerstagnacht starb, verwandelte sich die Straße vor seiner Residenz in ein Meer aus Blumen und Kerzen. Am Wochenende trafen erneut Hunderte für spontane Gedenkfeiern und eine Nachtwache ein. Die johannesburger Bryanston-Methodistenkirche war am Sonntag überfüllt, als Hunderte für „Tata Madiba“ beteten – unter ihnen Präsident Jacob Zuma und Mandelas Ex-Frau Winnie Madikizela-Mandela. Bei einer Gedenkfeier in der Provinz Ostkap trotzten mehr als 6.000 Südafrikaner der Mittagshitze. Mandela hatte zuletzt drei Monate im Krankenhaus verbracht und war auch zu Hause auf lebenserhaltende Geräte angewiesen. Sein Tod kam nicht unerwartet, dennoch löste er unter 52 Millionen Südafrikaner eine Schockwelle aus.

Nach seiner Freilassung 1990, verabschiedete Mandela das Apartheid-Regime und wurde 1994 zum ersten schwarzen Präsidenten des Landes. An sein ideelles Wirken erinnerten in den letzten drei Tagen Menschen rund um den Globus. „Seine Aktionen haben Millionen Leben gerettet und die Gesundheit Afrikas geprägt“, so Michel Sidibe, Direktor des UN-Programms zur Bekämpfung von Aids (UNAIDS). Behörden der iranischen Hauptstadt Teheran verkündeten, eine Straße nach Mandela benennen zu wollen und die Verwaltung der indischen Kashmir-Region hat eine fünftägige Staatstrauer ausgerufen. UN-Generalsekretär Ban Ki-moon lobte Mandela als „Gigant der Gerechtigkeit“ und NASA-Astronaut Chris Hadfield dankte Mandela auf Twitter mit einem Satellitenfoto von Kapstadt.

Südafrika befindet sich derzeit in einer zehntägigen Staatstrauer. Nachdem traditionelle Führer aus Mandelas Xhosa-Ethnie am Samstag die Zeremonie des „Augenschließens“ vollzogen, beging das Land am Kap sonntags den „Tag des Betens und der Einkehr“. Am Dienstag findet im Soccer City-Stadium in Johannesburg die offizielle Trauerfeier statt. 2010, zur Eröffnung der Fußball-Weltmeisterschaft, hatte Mandela hier seinen letzten öffentlichen Auftritt gehabt. Neben einem Publikum von Zehntausenden, kündigten sich Staatsoberhäupter und ehemalige Führer aus der ganzen Welt an: US-Präsident Barack Obama, zusammen mit der First Lady, den Ex-Präsidenten George W. Bush und Bill Clinton sowie der englische Premier David Cameron, Kanadas Premier, Stephen Harper, und Australiens Premier, Tony Abbott. Als religiöse Führer werden Papst Franziskus und der Dalai Lama erwartet. Daneben kommen Dutzende Vertreter des Weltgeschehens, wie Moderatorin Oprah Winfrey, U2-Sänger Bono, Supermodel Naomi Campbell und US-Milliardär Bill Gates. Am Mittwoch wird Mandelas Leichnam dann zum ersten Mal das Totenhaus verlassen, wie die Regierung gestern mitteilte. Von der Öffentlichkeit soll sein Sarg durch die Straßen Pretorias begleitet und schließlich in den Union Buildings aufgebart werden. Hier, in dem offiziellen Sitz des Präsidenten, hatte Mandela seine Amtszeit von 1994 bis 1999 verbracht. Die Zeremonie soll sich bis Freitag täglich wiederholen. Samstag verabschieden sich die Mitglieder des African National Congress (ANC) von ihrem ehemaligen Präsidenten und am Sonntag wird der „Vater aller Südafrikaner“ in seinem Heimatdorf Qunu beigesetzt.

Laut Präsident Zuma starte man „mit Trauer und Kummer“ in die kommende Woche, „zugleich aber mit Stärke, Fortdauer und der Hoffnung auf eine Zukunft, die Mandela sich für dieses wunderbare Land gewünscht hatte.“

Markus Schönherr, Kapstadt

schoenherr@africajourno.com