
Mapoli Town in Kenia /Ostafrika, ist der Schauplatz des Erstlingsromans der Kenianerin Okwiri Odour. Spannend und eindrucksvoll sind die Geschehnisse und Erzählungen um die zwölfjährige Ayosa.
Ihre Mutter, Nabumbo Promise, lässt sie immer wieder allein. Sie verspricht ihrer Tochter, bald wiederzukommen. Aber genau so plötzlich ist sie weg, wie sie wieder auftaucht. Sie arbeitet als Fotografin und ist viel auf Reisen. Am innigsten wünscht sich Ayosa, dass ihre Mutter immer für sie da ist.
Ihre Mutter schenkt ihr einen Bibliotheksausweis. Sie liest sich durch alle Bücher, die sie finden kann und die sie interessieren. In die Schule will sie auf keinen Fall.
Immer dann, wenn sich ihre Mutter über sie ärgert, wird sie auf den Dachboden geschickt. Dort begegnet ihr die geisterhafte Fatuma.
Ihre täglichen Mahlzeiten sucht sich Ayosa aus verschiedenen Quellen zusammen.
Ayosa macht die Bekanntschaft mit Sindano. Sie besitzt ein Café, mit dem Namen Mutheu Must Go Café. Neugierig geworden will sie von ihrer neuen Freundin wissen, wer Mutheu ist und warum sie wegmuss. Zwischen den beiden entwickeln sich regelmäßige Gespräche. Sindano verwöhnt ihren einzigen Gast, Ayosa, mit köstlichen Getränken und leckerem, selbstgebackenem Kuchen.
Weihnachten. Ayosa freut sich auf dieses Fest. Sie will ihre Mutter mit einem üppigen Menü verwöhnen. Doch diese entzieht sich diesem jährlichen Ritual und arbeitet in ihrem Fotoatelier.
Jenitri, die Apothekerin, verfügt über reichhaltiges Wissen, im Umgang mit Heilungsmitteln. Mit ihrer Enkelin Temerity versucht sie, Mutter und Tochter mit ihren Mitteln zu unterstützen.
Mbiu, ein zwölfjähriges Mädchen, beobachtet Ayosa. Sie findet, dass sie einsam sei, wie sie auch.
Die beiden freunden sich an. Sie erzählen sich ihre Lebensgeschichten voller Trauer, unendlicher Erlebnisse, von ihren Zuneigungen, ihrem Vertrauen und ihren Enttäuschungen. Gegenseitig achten sie darauf, nicht von Anderswesen (das sind Wesen, die in andere Personen schlüpfen, sie wenden sich an Personen mit besonders innigen Wünschen, wie Ayosa, die ihrer Mutter ganz nahe sein will), entführt zu werden.
Mit immer raffinierteren Methoden versuchen Bessie, so heißen die Anderswesen, Personen aus dem Umfeld von Ayosa in ihre Gewalt zu bringen. Opfer werden nicht losgelassen, bevor sie nicht erzählen, wie sie gestorben sind. Denn nur dann können sie den Himmel sehen.
Immer wieder ziehen sich Geschehnisse aus früheren Zeiten durch diesen Roman. Ayosa entdeckt, dass auch ihre Mutter und deren Schwester Rosanna eine schwierige Beziehung zu ihrer Mutter Lolla Freedom hatten. In ein Waisenhaus mussten die beiden, da ihnen vorgeworfen wurde, ihren Bruder in den Brunnen geworfen zu haben. Die Schwestern versuchen, sich zu wehren. Lolla Freedom sieht ihren Beitrag zum Tod ihres Sohnes nicht. Sie hat, um nicht gestört zu werden, ihren Sohn schwer verletzt. Er leidet. Um sein Leiden zu beenden, werfen ihn die Schwestern in den Brunnen.
Nambou Promise versucht, ihre Tochter zurückzugewinnen. Gemeinsam sitzen sie in einem Boot, aber eine Annäherung findet nicht statt. Das Boot kentert, die Mutter ertrinkt. Ayosa wird von ihrer Freundin Mbui aus dem Wasser gezogen.
In ihrem Debütroman gelingt es Okwiri Oduor, auf einfühlsame Weise, Empfindungen, Gefühle, Ängste, und Glück einzufangen. Ihr feines Gespür für Erinnerungen, Verlust und Verbindung in den Schilderungen der Verhältnisse von Mutter und Tochter wird in drei Generationen der Familie beleuchtet. Die offensichtlich schwierigen Lebensbedingungen werden anschaulich porträtiert.
Der englische Guardian benennt die Darstellungen der Schriftstellerin als magisch, betörend. Bilderreiche Sprache, fantasievolle Empfindungen und Erlebnisse der Hauptfiguren, machen diese Veröffentlichung zu einem fesselnden Leseereignis.
Die Autorin lebt in Deutschland und Tunesien. (Theresa Endres).
Okwiri Oduor
Anderwelttage
Roman. Aus dem Englischen von Thomas Brückner
akono Verlag für afrikanische Literaturen 2026
472 Seiten, 29,00 Euro
ISBN: 98-3-949554-2.8
Erscheinungsdatum: 26. 10.2026