Buchtipp: Andrea Böhm “ Fighting like a woman: die Geschichte der Frauen, die zurückschlagen“

Buchtipp: Andrea Böhm " Fighting like a woman: die Geschichte der Frauen, die zurückschlagen"

Andrea Böhm formuliert im Eingangsartikel ihre Motivation, ihren Anspruch, sich der Thematik Frauen und Gewalt anzunähern. Frauen haben schon immer gekämpft. Die Autorin will diese vergangenen und gegenwärtigen Spuren aufdecken.

Ein Kapitel widmet Andrea Böhm den Verhältnissen in Benin, dem kleinen Staat am Golf von Guinea. Sie berichtet von ihrer Reise, nach Cotonou, der größten Stadt Benins. Die Autorin schildert ihre Erfahrungen. Sie skizziert, wie dort mit Gewalt umgegangen wird.

Den Amazonen aktive Kriegerinnen wurde ein Denkmal zur Erinnerung errichtet. Auf dieser Gedenktafel ist zu lesen „Als Symbol für unsere Liebe und unseren Einsatz für das Land sind die Amazonen bekannt dafür, die Heimat mit derselben Tapferkeit verteidigt zu haben wie die Männer.“

Der Hollywoodfilm „The Woman King “ hat das Interesse auf die Elitesoldatinnen des Königreichs Dahomey gelenkt. Martine de Souza, deren Familie sich als Vorfahren eingewanderter Händler und Nachkommen portugiesischer Kolonialherren in Benin angesiedelt hat, ist der Meinung, dass die Welt niemals so sei, wie im Hollywoodfilm gezeigt. Die Realität weise auf eine andere Geschichte hin.

Agojie werden Amazonen genannt, Benins größte ethnische Gruppe. Im bewaffneten Nahkampf konnten sie als physisch Unterlegene ihren Nachteil durch geschickten Einsatz von Macheten, Lanzen oder Kurzschwertern ausgleichen. Als Soldatinnen führten sie für ihre Heimat kriegerische Auseinandersetzungen mit Schwert, Speer und Gewehr. Sie befreiten Versklavte und besiegten im Nahkampf die männlichen Gegner. Sie kämpften u.a. gegen die Kolonialherrschaft. In Benin werden die Kriegerinnen als Nationalheldinnen verehrt.

Die Kämpferinnen werden unterschiedlich beurteilt. Britische Kolonialbeamte fanden die Agojie abstoßend und brutal. Ein Missionar zollte den Frauen Hochachtung, nachdem er an einem Manöver teilnehmen durfte. Martine de Souza bewundert auf der einen Seite die Frauen, die vor niemandem Angst haben mussten. Auf der anderen Seite spricht sie auch die Gräueltaten der Agojie an.

In Kenia besucht Andrea Böhm Ujamaa Africa. So nennt sich das Projekt einer kenianischen Nichtregierungsorganisation. Unterstützt werden deren Aktivitäten von amerikanischen Aktivistinnen. Die Jugendlichen leben in den Slums der Hauptstadt Nairobi unter problematischen

Bedingungen. Nora, die Trainerin, eröffnet den Mädchen eine andere Welt. An öffentlichen Schulen finden Kurse zur Selbstverteidigung und Selbstbehauptungstraining für 10–15-Jährige statt.

Mit dieser Schulung sollen den Teilnehmerinnen die Angst vor Vergewaltigung und körperlicher Gewalt genommen werden. Sie lernen, laut zu sein, sich zu wehren, auch wenn es nötig ist, mit körperlicher Gewalt. Das Weibliche zu verlernen, sich nicht kleinzumachen, Grenzen zu setzen

die Freude, sich wehren zu können, sind erklärte Ziele.

Vermittelt werden in den Kursen “ NoMeansNoWorldwide“ (Nein heißt nein auf der ganzen Welt)

Rebellin zu sein, nicht mehr als verletzlich zu sein, ist Bestandteil des Trainings. Denn, so die Auffassung, wer sich verteidigen kann, hat eine andere Ausstrahlung und wird deshalb auch nicht angegriffen. Auch Jungen werden für diese Schulungen angesprochen.

Zu Beginn erzählen die Trainer von ihrer Jugend, von trinkenden und gewalttätigen Vätern, von der verletzten Schwester, von Freunden, die erschossen wurden, vom sexuellen Missbrauch,und von den Drogenkurieren.

Die ungeschriebenen Gesetze der Ghettos: Mädchen, die nein sagen, müssen bestraft werden, oder Geschenke verpflichten zum Sex, werden zur Diskussion gestellt.

Angebote gibt es zur Auseinandersetzung mit dem herrschenden Bild der Männlichkeit.

Es geht um die“ bad boy“ Kultur im sozialen Umfeld der Jugendlichen. Vergewaltigung wird nicht als Verbrechen, sondern als Ausdruck von Maskulinität betrachtet.

In ihrem Alltag sollen die Jungen patriarchale Gewalt reflektieren. Herabsetzende Situationen erkennen und bei jeglichen Formen von Gewaltsamkeit einschreiten.

Geübt werden in Rollenspielen, wie etwa einem Freund ins Wort fallen, wenn sexistische Sprüche

ausgesprochen werden. Oder es geht darum, die Schwester zu unterstützen, die sich gegen ihre Verheiratung wehrt. Szenarien für Einmischung, Interventionen, Eingreifen statt Wegschauen werden in den Kurseinheiten vermittelt. Die Schüler üben sich in Selbstverteidigungsstrategien.

Der Trainer ist überzeugt, dass bei den Teilnehmern eine Mehrheit ihre Einstellung zu Frauen und Mädchen geändert hat. Die Autorin bleibt skeptisch, ob sich angesichts immer mächtiger werdender sozialer Medien die Männersphäre wirklich verändert.

Über die Jahre hat sich ein internationales Netzwerk Jahre herausgebildet. Ujaama Africa vermittelt seine Trainer:innen nach Malawi und Somalia. Die Organisation „NoMeansNoWorldwide“(Nein heißt Nein auf der ganzen Welt) hat ähnliche Kurse in Südafrika, Äthiopien und Nigeria entwickelt.

Boxgirls in Berlin unterstützen junge Boxerinnen in Kenia.

Andrea Böhm ist eine vielfach ausgezeichnete Journalistin. Als Korrespondentin bereiste sie u. a. zahlreiche Länder Afrikas.

Bei den Fragen des männlichen Gewaltmonopols, der Geschlechtergerechtigkeit und den körperlichen Kämpferinnen, hat sie einen historischen Überblick, eine gegenwärtige und eine theoretische Betrachtungsweise gewählt.

Ihre Darstellung ermöglicht einen tiefen, weitreichenden Blick in die Geschichte und Gegenwart von verankerter Gewalt.

Die Autorin verweist darauf, nicht nur Erziehung, Aufklärung und Proteste sind bedeutend. Auch körperliche Erfahrungen von Respekt, Selbstbewusstsein und Handlungsmacht leisten wichtige Beiträge zu veränderten Wahrnehmungen und Verhaltensweisen.

 Es ist ein gut erzähltes Buch von schwierigen Machtverhältnissen. In ihrer Reportagensammlung nimmt Andrea Böhm Bezug auf die Soldatinnen in unterschiedlichen Zusammenhängen. Einheitlich sei es, dass den kämpfenden Soldatinnen zwar Geschlechtergerechtigkeit zugesagt wurde, dieses Versprechen aber nicht eingelöst wurde. In Südafrika sind über ein Viertel der Bevölkerung Soldatinnen.

Die Verfasserin dieses Sachbuches plädiert für eine neue Körperlichkeit. Angst ist für sie der Rohstoff für Wut, sie spricht von einer kleinen Revolution. Die Stärke des Buches liegt in der präzisen Schilderung historischer und aktueller Geschehnisse. Es lohnt sich, trotz mancher langwieriger Abhandlungen, diese Veröffentlichung der Journalistin Andrea Böhm aufmerksam zu lesen (Theresa Endres)

Andrea Böhm
Fighting like a woman
Die Geschichte der Frauen, die zurückschlagen
Rowohlt Verlag 2026
240 Seiten
 ISBN 978-3-498-00397-5
 24,00 Euro