
In Berlin sorgte ein geplanter Schwimmnachmittag im temporären „Volksbad“ vor der Volksbühne für Streit. Das Becken sollte am 14. August für mehrere Stunden exklusiv Schwarzen Kindern und Jugendlichen zur Verfügung stehen. Organisiert wurde die Aktion vom Verein Each One Teach One (EOTO), der damit einen geschützten Raum für von Rassismus betroffene junge Menschen schaffen wollte. Kritiker warfen den Veranstaltern vor, damit Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe auszuschließen. Nach heftigen Reaktionen und rassistischen Drohungen wurde die Veranstaltung schließlich aus Sicherheitsgründen abgesagt. Dr. Pierrette Herzberger-Fofana, Ex-Mitglied des Europäischen Parlaments und Co-Vorsitzende a.D. der ARDI-Intergroup (Anti -Racism and Diversity Intergroup), erklärt dazu:
„Mit großer Bestürzung habe ich erfahren, dass eine von Each One Teach One (EOTO) für Schwarze Kinder und Jugendliche geplante Schwimmbadveranstaltung nach rassistischen Drohungen abgesagt werden musste, weil ihre Sicherheit nicht mehr gewährleistet werden konnte.
Ich bin wütend und traurig. Was als unbeschwerter Ferientag für Kinder gedacht war, wurde zum Gegenstand einer aufgeheizten politischen Debatte. Die Leidtragenden sind ausgerechnet die Kinder.
Die öffentliche Kontroverse wurde durch die Kritik der CDU-Bezirksverordneten Aileen Weibeler aus Berlin-Pankow an dem zeitlich begrenzten Safe-Space-Angebot ausgelöst. „ich fühle mich diskriminiert“ (sic). Dabei geriet der eigentliche Sinn der Veranstaltung aus dem Blick: Schwarzen Kindern und Jugendlichen für einige Stunden einen geschützten Raum zu bieten, in dem sie gemeinsam schwimmen, spielen und ihre Ferien genießen können, ohne rassistische Bemerkungen, Ausgrenzung oder ungefragtes Anfassen ihrer Haare.
Ein Safe Space ist keine Ausgrenzung.
Zeitlich begrenzte Schutzräume für bestimmte Gruppen gehören längst zu unserer gesellschaftlichen Realität. Wir kennen Angebote für Frauen, Senior*innen, Kinder und Jugendliche oder geschlossene Veranstaltungen von Vereinen. Sie werden akzeptiert, weil sie einem bestimmten Zweck dienen. Warum also löst ausgerechnet ein Safe Space für Schwarze Kinder eine solche Empörung aus?
EOTO leistet seit vielen Jahren wichtige Kultur und Bildungsarbeit für Schwarze Menschen, insbesondere für Kinder und Jugendliche. Ich kenne EOTO persönlich, war Gast bei verschiedenen Veranstaltungen und schätze das Engagement des Vereins sehr.
Die Betreuer*innen wollten Kindern während der Sommerferien einige schöne und unbeschwerte Stunden ermöglichen. Stattdessen entstand eine öffentliche Auseinandersetzung, an deren Ende die Veranstaltung aus Sicherheitsgründen abgesagt werden musste.
Das ist für mich der eigentliche Skandal.
Wir erleben in Deutschland und Europa einen besorgniserregenden gesellschaftlichen Rollback. Rassistische und insbesondere anti-Schwarze Ressentiments werden wieder offener artikuliert. Gerade deshalb tragen Politiker*innen eine besondere Verantwortung für ihre Worte und für die gesellschaftliche Wirkung öffentlicher Debatten.
Politische Auseinandersetzungen dürfen nicht auf dem Rücken von Kindern geführt werden.
Wer Safe Spaces für Schwarze Kinder grundsätzlich infrage stellt, sollte sich zunächst fragen, warum diese Kinder solche Räume überhaupt benötigen. Sie brauchen sie nicht, weil sie sich von unserer Gesellschaft abgrenzen wollen. Sie brauchen sie, weil sie in unserer Gesellschaft noch immer Rassismus und Diskriminierung erfahren. Und nun hat die öffentliche Auseinandersetzung dazu geführt, dass ausgerechnet dieser Schutzraum nicht stattfinden konnte.
Meine Solidarität gilt Each One Teach One (EOTO), den Betreuer*innen und vor allem den Schwarzen Kindern und Jugendlichen, denen dieser Ferientag und ihr Safe Space genommen wurden.
Anti-Schwarzer Rassismus hat viele Gesichter. Er zeigt sich nicht nur in offenen Beleidigungen und Angriffen. Er zeigt sich auch dort, wo notwendige Schutzräume infrage gestellt werden und diejenigen, die Schutz vor Diskriminierung suchen, plötzlich selbst zum Gegenstand einer Diskriminierungsdebatte gemacht werden
Die Vereinten Nationen haben die Zweite Internationale Dekade für Menschen afrikanischer Abstammung 2025–2034 ausgerufen. Anerkennung, Gerechtigkeit und Entwicklung bleiben zentrale Aufgaben unserer Gesellschaft. Unsere Aufgabe ist es, Rassismus zu bekämpfen, Kinder zu schützen und den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken.
Politische Verantwortung bedeutet auch Verantwortung für Worte.
Am Ende bleibt eine bittere Tatsache: Nicht eine Politikerin hat ihren Schwimmbadbesuch verloren, Schwarze Kinder haben ihren Safe Space verloren. Schwarze Kinder haben ein Recht auf Schutz, Freude und Unbeschwertheit. Auch im Schwimmbad.“