
Die offiziellen Handelszahlen zwischen Marokko und Israel weisen für das Jahr 2025 eine erhebliche Diskrepanz auf. Während Rabat Importe aus Israel im Wert von fast 381 Millionen US-Dollar verbucht, weisen die israelischen Statistiken lediglich Exporte von rund 116 Millionen US-Dollar aus. Diese Differenz von 265 Millionen US-Dollar lässt für sich genommen noch nicht auf Unregelmäßigkeiten schließen. Sie wirft jedoch Fragen hinsichtlich der Transparenz auf – zumal der größte Teil der von Marokko angegebenen Summe in einer nur sehr wenig detaillierten Warenkategorie zusammengefasst ist.
Ein einfacher Vergleich der bei UN Comtrade verfügbaren Daten macht das Problem deutlich. Nach den von Marokko gemeldeten Statistiken wurden 2025 Waren im Wert von 380,75 Millionen US-Dollar aus Israel importiert. Israel wiederum meldet für denselben Zeitraum Exporte nach Marokko im Wert von lediglich 115,75 Millionen US-Dollar.
Das Rätsel konzentriert sich auf eine einzige Warenkategorie
Die Differenz ist also keineswegs gering. Die von Rabat erfassten Importe entsprechen mehr als dem Dreifachen des Wertes der Exporte, die Tel Aviv dem marokkanischen Markt zurechnet. Dabei handelt es sich nicht um Daten zweier konkurrierender Institutionen: Beide Zahlen stammen aus demselben internationalen Statistiksystem, beruhen jedoch auf den jeweiligen Angaben der beiden Länder. Die Aufschlüsselung der marokkanischen Daten macht die Diskrepanz noch schwieriger nachvollziehbar. Der weitaus größte Teil der Gesamtsumme – 332,73 Millionen US-Dollar – wird unter der Kategorie „verschiedene Fertigwaren“ geführt. Allein diese Rubrik macht 87,4 Prozent der marokkanischen Importe aus Israel aus. Die übrigen Positionen wirken im Vergleich nahezu unbedeutend: Maschinen, chemische und anorganisch-chemische Erzeugnisse sowie optische und medizinische Geräte erreichen jeweils lediglich Werte von einigen Millionen Dollar.
Zollrechtliche Vertraulichkeit als mögliche Erklärung
Das Problem besteht daher nicht nur in der Differenz zwischen den marokkanischen und israelischen Angaben. Es stellt sich auch die Frage, was sich konkret hinter den 332,73 Millionen US-Dollar verbirgt, die Rabat verbucht hat. Die Daten enthalten keine detaillierte Aufschlüsselung, anhand derer sich die betreffenden Waren eindeutig identifizieren ließen. Auf einer niedrigeren statistischen Ebene erscheint beispielsweise lediglich ein verschwindend geringer Wert für Besen und Bürsten – weit entfernt vom Gesamtwert dieser Kategorie. Internationale Handelsstatistiken enthalten regelmäßig vertrauliche Bereiche. UN Comtrade weist darauf hin, dass Staaten den Detaillierungsgrad ihrer Meldungen einschränken können, wenn durch die Veröffentlichung sensible Geschäftsdaten offengelegt werden könnten. Auch Marokko sieht entsprechende Vertraulichkeitsmechanismen in seinen statistischen Meldungen vor. Bestimmte Informationen können zusammengefasst oder weniger detailliert dargestellt werden. Das Ausmaß der Differenz ist jedoch groß genug, um zusätzliche Erklärungen erforderlich erscheinen zu lassen.
Eine politische ebenso wie eine statistische Frage
Fast 90 Prozent des von Marokko angegebenen Importwertes konzentrieren sich auf eine Kategorie, deren genauer Inhalt nicht öffentlich zugänglich ist. Handelt es sich dabei um Rüstungsgüter? Das lässt sich keineswegs mit Sicherheit sagen. Das Thema ist aufgrund der Sensibilität der Beziehungen zwischen Rabat und Israel besonders brisant. Seit der diplomatischen Annäherung beider Länder werden ihre Handelsbeziehungen aufmerksam beobachtet – insbesondere dann, wenn es um strategische Sektoren geht. Vor diesem Hintergrund führen derart stark voneinander abweichende Zahlen ohne ausreichende Aufschlüsselung zwangsläufig zu Fragen. Gleichzeitig zeigen sie die Grenzen der derzeit verfügbaren Transparenz auf.
Die entscheidende Frage lautet daher: Wie lassen sich die von Marokko angegebenen 380,75 Millionen US-Dollar mit den von Israel gemeldeten 115,75 Millionen US-Dollar erklären?
Solange Rabat keine genaueren Angaben zur Zusammensetzung seiner Importe veröffentlicht, bleiben 265 Millionen US-Dollar ohne klare Entsprechung in den israelischen Statistiken. Hinter dieser buchhalterischen Differenz steht damit weiterhin die Frage: Was genau verbirgt sich hinter den gemeldeten Handelsgeschäften zwischen Marokko und Israel?
Marokko als Plattform für israelische Unternehmen auf afrikanischen Märkten
Über die Zollstatistiken hinaus erstrecken sich die Beziehungen zwischen Marokko und Israel auf mehrere Wirtschaftsbereiche. Der zivile Handel bleibt allerdings begrenzt. Laut einer Analyse des Moshe Dayan Center belief sich der zivile Warenhandel zwischen beiden Ländern 2024 auf rund 180 Millionen US-Dollar und damit auf weniger als 0,1 Prozent des jeweiligen Außenhandels. Die marokkanischen Exporte nach Israel erreichten in diesem Jahr 141,55 Millionen US-Dollar. Textilien und Bekleidung bildeten mit 76 Millionen US-Dollar den wichtigsten Posten, gefolgt von Zuckerwaren und Lebensmittelzubereitungen im Wert von 34,41 Millionen US-Dollar. Auch Landwirtschaft, Wasserwirtschaft und Technologie gehören zu den Bereichen, in denen die Zusammenarbeit ausgebaut werden könnte. Marokko, das zunehmend unter Wasserknappheit leidet, hat Interesse an israelischen Technologien in den Bereichen Bewässerung, Wassermanagement und Präzisionslandwirtschaft. Nach Einschätzung des Moshe Dayan Center könnte Marokko darüber hinaus als Plattform für israelische Unternehmen dienen, die Märkte in Westafrika, Nordafrika oder Südwesteuropa erschließen wollen. Langfristig könnte daraus ein Handelskorridor mit einem Volumen von mehreren Milliarden Dollar entstehen.
Verteidigung als wesentlich bedeutenderer strategischer Bereich
Die militärische Zusammenarbeit gehört allerdings zu den bedeutendsten und zugleich sensibelsten Bereichen der Annäherung. Im November 2021 unterzeichneten Rabat und Tel Aviv ein Abkommen über die Zusammenarbeit im Verteidigungsbereich.
Seitdem werden die marokkanischen Käufe israelischer Waffen und militärischer Ausrüstung vom israelischen Institute for National Security Studies (INSS) auf rund zwei Milliarden US-Dollar geschätzt. Unter Berufung auf Daten des SIPRI gibt das INSS zudem an, dass Israel inzwischen rund 24 Prozent der marokkanischen Rüstungsimporte stellt – gegenüber 11 Prozent zwei Jahre zuvor. Frankreich kommt demnach auf einen Anteil von zehn Prozent.
Diese Summen betreffen Verträge und militärische Beschaffungen, deren statistische Erfassung anderen Modalitäten unterliegen kann.
Der Luft- und Raumfahrtsektor verdeutlicht die strategische Dimension dieser Zusammenarbeit. Im Juli 2024 wurde berichtet, Marokko plane den Erwerb von zwei Aufklärungssatelliten des Typs Ofek 13 von Israel Aerospace Industries. Der Vertrag soll ein Volumen von rund einer Milliarde US-Dollar haben, wobei die Lieferung über einen Zeitraum von fünf Jahren vorgesehen ist. Dieses Geschäft fügt sich in die seit 2021 ausgebaute Verteidigungskooperation zwischen Marokko und Israel ein. (Quelle: afrik.com)