
Während es in Afrika an Ärzten, Pflegekräften und Hebammen mangelt, gehören mehrere afrikanische Länder inzwischen weltweit zu den besten, wenn es darum geht, ihr Gesundheitspersonal statistisch zu erfassen. Zehn der 20 Länder mit den umfassendsten Daten liegen in Afrika: Sambia belegt weltweit den dritten Platz, Burkina Faso den fünften und Kenia den sechsten.
Wie lässt sich dieser Fortschritt bei der Datenerhebung erklären? Und vor allem: Wie können diese Zahlen dazu beitragen, den Mangel an Gesundheitsfachkräften zu bekämpfen? Kouadjo San Boris Bediakon ist für strategische Informationen im Afrika-Büro der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zuständig und beantwortet in einem Interview mit RFI Fragen dazu.
Kouadjo San Boris Bediakon: Erstens zeigt dies, dass Afrika nicht mehr nur ein Kontinent ist, der mit einem Mangel an Gesundheitspersonal konfrontiert ist. Diese Defizite bestehen zwar weiterhin, aber das ist nicht mehr das Einzige, worauf man schauen sollte. Afrika entwickelt sich auch zu einer wichtigen Datenquelle, die es ermöglicht, diese Defizite besser zu verstehen und gezielt zu steuern. Zweitens bedeutet dies, dass viele afrikanische Länder von einer Planung, die auf teilweise recht groben Schätzungen beruht, zu Entscheidungen übergehen, die auf national erhobenen Daten basieren.
Wie werden diese Daten für Entscheidungen genutzt? Können Sie ein konkretes Beispiel nennen?
Neben den politischen Dialogen, die in etwa zwölf afrikanischen Ländern organisiert wurden, haben neun Länder Entwicklungspläne für das Gesundheitspersonal ausgearbeitet. Diese Pläne sind tatsächlich mit Budgets ausgestattet und beruhen auf objektiven Schätzungen des Bedarfs, der bestehenden Defizite und der erforderlichen Investitionen. Noch wichtiger ist, dass diese Prozesse zu konkreten Verpflichtungen geführt haben. In etwa sechs Ländern wurden Zusagen zur Schaffung von insgesamt 200.000 Arbeitsplätzen im Gesundheitssektor gemacht.
Sind die Staaten heute in der Lage, diese Einstellungen vorzunehmen, zu finanzieren und vor allem das benötigte Personal auszubilden?
Nehmen wir zum Beispiel Simbabwe. Nach einer Analyse des Arbeitsmarktes wurde dort ein politischer Dialog organisiert, und mehrere Partner haben sich im Rahmen eines sogenannten Investitionspakts für die Humanressourcen im Gesundheitswesen engagiert. Simbabwe konnte inzwischen sein Budget für das Gesundheitspersonal um 30 Prozent erhöhen. Jedes Jahr werden dort rund 8.000 finanzierte Stellen für Neueinstellungen bereitgestellt.
Was verändern diese Daten über das Gesundheitspersonal konkret für die Patienten und die Gesundheitsversorgung?
Wir wissen, dass Krankenhäuser allein keine Gesundheitsversorgung gewährleisten können. Sie sind mehr oder weniger wie Kathedralen, die in der Wüste errichtet wurden. Und Medikamente allein sind letztlich nur chemische Produkte, wenn sie nicht von kompetenten und motivierten Fachkräften verschrieben werden, die zudem in ausreichender Zahl zur Verfügung stehen.
Können diese Daten die Gesundheitssysteme beispielsweise reaktionsfähiger gegenüber Epidemien machen? Hätten die Behörden dadurch etwa schneller auf die Ebola-Epidemie in der Demokratischen Republik Kongo reagieren können?
Ja. Je mehr zuverlässige und möglichst vollständige Daten wir haben, desto besser können wir Personalengpässe vorhersehen und uns auf die Bewältigung bestimmter Notlagen vorbereiten. Wir arbeiten intensiv daran, die Länder beim Aufbau von Informationssystemen zu unterstützen. Diese sollen ihnen mithilfe von Übersichten und Dashboards tagesaktuelle wichtige Informationen liefern, damit sie bestimmte Engpässe sowie Pandemien oder Epidemien, die die Verfügbarkeit von Gesundheitspersonal zusätzlich verschärfen könnten, frühzeitig erkennen können.
Konnten mithilfe dieser Daten konkrete Engpässe festgestellt werden?
Der derzeitige Mangel beläuft sich auf 5,8 Millionen Gesundheitsfachkräfte. Und das allein auf Grundlage des gesundheitlichen Bedarfs der Bevölkerung. Berücksichtigt man zusätzlich die Migration und die massive Anwerbung von Fachkräften aus afrikanischen Ländern durch westliche Staaten, liegt der tatsächliche Mangel bei mehr als 5,8 Millionen Gesundheitsfachkräften.
Wie lässt sich dieser Abwanderung von Fachkräften entgegenwirken?
Zunächst gibt es eine Verpflichtung, die die Staaten mit dem sogenannten Kodex für die internationale Anwerbung von Gesundheitspersonal eingegangen sind. Dieser wurde von der Weltgesundheitsversammlung der WHO verabschiedet. Er sieht vor, dass Länder mit einem sehr niedrigen Index der allgemeinen Gesundheitsversorgung oder einer sehr geringen Dichte an Gesundheitspersonal von der aggressiven und massenhaften Anwerbung durch Länder verschont bleiben sollen, die bereits über eine hohe Gesundheitsversorgung und eine vergleichsweise hohe Personaldichte verfügen. Dieses Dokument ist allerdings nicht rechtlich bindend. Es basiert vielmehr auf der freiwilligen Einhaltung dieser Grundsätze.
Wird dieser Kodex tatsächlich eingehalten?
Es gibt durchaus positive Beispiele. So hat etwa das Vereinigte Königreich bilaterale Kooperationsabkommen über die Anwerbung von Gesundheitspersonal mit Kenia, Nigeria und Ghana geschlossen, mit denen versucht wird, die Folgen dieser Abwerbung auszugleichen. Aber das Problem reicht in Wahrheit wesentlich tiefer. Die Daten zeigen, dass in den kommenden zehn Jahren in den westlichen Ländern – insbesondere in den OECD-Staaten – etwa ein Drittel des Gesundheitspersonals in den Ruhestand gehen wird. Angesichts dieser Entwicklung werben einige Länder weiterhin aggressiv und in großem Umfang Personal an. Dabei greifen sie teilweise auf private Einrichtungen oder Vermittlungsagenturen zurück, um nicht selbst als Staaten in Erscheinung zu treten, die gegen diese Regeln verstoßen.