
Zehn Jahre lang hat die Enthnologin Claudia Roth Fatou begleitet, um zu erfahren was das Leben von jungen Frauen bestimmt. Fatou lebt in der ökonomischen Hauptstadt von Burkina Faso (Westafrika), in Bobo-Dioulasso.
Fatou wünscht sich eine Europäerin, die ihr das Leben dort näherbringen kann. Die Ethnologin wünscht sich eine Gesprächspartnerin aus Burkina Faso. Dadurch will sie dieses Land intensiver kennenlernen, als es ihr in früheren Aufenthalten möglich ist.
Frau Roth möchte ganz nahe bei den täglichen Erlebnissen von Fatou sein. Mit zu erleben, wie Fatou ihren Alltag gestaltet. Zu sehen, wie sie ihre Herausforderungen meistert, herauszufinden, worin ihre Hoffnungen und Träume bestehen.
Fatou hat eine Ausbildung als Sekretärin abgeschlossen, aber nie in diesem Bereich Arbeit gefunden.
Wechselvolle Ereignisse von einer frühen, nicht geplanten Schwangerschaft, die Auf und Ab’s im Verhältnis zu ihrem Freund Celestin sind prägend für ihre Gegenwart und Zukunft.
Fatou träumt davon, Handel zu betreiben. Sie will Stoffe, Haarteile in Abidjan einkaufen, diese durch den Zoll bringen. Teurer verkaufen will sie ihre Waren in ihrer Stadt.
Es ist schwierig für sie, einen Kredit für ihre Vorhaben zu bekommen. Auch ihr Freund und späterer Verlobter verspricht ihr finanzielle Unterstützung. Aber als die Idee konkreter wird, ist er dagegen. Er befürchtet, dass sich Fatou anderen Männern zuwendet.
Fatou bekommt ein zweites Kind. Sie zieht vorübergehend zu ihrem Verlobten, oder zu ihrer Mutter. Eine unverheiratete Frau mit Kind gilt als Bawualami, wenig geachtet.
Sie möchte gerne heiraten. Sie verknüpft damit anerkannt und gesehen zu werden. Immer wieder scheitert dieses Vorhaben am Mangel an finanziellen Ressourcen.
Eine Heirat mit vielen Einladungen, Essen und Trinken ist teuer.
Ihr ist es wichtig, weil sie die Hochzeitsgeschenke, auch von ihrer Mutter bekommen möchte. Das setzt allerdings voraus, dass sie eine grosse Hochzeitsgesellschaft einladen kann. Aber dazu fehlen die Geldmittel.
Zeitweise verkauft Fatou Lose der staatlichen Lotterie. Ihr Vater stirbt und hinterlässt eine schmerzliche Lücke. Ihre Mutter ist mit sich selbst beschäftigt und will ihre Tochter nicht unterstützen.
Celestin verspricht ihr zu helfen, er kauft ihr ein Moped. Gleichzeitig unterhält er Beziehungen zu anderen Frauen. Von seiner Umwelt, von seinen Familien wird dieses Verhalten unterstützt und als normal gewertet.
Nach Enttäuschungen und vielen nicht eingehaltenen Versprechen sieht sich Fatou gezwungen, Celestin mitzuteilen, dass sie ihn nicht mehr heiraten will.
Fatou setzt sich mit dem Mutterfluch auseinander.
Celestin hat seiner Mutter Geld gestohlen, deshalb ist er von seiner Mutter verflucht worden.
Für Celestin bedeutet dies, dass er dadurch nie wohlhabend sein wird. Das Geld zerrinnt bei ihm.
Dieser Fluch kann aufgehoben werden durch bestimmte Opfergaben. Fatou hat ein zwiespältiges Verhältnis zu ihrer Mutter. Der Mutterfluch funktioniert dann nicht, wenn kein Verstoß, kein schlechtes Verhalten der Mutter gegenüber existiert.
Fatou geht es gesundheitlich sehr schlecht. Erst nach zahlreichen Interventionen von Freunden und Bekannten, auch aus der Schweiz, wird sie im Krankenhaus behandelt. Sie erfährt nach einem Test, dass sie HIV-AIDS-positiv ist. Die Medikamente sind unerschwinglich und nicht verfügbar.
Auch in dieser für alle Beteiligten schwierigen Phase finden die Gespräche zwischen ihr und der Ethnologin, mittlerweile zur Freundin geworden, statt.
Die Sorgen und Ängste, um ihre beiden Töchter vermitteln die Befürchtungen und dieVerzweiflung von Fatou.
Claudia Roth zeichnet alle ihre gemeinsamen Gespräche auf. Sie reist immer wieder für mehrere Monate nach Burkina Faso, um ihre intensive Kommunikation fortzusetzen. Ihre für beide mittlerweile bedeutende Freundschaft endet mit dem Tod von Fatou.
Der Ethnologin ist es mit ihren Tagebuchaufzeichnungen gelungen, eine sehr differenzierte
Sichtweise der Lebensrealitäten von Fatou wieder zu geben. Fotos vom Hof der Familie Sanou, dort wohnte Claudia Roth, ergänzen die Darstellungen.
Ihre Aufzeichnungen werden nach dem Tod der Ethnologin, von ihrem Freund, Jan Morgenthaler, publiziert. Es ist eine bemerkenswerte, ereignisreiche Schilderung von Fatou in ihrem Umfeld,
Nachzulesen sind die Einblicke in eine Gesellschaft zwischen Traditionen und Neuerungen, die sich in zahlreichen Widersprüchen widerspiegeln. Mit dieser Veröffentlichung ist es gelungen das Porträt einer Frau mit ihren Hoffnungen, Wünschen und Sorgen eindringlich zu zeichnen.
Ein lohnendes und intensives Leseerlebnis. Es ist eine kluge Annäherung an die Lebenswelt von burkinischen Frauen. (Theresa Endres)
Claudia Roth
Fatou und der Mutterfluch
Zehn Jahre ohne sichtbaren Boden
ethnologische Gespräche in Bobo-Dioulasso, Burkina Faso
Nachwort von Maya Nadig
Bildteil von Susi Lindig
Herausgegeben von Jan Morgenthaler
brandes+apsel, 204 Seiten, 2026
ISBN 98-3-95558-429-0
29,90 Euro