Das glücklichste Land Afrikas

Das glücklichste Land Afrikas

Von *Volker Seitz • In Afrika gibt es eine stabile Demokratie, in der die Politiker zu einer klugen Politik, insbesondere Wirtschaftspolitik, willens und in der Lage waren, auch über „Zeitenwenden“ hinweg? Ja, die gibt es, und deren Regierende wollen sich auch nicht von Deutschen bevormunden lassen.

Botswana mit 2,6 Millionen Einwohnern ist eine stabile Demokratie. Das ist kein Zufall, Dank bewusster langfristiger politischer Entscheidungen und einer umsichtigen Wirtschaftspolitik ist das Land ein seltenes Beispiel für die Entwicklung eines demokratischen Staatsmodells. Botswana gehört seit Jahrzehnten zu den afrikanischen Staaten mit dem höchsten Wohlstandsniveau. BIP pro Kopf derzeit – geschätzt – 7.696 USD. In Afrika Nr. 4 nach den Seychellen (17.859 USD), Mauritius (11.991 USD) und Gabun (8.230 USD). Wegen seiner soliden öffentlichen Finanzverwaltung und der daraus erwachsenen Bonität hat das Land seit den 1990er Jahren keine Entwicklungshilfe mehr benötigt.

Das Land wurde nach der Unabhängigkeit am 30. September 1966 (nach 80 Jahren britischer Protektoratsherrschaft) durch den Aufbau eines leistungsfähigen Öffentlichen Dienstes zu einem leuchtenden Beispiel für andere afrikanische Staaten. Die Regierung rekrutierte und schulte Fachkräfte mit klaren Regeln und trennte politische von administrativen Funktionen. Während viele afrikanische Staaten Einparteiensysteme, Putsche oder Autokraten erlebten, gab es in Botswana seit 1966 regelmäßig friedliche und transparente Wahlen. Seit der Unabhängigkeit finden alle fünf Jahre Wahlen statt, und friedliche Machtwechsel haben das Vertrauen in demokratische Institutionen gestärkt. Insgesamt darf ein Präsident nur einmal wiedergewählt werden (insgesamt 10 Jahre). Die tiefe Verwurzelung der Demokratie in der politischen Kultur von Botswana liegt in der Kultur der Kgotla, einer öffentlichen Dorfversammlung. So wird verhindert, dass „Am Volk vorbei“ entschieden wird. (So heißt übrigens ein aktuelles, höchst lesenswertes Buch von Professor Jörg Baberowski). In der vorkolonialen Zeit und vor Einführung des Mehrparteiensystems wurden Volksgruppen durch Oberhäupter regiert. Die Kgotla entschied über gesellschaftliche Belange und sprach Recht. Der erste Präsident Sir Seretse Khama wandte sich häufig in Kgotla-Versammlungen an die Bürger und stärkte damit die Unterstützung für die Regierungspolitik und zeigte Nähe zur Bevölkerung.

Niedrige Korruption und gute Regierungsführung

Es gibt eine gefestigte Tradition der Rechtsstaatlichkeit und Meinungsfreiheit und daher auch nie politische Gefangene. Das Land ist bekannt für seine niedrige Korruption und gute Regierungsführung. Es gibt eine funktionierende Justiz und starke Kontrolle der staatlichen Gelder. Botswanas Erfolgsgeschichte basiert auch auf kontinuierlichen und umfangreichen Investitionen in den Aufbau eines soliden Bildungssystems (kostenlose Grundschulbildung, berufliche Bildungseinrichtungen, Gründung von Hochschulen).

Botswana ist auch mit der Entdeckung von Diamanten kurz nach der Unabhängigkeit verbunden. Die ersten bedeutenden Diamantenvorkommen wurden 1967 entdeckt. Das Land war damals stark agrarisch geprägt, und die Viehwirtschaft dominierte die

Der erste Präsident Khama setzte ein Gesetz für eine langfristige nationale Nutzung der Bodenschätze durch. Damit verhinderte er, dass Regionen, in denen die Diamanten gefunden wurden (z.B. die Heimat des Bangwato-Stammes, dem er selbst als traditioneller Führer angehörte), reich wurden, während andere Landesteile arm blieben. Der Bergbausektor entwickelte sich zu einem der größten Diamantenproduzenten der Welt. Die De Beers Botswana Mining Company Ltd. (Debswana) wurde im Juni 1968 gegründet, ein Joint-Venture Unternehmen, dessen Eigentümer der botswanische Staat und der Konzern De Beers Group sind.

Mit den Einnahmen wurde ein Bildungssystem mit Stipendienprogrammen aufgebaut, das Bauwesen, die Infrastruktur, den Transportsektor sowie Beschäftigungsinitiativen ermöglicht. 2002 war Botswana eines der ersten afrikanischen Länder, das ein nationales antiretrovirales Therapieprogramm einführte, das eine kostenlose Behandlung von Bürgern einführte. Schwangere Frauen erhielten lebensrettende Medikamente, und erstmals gingen die AIDS-bedingten Todesfälle zurück.

Historischer Machtwechsel

Bei der Wahl im Oktober 2024 verlor die Botswana Democratic Party (BDP) unter Präsident Mokgweetsi Masisi erstmals nach 58 Jahren die Macht gegen ein geeintes Oppositionsbündnis Umbrella for Democratic Change (UDC) unter Führung des Anwalts Duma Bodo.

Gründe für die Wechselstimmung waren der heftige Rückgang der Staatseinnahmen durch Nachfragerückgang von Diamanten (80 Prozent der Exporterlöse) und die Konkurrenz der synthetischen Diamanten. Die wirtschaftliche Stagnation führte zu einer hohen Arbeitslosenquote (38,2 Prozent) unter jungen Wählern. Obwohl die Ressource Diamanten im Vergleich zu vielen rohstoffreichen Ländern umsichtig bewirtschaftet wurde, hat die Abhängigkeit Schwachpunkte geschaffen. Die Nachfragerückgänge führten direkt zu fiskalischem Druck und wirken sich auf öffentliche Ausgaben, Beschäftigung und soziale Dienste aus. Der seltsame deutsche Begriff „Sondervermögen“ ist in diesem Land unbekannt.

Nach der Wahl konzentrierte sich die neue Regierung vor allem auf den Ausbau der Sozialleistungen, Erhöhung der Altersrenten und Stipendien für Schüler an Berufsschulen. Überdies will sich Botswana nicht länger leisten, sich auf einen einzigen Rohstoff zu verlassen, um den nationalen Wohlstand zu sichern. Als eine strategische Neuausrichtung soll die Rindfleischproduktion wieder an Bedeutung gewinnen. Ein erheblicher Teil der Staatseinnahmen stammt nicht mehr aus Diamanten, sondern aus Steuern, die durch private Wirtschaftstätigkeit generiert werden.

Unter der neuen Regierung wurden die nationalen Bildungswege auf die technische und berufliche Bildung sowie die praktische Ausbildung erweitert. Es werden mehr Ingenieure, Handwerker und Techniker benötigt. Dringlich ist, Ausbildungsinfrastruktur und die praxisorientierte Lehre zu stärken. Das verarbeitende Gewerbe ist noch wenig ausgeprägt, was die Beschäftigungsmöglichkeiten für gering qualifizierte Jugendliche begrenzt.

Die Suche nach Investoren, um Arbeitsplätze zu schaffen, war erfolgreich. Im August 2025 unterzeichnete die Al Mansour Holding aus Katar ein Investitionsabkommen in Höhe von 12 Milliarden USD, um Investitionen in Bergbau, Landwirtschaft und Infrastruktur zu fördern.

Die USA unterstützen Botswana bei der Modernisierung der Infrastruktur, Wasserprojekten, Telekommunikationssystemen und der Sicherung der Grenzübergänge. Der Handel mit Deutschland ist im Vergleich mit den USA und China gering.

Tourismus und Elefanten

Umweltschutz steht im Mittelpunkt der nationalen Entwicklungsstrategie. 40 Prozent seines Territoriums (Botswana ist etwas größer als Frankreich) sind als Schutzgebiete für Wildtiere reserviert. Das Okavango-Delta ist eines der größten Binnendeltas der Welt. Die Regierung verfolgt seit Jahren eine Strategie des hochwertigen Tourismus mit geringer Besucherzahl, um Umweltzerstörung und Überfüllung zu vermeiden.

Das Land beherbergt mit über 130.000 Elefanten die höchste Elefantenpopulation der Welt. Da sich diese nach der Suche nach Nahrung und Wasser häufig außerhalb der Schutzgebiete bewegt, kommt es oft zu Zusammenstößen mit der Bevölkerung. Sie zerstören Ernten und verletzen Menschen. Zwischen 2018 und 2023 kamen 60 Menschen durch Elefanten ums Leben. Deshalb ließ schon 2018 der damalige Präsident von Botswana, Makgweetsi Masisi nach landesweiten Konsultationen die Elefantenjagd zur Eigenversorgung und für Quoten zahlende ausländische Jäger zu. Die Jagden, die jährlich zwischen April und November stattfinden, erlauben mit einer kontrollierten Quote von 400 Lizenzen Ausländern, für bis zu 50.000 USD, einen einzelnen Elefanten zu erlegen. Da die Tragfähigkeit des Landes von 55.000 Tieren bei Weitem überschritten ist, ist ein Aussterben der Elefanten ausgeschlossen. Es werden weitere Genehmigungen für andere Tierarten vergeben. Bedrohte Tierarten sind jedoch von Jagdquoten ausgeschlossen. Botswana hat immer darauf geachtet, seinen Tourismus nicht auf der Basis von Trophäenjagden zu vermarkten. Sie bleibt eine ergänzende und stark regulierte Aktivität. Die Einnahmen aus der Jagd werden von den Gemeinden verwaltet. Im Durchschnitt erhalten die Gemeinden für die jährlichen Jagden rund fünf Millionen USD.

Dennoch kam es 2024 zu einer Kontroverse mit der damaligen Umweltministerin Lemke (Grüne), die sich für eine Verschärfung des EU-Rechts einsetzte, um die Einfuhr von Jagdtrophäen zu reduzieren oder gar zu verbieten. Das empfanden die Botswaner als „einseitiges, widerrechtliches und neokolonialistisches Verhalten“.

Wollen die Deutschen selbst so leben, wie sie es anderen vorschreiben?

Botswana bedauerte die deutsche Belehrung und moralische Deutungshoheit. Staatschef Masisi setzte sich schlagfertig gegen deutsche Politiker zur Wehr, die ihm erklären, wie das Leben in seinem Land zu funktionieren hat. Er machte den Vorschlag, Deutschland 20.000 Elefanten zu schenken. Das Angebot kam, weil „die Deutschen so mit den Tieren zusammenleben sollten, wie man es uns vorzuschreiben versucht“. Durch das Verbot der Einfuhr von Jagd-Trophäen würden zum Schaden Botswanas Armut und Wilderei gefördert.

Deutsche Politiker sind gut beraten, sich in Angelegenheiten anderer Staaten heraushalten, zumal wenn sie das Land nie besucht haben. Vielleicht verstehen afrikanische Staaten auch mehr vom Wildtierschutz als Politiker am Schreibtisch in Berlin. Die Regierung konnte nicht weiter hinnehmen, dass durch die Tiere weiterhin Dörfer und Ernten vernichtet wurden. Tausende von Elefanten hat Botswana bereits an Angola und Mosambik verschenkt.

Thilo Schöne, Leiter der Friedrich-Ebert-Stiftung in Gaborone, beschreibt ein Land, das sich aus bitterer Armut heraus zu Stabilität und relativer Wohlhabenheit manövriert hat – ohne den typischen „Ressourcenfluch“ zu erliegen: „Diamanten wurden hier nicht zum Motor von Korruption und Oligarchie, sondern zur Grundlage von Infrastruktur, Bildung und öffentlicher Versorgung. Ein Staatsfonds nach norwegischem Vorbild, ein klug verhandeltes 50-50-Modell mit De Beers und eine politische Elite der ersten Generation, die Entwicklung vor Selbstbereicherung stellte, haben ein seltenes Fenster geöffnet: Rohstoffreichtum als gesellschaftlicher Gewinn.“

Der Schotte Alexander McCall Smith – der Botswanas Alltag literarisch geprägt hat – beschreibt das Land oft als einen Ort, an dem traditionelle Werte wie Höflichkeit, Respekt und Gemeinschaft noch fest verankert sind. Er nennt es oft das „glücklichste Land Afrikas“. (Quelle: achgut.com, mit frdl. Genehmigung des Autors *Volker Seitz, Botschafter a.D. und Autor des Bestsellers „Afrika wird armregiert“)