In Kamerun kann sich nicht jede/r scheiden lassen

Die Bedeutung der Ehe verändert sich auch in Kamerun. Während sie früher vor allem als Verbindung zwischen zwei Familien oder Gemeinschaften galt, stehen heute zunehmend die persönlichen Erwartungen der Ehepartner im Vordergrund. Die Suche nach individuellem Glück trägt dazu bei, dass eine Scheidung für viele Paare kein Tabu mehr ist.

Doch nicht jeder kann oder will diesen Schritt gehen. Solange G., eine Familienälteste, sieht einen Zusammenhang zwischen dem familiären Umfeld und der Stabilität einer Ehe. Wer in geordneten Familienverhältnissen aufgewachsen sei, habe häufig eine realistischere Vorstellung vom gemeinsamen Leben. Gleichzeitig gebe es heute immer mehr Einrichtungen, christliche Vereinigungen und Beratungsangebote, die Paare auf die Ehe vorbereiten und begleiten.

Denn eine Hochzeit allein reiche nicht aus: „Ehe bedeutet, den Alltag miteinander zu leben – bis der natürliche Tod die Partner trennt“, sagt sie. Junge Menschen müssten deshalb bereits vor der Eheschließung verstehen, welche Verpflichtungen sie eingehen.

Auch wirtschaftliche Veränderungen beeinflussen Beziehungen. Die Kosmetikerin Julienne L. verweist insbesondere auf die zunehmende finanzielle Unabhängigkeit von Frauen. Während früher häufig allein der Mann das Einkommen erwirtschaftete, arbeiten heute beide Partner. Konflikte entstünden deshalb zunehmend bei der Frage, wie das gemeinsame oder jeweils eigene Geld verwendet werde.

Für Julienne L. ist die steigende Zahl von Trennungen Teil des gesellschaftlichen Wandels: In einer individualistischeren Gesellschaft strebten Menschen stärker nach persönlichem Glück und Wohlbefinden. Wenn eine Beziehung diese Erwartungen dauerhaft nicht mehr erfülle, werde eine Scheidung eher in Betracht gezogen.

Doch in Kamerun gibt es erhebliche rechtliche und finanzielle Hürden. „Hier lässt sich nicht scheiden, wer will, sondern wer es sich leisten kann“, sagt der Unternehmer Gaston T. Eine Scheidung im gegenseitigen Einvernehmen sei nach kamerunischem Recht nicht vorgesehen. Deshalb blieben manche Paare offiziell verheiratet, obwohl ihre Beziehung emotional längst beendet sei.

Hinzu kommen die Kosten eines Scheidungsverfahrens. Nach inoffiziellen Angaben können sie zwischen 300.000 und vier Millionen CFA-Franc (zwischen rund 460 und 6.100 Euro) liegen. Für Menschen mit geringem Einkommen kann eine Scheidung damit praktisch unerreichbar werden.

Die Juristin Chantal N. hält eine gesellschaftliche und rechtliche Debatte deshalb für notwendig. Scheidungen seien in modernen Gesellschaften eine Realität. Auch traditionelle und religiöse Vorstellungen von der Unauflöslichkeit der Ehe müssten hinterfragt werden – insbesondere dann, wenn Menschen dadurch gezwungen seien, in gewalttätigen oder gefährlichen Beziehungen zu bleiben.

Religiöse Vertreter sehen dies teilweise anders. Rosine F. betont, dass eine Ehe grundsätzlich auf Dauer angelegt sei. Wer vor dem Standesbeamten und in der Kirche sein Jawort gebe, solle nicht mit der Erwartung heiraten, sich bereits nach kurzer Zeit wieder zu trennen.

Aus katholischer Sicht gilt die Ehe als unauflöslich. Eine staatliche Scheidung beendet deshalb zwar die zivilrechtliche Ehe, hebt jedoch eine gültig geschlossene kirchliche Ehe nicht automatisch auf. Wer nach einer Scheidung erneut kirchlich heiraten möchte, benötigt eine kirchenrechtliche Feststellung der Nichtigkeit der ersten Ehe.

Zwischen traditionellen Vorstellungen, religiösen Regeln, wirtschaftlicher Unabhängigkeit und dem Wunsch nach persönlichem Glück befindet sich die Ehe in Kamerun damit im Wandel. Die Scheidung gehört längst zur gesellschaftlichen Realität – doch rechtliche, finanzielle und soziale Hürden sorgen dafür, dass sie nicht für alle gleichermaßen möglich ist. (Quelle: afrik.com)