
Im Zentrum des Romans stehen zwei Frauen: Mira und Bijoux. Die Handlung spielt abwechselnd in afrikanischen und europäischen Städten – Kinshasa, Brüssel, Paris und London – und schildert in wechselnden Episoden die entscheidenden Stationen in ihren Leben.
Miras Geschichte
Gombe, Kinshasa, 1974: Mira wächst in einer wohlhabenden Familie auf. An ihrem Geburtstag verkündet ihr Vater, dass er für das Amt des Gouverneurs kandidieren will. Ihre Mutter lädt die Schulfreundin Chantal nicht zu Miras 16. Geburtstag ein – sie sei arm und deshalb nicht vertrauenswürdig.
Mira liebt Partys und laute Musik. Eines Abends schleicht sie sich heimlich aus dem Haus. Mitten in der Nacht bringt sie Fidel, ein Musiker, mit dem Fahrrad nach Hause. Er hat ihr das gestohlene goldene Kreuz zurückgebracht, indem er über die Mauer ihres Elternhauses sprang. Aus mehreren Begegnungen wächst eine heimliche Liebe. Vor ihren Eltern hält Mira die Beziehung zu Fidel verborgen.
Doch im Haus ihrer Schwester werden die beiden von deren Ehemann Sylvain überrascht. Eine Schwangerschaft würde die Gouverneursambitionen ihres Vaters gefährden, deshalb muss sie geheim bleiben. Fidel kommt ins Gefängnis und bestreitet die Vaterschaft. Mira flieht nach Europa, um fern von ihrer Familie zu leben.
In Brüssel versucht sie zunächst, in Paris Fuß zu fassen. Sie arbeitet als Au-pair, verliert die Stelle und findet anschließend Arbeit im Friseursalon ihrer Schulfreundin Elodie. Nebenbei ändert sie Kleidungsstücke für Kundinnen. Sie bekommt Unterkunft bei Elodie und kümmert sich um deren Tochter.
Ihr größtes Geheimnis: Das Kind, das sie in Mbandaka zur Welt brachte, gab sie direkt nach der Geburt ab. Antoine, ein Kunde, lässt seine Hosen von ihr kürzen. Nach längerem Zögern geht sie mit ihm essen. Er erzählt von seinem Leben: Als Student kam er nach Paris und arbeitet nun in der Öl- und Gasbranche – ein Zugeständnis an seinen Vater, den Generaldirektor von Elf Congo.
Allmählich vertraut Mira ihm ihre Geschichte an. Antoine richtet ihr ein Atelier ein, in dem sie Mode entwerfen kann. Er macht ihr einen Heiratsantrag. Kurz darauf erkrankt er schwer: Eine ungetestete Bluttransfusion hat ihn mit Aids infiziert. Er stirbt im Krankenhaus. Elodie wendet sich von Mira ab und wirft sie aus Wohnung und Salon.
Mira zieht nach London. Francine überredet sie, ihre Kirche zu besuchen. Dort muss sie sich in langen Zeremonien symbolisch von ihrem verstorbenen Mann lossagen. Schließlich schreibt sie ihrer Schwester: Sie will ihre Tochter Bijoux zu sich holen.
Bijoux’ Geschichte
Bijoux wächst in einer bürgerlichen Familie mit vielen Privilegien auf – doch nach außen muss das Bild der perfekten Familie stets gewahrt bleiben. Der Vater fürchtet um seinen Ruf, sollte die Wahrheit über Bijoux’ Leben bekannt werden.
Sie wird nach London zu ihrer Tante Mira geschickt – offiziell, weil in Kinshasa die Kämpfe zunehmen. Mira ist fest in ihrer religiösen Gemeinde verankert und trinkt viel. Sie zwingt Bijoux, regelmäßig an Gottesdiensten teilzunehmen.
Als Mira von Bijoux’ Liebesneigung erfährt, versucht sie mit allen Mitteln, sie davon abzubringen. Glücksmomente wechseln sich bei Bijoux mit schmerzhaften Erinnerungen an Kinshasa ab – besonders an ihre unerfüllte Liebe zu Kay, mit der sie nicht nach New York gehen konnte.
Bijoux sehnt sich nach ihrer Mutter und versteht nicht, warum sie in London zur Schule gehen muss, wo sie doch bald zu ihren „Eltern“ Sylvain und Eugénie zurückkehren will. Da schreit Mira sie an: „Das sind nicht deine Eltern. Ich bin deine Mutter.“
Mama Mbongo hatte Bijoux und Kay zusammen gesehen. Nun träumt sie davon, dass Bijoux ihren Sohn Fabrice heiratet – für sie eine Eingebung des Heiligen Geistes. Papa Pasteur wettert in seinen Predigten gegen die Regierung, gegen die Gleichstellung der Geschlechter. Er bezeichnet solche Gesetze als unchristlich, unafrikanisch und widernatürlich. Bijoux hält er für von Dämonen besessen und versucht, sie durch ein Lossageritual „zu befreien“. Mira unterstützt ihn dabei.
Schließlich heiratet Bijoux Fabrice – zur großen Freude seiner Eltern. Als Hochzeitsgeschenk bekommt sie ein Auto, darin eine Babyschale. Fabrice ist oft unterwegs; nur selten verbringen sie Zeit miteinander. Sonntags gehen sie händchenhaltend in die Kirche.
Beim Frauengebetskreis lernt Bijoux Chancey kennen. Sie ist fasziniert von deren Gedanken und Reden – und verliebt sich in sie. Mit Fabrice hat sie kaum körperliche Nähe, nur einmal schlafen sie miteinander. Weder er noch sie empfinden Freude daran. Trotzdem wird sie schwanger. Ihre Mutter und die Schwiegereltern sind begeistert. Bijoux beschließt, das Kind zu bekommen.
Fabrice gesteht ihr, dass er homosexuell ist, bittet sie jedoch, ihm zu erlauben, Vater zu sein – es sei seine einzige Chance. Nun erkennt Bijoux das Ausmaß der Heuchelei in ihrer Umgebung. Sie, Fabrice und Chancey beschließen, das Kind gemeinsam großzuziehen.
Christina Fonthes erzählt die wechselvollen Lebenswege von Mira und Bijoux in dichten, intensiven Passagen. Der Roman zeigt eindringlich, wie schwierig die Suche nach einem selbstbestimmten, erfüllten Leben ist – besonders, wenn gesellschaftliche Normen und festgefahrene Vorstellungen dagegenstehen. Trotz aller Widerstände erkämpft sich Bijoux Schritt für Schritt das, was für sie wichtig und richtig ist. (Theresa Endres)
Christina Fonthes
Wohin du auch gehst
Aus dem Englischen von Michela Grabinger
ISBN 978 3 257 07355 3
25,00 EURO