
Die spanische Justiz hat Ermittlungen zu den massenhaften Grenzübertritten von Marokko nach Ceuta am 30. und 31. Juli 2026 aufgenommen. Richterin María Tardón von der Audiencia Nacional sieht Anhaltspunkte für mögliche Straftaten, darunter Angriffe auf den Frieden oder die Unabhängigkeit des Staates, kriminelle Vereinigung, Beihilfe zur irregulären Einwanderung und fahrlässige Tötung.
Grundlage der Ermittlungen ist insbesondere ein 55-seitiger Bericht des Nationalen Zentrums für Einwanderung und Grenzen (CENIF). Demnach handelte es sich möglicherweise nicht um eine spontane Migrationsbewegung. Die Mobilisierung sei über Facebook, Instagram, TikTok und WhatsApp vorbereitet worden. Die Zahl der überwachten Nachrichten stieg dem Bericht zufolge von einigen Dutzend täglich auf 1.974 am 30. Juli.
Bis zu 85.000 Grenzübertritte
Über die genaue Zahl der Menschen, die nach Ceuta gelangten, gibt es unterschiedliche Angaben. Während die Guardia Civil zunächst von 49.200 Grenzübertritten sprach und der spanische Innenminister 72.000 nannte, schätzt das CENIF die Zahl auf 75.000 bis 85.000 innerhalb von rund zehn Stunden. Zwischen 65.000 und 75.000 Menschen sollen anschließend freiwillig nach Marokko zurückgekehrt sein, während 5.000 bis 10.000 in Ceuta blieben.
Mindestens 96 Menschen kamen ums Leben. Spanische Behörden bargen 82 Leichen in ihren Gewässern, Marokko bestätigte weitere 14 Todesfälle.
Marokkanische Sicherheitskräfte im Fokus
Besonders brisant sind die Angaben zur Rolle marokkanischer Sicherheitskräfte. Uniformierte Beamte oder Sicherheitskräfte in Zivil sollen Migranten zu bestimmten Grenzabschnitten geleitet und ihnen Wege gezeigt haben, um Hindernisse zu umgehen. Das CENIF spricht von einer „aktiven Lenkung“ und verweist zugleich auf eine ungewöhnlich geringe Präsenz marokkanischer Sicherheitskräfte im Raum Fnideq und am Tarajal-Damm.
Der Bericht unterscheidet mehrere Ebenen der mutmaßlichen Organisation – von den Migranten und den Verbreitern der Aufrufe über Organisatoren vor Ort bis hin zu möglichen Planern und Verantwortlichen der gesamten Aktion. Erkenntnisse gebe es bislang lediglich zu den unteren drei Ebenen. Wer die Aktion möglicherweise geplant oder gesteuert hat, ist weiterhin ungeklärt.
Die Ermittler halten es zugleich für unwahrscheinlich, dass klassische Schleusernetzwerke hinter dem Massenansturm standen. Sie hätten weder die Kapazitäten gehabt, eine derart große Zahl von Menschen zu bewegen, noch passe die kostenlose Massenüberquerung zu ihrem üblichen Geschäftsmodell.
Kein Auftraggeber identifiziert
Entscheidend ist: Der CENIF-Bericht beschuldigt weder die marokkanische Regierung noch einen Geheimdienst oder eine andere staatliche Stelle, die Aktion geplant zu haben. Auch die spanische Nationalpolizei betont, es gebe bislang keinen Bericht, der Marokko die Planung oder Durchführung des Massenansturms zuschreibe.
Die Ermittlungen sollen nun klären, wer hinter der Mobilisierung stand und welche Rolle einzelne Akteure spielten. Dabei geht es auch um eine mögliche strafrechtliche Verantwortung für die zahlreichen Todesfälle.
Brisant ist zudem, dass spanische Stellen bereits vor dem 30. Juli Warnungen vor möglichen massenhaften Grenzübertritten erhalten hatten. Die Polizeiführung bezeichnet diese jedoch als allgemeine Warnungen, aus denen eine unmittelbar bevorstehende Aktion dieses Ausmaßes nicht hervorgegangen sei.
Innenminister Fernando Grande-Marlaska hat inzwischen Aufklärung darüber verlangt, wie der CENIF-Bericht erstellt und an die Justiz übermittelt wurde. Auch US-Präsident Donald Trump schaltete sich in die Debatte ein und warf Spanien vor, seine Grenzen nicht unter Kontrolle zu haben.
Die zentrale Frage der Ermittlungen bleibt damit offen: Wer organisierte den Massenansturm auf Ceuta – und welche Rolle spielten dabei marokkanische Sicherheitskräfte? (Quelle: afrik.com)