Die etwas anderen afrikanischen Stadtbilder

Von Volker Seitz • Zwei fulminante Bildbände mit Aufnahmen afrikanischer Fotografen weichen von den üblichen Klischees der Afrika-Fotografie ab, bedienen kein Opfer-Narrativ und zeigen Stolz, Würde, Lebensfreude und Selbstvertrauen trotz Armut und widrigen Umständen.

Als einer der Väter der afrikanischen Fotografie gilt Seydou Keita aus Mali (vermutlich 1921–2001, In den 1920er Jahren gab es in Französisch-Sudan – heute u.a. Mali – für Einheimische kein verpflichtendes System zur behördlichen Registrierung von Geburten.) Er wurde weltweit bekannt durch seine Schwarz-Weiß-Portraits, die er zwischen 1948 und 1962 bei Tageslicht im Innenhof seines Ateliers in Bamako aufnahm. Er stellte seinen Kunden westliche Statussymbole wie Autos, Motorroller, Radios, Uhren oder europäische Kleidung als Requisiten zur Verfügung.

Auch Malick Sidibé (1935 oder 1936–2016), ebenfalls aus Mali, wird zusammen mit Seydou Keita als Wegbereiter und Chronist der afrikanischen modernen Fotografie gesehen. Beide gelten als bedeutende afrikanische Künstler des 20. Jahrhunderts. Sie sind die Vorbilder für ganze Generationen afrikanischer Fotografen. Sidibé erhielt den Beinamen das „Auge von Bamako“. Er bekam den Spitznamen, weil er in den 1960er und 1970er Jahren mit einer Kleinbildkamera das Nachtleben in der Metropole Bamako dokumentierte. Im Gegensatz zu der üblichen Studiofotografie waren die Bilder ungestellt, unbeschwert und voller Lebenslust. Während sein Kollege Keita fast ausschließlich im Studio arbeitete, zog es Sidibé mit seinem Fahrrad auf die Straßen Bamakos oder an die Ufer des Niger, der mitten durch die Hauptstadt fließt.

Besonders Malick Sidibé ist das Vorbild für die zeitgenössischen afrikanischen Fotografen, die das Stadtleben auf dem Kontinent dokumentieren. In dem Buch „Street Photography Afrika“ von Nadine Barth und Azu Nwagbogu (Kehrer Verlag, Oktober 2026) werden 33 Fotografen aufgrund ihrer außergewöhnlichen Bildsprache aus sehr unterschiedlichen Ländern: von Marokko über Senegal zur Cote d’Ivoire, durch Ghana, Benin, Nigeria, Äthiopien und Uganda bis nach Südafrika vorgestellt.

Europäische Sehgewohnheiten werden nicht bedient

Es sind etablierte Fotografen und aufstrebende Talente, die eine Vielzahl von Perspektiven aufzeigen, die sowohl die Besonderheiten lokaler Gegenseiten als auch gemeinsame visuelle Ausdrucksformen berücksichtigen, die urbane Erfahrungen über Grenzen hinweg verbinden. Es sind Bilder, die in erster Linie von Afrikanern für ein afrikanisches Publikum geschaffen wurden, aber weil sie so authentisch sind, könnten sie auch für interessierte Afrikafreunde reizvoll sein.

Die beteiligten Künstler dokumentieren ihren eigenen Alltag, ihre Kultur, und sie halten ihre Realität fest. Europäische Sehgewohnheiten werden nicht bedient. Wer in afrikanischen Städten gelebt und gearbeitet hat, wird die Lebenswirklichkeit in manchen Bildern wiedererkennen. Mir erging das so bei Sarah Waiswa (Uganda), Brian Otieno (Kenia) und Paul Abbah (Nigeria). Sie zeigen eindrücklich das städtische Leben, die Kreativität und die Improvisation, die das tägliche Überleben prägen.

Es geht aber nicht darum, das tägliche urbane Leben in Afrika zu romantisieren oder die damit verbundenen Schwierigkeiten, Ungleichheiten und Gewalttaten zu ignorieren. Auch diese Aspekte dokumentiert das Buch: obdachlose Straßenhändler, überflutete Straßen, Verkehrschaos und Slumsiedlungen. Die Fotografen blicken weder nostalgisch zurück noch hoffnungsvoll nach vorn, sondern widmen sich ganz der Gegenwart.

Der Senegalese Naett Mbaye schreibt über seine Arbeit: „Ich möchte das Gefühl der Vergänglichkeit einfangen und so im Ungewissen belassen, wann die Bilder aufgenommen wurden. Die Stadt Dakar, in der ich meine Kindheit verbracht habe und wo ich auch derzeit lebe, ist meine größte Inspirationsquelle. Ich möchte Dakar von einer anderen Seite zeigen und konzentriere mich auf Menschen und Orte, die von den typischen Klischees über die Stadt abweichen.“

Stolz, Würde, Lebensfreude und Selbstvertrauen

Der Bildband lässt sich als visuelle und thematische Fortsetzung des großartigen Buches „Sapeurs, Ladies and Gentlemen of the Congo“ (ebenfalls Kehrer Verlag, 2020) des britischen Fotografen Tariq Zaidi lesen. Die Sapeurs verwandeln die Straßen von Brazzaville und Kinshasa in einen Laufsteg. Sie tragen elegante Designeranzüge aus Europa, bunte Hüte und Accessoires, trotz der bescheidenen Alltagsbedingungen.

Für die Anhänger ist La Sape (französischer Slang für herausgeputzt) weit mehr als Mode, es steht für Stolz, Würde, Lebensfreude und Selbstvertrauen trotz Armut und widrigen Umständen. Für den kongolesischen Rumba-Musiker Papa Wemba war die Bewegung eine Lebensphilosophie. Die wichtigsten Gesetze der Sapologie sind die Regeln, dass die Garderobe niemals aus mehr als drei Farben bestehen darf und ein Sapeur immer gewaltfrei sein muss sowie Drogen ablehnt. Von ihm oder ihr werden außerdem gutes Benehmen und ein ausgeprägtes Bewusstsein für Sauberkeit und Körperpflege erwartet.

Der Heidelberger Verlag beweist mit beiden Publikationen sein feines Gespür für afrikanische Gegenwartskunst und Fotografie abseits bekannter Klischees wie des Opfer-Narrativs.

„Street Photography Africa“ von Nadine Barth und Azu Nwagbogu (Kehrer Verlag, Oktober 2026), 256 Seiten, 185 Abbildungen, 55,00 Euro. (Quelle: achgut.com, mit frdl. Genehmigung des Autors *Volker Seitz, Botschafter a.D. und Autor des Bestsellers „Afrika wird armregiert“)