
In Kamerun, das teilweise eine deutsche Kolonie war und 1960/61 politisch unabhängig wurde, wird Homosexualität seit der Kolonialzeit kriminalisiert und Homophobie machttaktisch verstärkt. Dieses Interview mit dem kamerunischen Filmemacher Appolain Siewe, der inzwischen in Berlin lebt, führte Rita Schäfer.
Was motivierte Sie, einen Dokumentarfilm über Homophobie in Kamerun zu drehen? Ich habe festgestellt, dass die Lebenssituation von LGBTIQ-Menschen in Kamerun sehr bedrohlich war, und wollte ergründen, warum sie umgebracht, abgewertet und verurteilt werden.
Was ist mit dem Filmtitel „Code der Angst“ gemeint? Der Begriff Homosexualität wird in Afrika sehr unterschiedlich wahrgenommen: Während in Südafrika die gleichgeschlechtliche Ehe erlaubt ist und die Verfassung Diskriminierung verbietet, ist die Homosexualität in mehreren afrikanischen Ländern strafbar. Das erzeugt Feindseligkeit, Gefahr und Angst. „Code der Angst“ bezieht sich darauf, was Menschen beängstigt. Zudem hat ein Club, in dem sich Homosexuelle treffen, keine Türsteher, aber einen Code. Denn es gibt Spione, zum Beispiel Polizisten, die mit falscher Identität Homosexuelle in Fallen locken. Wenn Du den Code nicht kennst, aber dennoch in den Club willst, bist Du verdächtig. Für meine Dreharbeiten hat man mir den Code gegeben. Der Filmtitel weist also auf die Gefahren für Homosexuelle hin und wie sie sich zu schützen versuchen.
Ihr Film basiert vor allem auf Interviews. Warum haben Sie dieses Format gewählt? Ich habe mich für das Format eines partizipativen Dokumentarfilms entschieden, weil ich nicht nur mit der Kamera beobachten wollte, sondern versuche, meine persönliche Perspektive zu zeigen und mit meinen Familienangehörigen darüber zu kommunizieren. Dabei stellte ich fest, wie sehr Homophobie in meiner eigenen Familie verankert ist. Im Herkunftsdorf meines Vaters wurde mir vorgeführt, dass meine Tradition Homosexualität verbietet. Ich muss zugestehen, das war für mich überraschend. Zwar haben weder mein Vater noch ich dort gelebt, aber er ging im Alter in dieses Dorf zurück. Er wurde Nachfolger seines Vaters und musste sich an die dortige Kultur anpassen. Mein Onkel wies mich vom Hof. Man darf Älteren nicht widersprechen, sonst bekommt man Probleme. Die Kraft der Tradition brachte mich dazu, mich meinem Onkel nicht zu widersetzen. Heute frage ich mich, ob das nötig war. Diese Szenen im Film zeigen meine Zweifel und die Abweisung durch meinen Onkel.
Sie würdigen die Arbeit couragierter homosexueller Menschenrechtsverteidiger. Insbesondere Lambert Marc Lamba geben Sie die Möglichkeit, über Verfolgung und Gewalt durch die Polizei zu sprechen. Warum war Ihnen das wichtig? Ich möchte erst einmal sagen: Möge die Seele von Lambert in Frieden ruhen. Ohne ihn hätte ich diesen Film nicht drehen können. Denn ursprünglich hatte ich einen Dokumentarfilm über den Mord an Eric Lembembe geplant. Er war ein bekannter homosexueller Journalist und wurde 2013 umgebracht; seine Mörder wurden nie gefunden. Seine Familie stimmte den Filmarbeiten zunächst zu, lehnte ihre Mitwirkung aber plötzlich ab. Anschließend bildete Lambert die Brücke zur homosexuellen Community. Er setzte sich entschlossen für ihre Rechte ein. Mit seinem Kampf war er ein Vorbild und machte anderen Mut. Sie sollten keine Angst haben. Doch er berichtete auch von Gewaltübergriffen. Lambert hat viele Homosexuelle vor der Polizei gewarnt und junge Menschen unterstützt, wenn sie von ihren eigenen Eltern vor die Tür gesetzt wurden, weil sie eine andere sexuelle Orientierung haben. Er wollte vor allem denen helfen, die selbstmordgefährdet waren. Das ist in der Community ein verbreitetes Problem. Dennoch erhielt Lambert kaum Unterstützung aus Europa oder von internationalen Organisationen. Leider ist er schon verstorben, das tut mir noch immer weh. Deshalb ist der Film eine Hommage an Lambert (Foto).
Auch die mutige Anwältin Alice Nkom kommt zu Wort. Was zeichnet ihre Arbeit aus? 2014 erhielt sie den Menschenrechtspreis von Amnesty International Deutschland, auch in Frankreich wurde sie für ihre Menschenrechtsarbeit ausgezeichnet. Wir schätzen und bewundern Alice Nkom, weil sie sich mit über achtzig Jahren weiterhin für benachteiligte Menschen in Kamerun einsetzt. Sie ist wie unsere Mutter, denn wir lernen viel von ihr. Und sie ist eine grande dame – eine große Dame. Sie war die erste Juristin, die in die Anwaltskammer Kameruns aufgenommen wurde und die erste Anwältin, die Homosexuelle vor Gericht verteidigt hat. Viele, die inhaftiert wurden, kamen mit ihrer Hilfe wieder frei. Sie half ihnen, in Deutschland, Frankreich, Belgien oder in den USA Asyl zu beantragen. Sie hat ihr Leben geopfert. Im Film erläutert sie die Gefahren für Homosexuelle und Anwältinnen oder Anwälte, die sich für sexuelle Minderheiten einsetzen. Denn wegen wiederholter Todesdrohungen brauchte sie Bodyguards, also Personenschutz. Aufgrund ihres hohen Alters haben die Bedrohungen etwas nachgelassen, aber es gibt sie immer noch.
Sie lassen auch kamerunische Intellektuelle zu Wort kommen. Der Theologe und Pastor Dr. Jean-Blaise Kenmogne analysiert Homophobie in Kamerun. Werden seine Forschungsergebnisse an Universitäten, in Kirchen und in der Öffentlichkeit akzeptiert und diskutiert? Wir nennen ihn Pasto. Das ist sein Spitzname. Denn es gibt in Kamerun keinen anderen Pastor, der für die Rechte von Homosexuellen aktiv ist oder war. Trotz Bedrohungen – auch von kirchlicher Seite – sagt er seine Meinung und vertritt seine Haltung. Er konnte es nicht mehr ertragen, wie Menschen nur aufgrund ihrer sexuellen Orientierung in Gefahr gebracht, abgelehnt und getötet werden. Er veröffentlichte ein Buch über Homosexualität, Kirche und Menschenrechte, darüber wurde in Kamerun viel diskutiert. Er will, dass Religionsvertreter ihre Einstellung zur Homosexualität ändern. Das ist ein Kampf.
Eine ganz andere Meinung zur Homosexualität vertritt Professor Claude Abé. Welche Bedeutung haben Kolonialherrschaft und Kolonialbeamte diesbezüglich aus seiner Sicht? Claude Abé gehört zum Kreis von Homophoben in Kamerun, die der Meinung sind, dass Kolonialbeamte und die Kolonialherrschaft zur Verbreitung von Homosexualität in der kamerunischen Gesellschaft beigetragen haben. Er will, dass Afrikaner ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen und sich für ihre afrikanische Kultur einsetzen müssen. Das heißt: Ablehnung von Homosexualität und Stärkung der polygamen Ehe, damit man zur Versorgung der Erwachsenen mehr Kinder zeugt. Claude Abé hat eine sehr spezielle Sicht, denn er zählt zu jüngeren Intellektuellen, die westliche Einmischung ablehnen und andere Vorstellungen von ursprünglicher Kultur haben als die Generation zuvor. Immerhin trafen sich kamerunische Intellektuelle, um über Homosexualität zu diskutieren. Dabei widersprach Professor Fabien Eboussi Boulaga als älterer und international renommierter Philosoph und Theologe Claude Abé.
In Ihrem Film interviewen Sie Professor Fabien Eboussi Boulaga. Was waren seine Argumente? Er war ein kamerunischer Intellektueller, der an vielen afrikanischen Universitäten unterrichtet hat und in Europa – auch in Deutschland – zu wissenschaftlichen Konferenzen eingeladen wurde. Er ist inzwischen verstorben, möge seine Seele in Frieden ruhen. Im Filminterview erklärte er, dass Homosexualität ein gesellschaftliches Phänomen ist. Für ihn war Homosexualität immer afrikanisch, sie gehörte untrennbar zur traditionellen Kultur und war in dieser verankert. Deshalb kritisierte er die Kriminalisierung. Und er wies darauf hin, dass Homosexualität in Kamerun inzwischen politisiert ist.
In nachkolonialer Zeit wird korrupten Politikern unterstellt, aus finsteren Motiven Homophobie zum eigenen Machterhalt zu nutzen. Wie schätzten Ihre Interviewpartner das ein? Vor Präsidentenwahlen wollen die Kandidaten Stimmen fangen, indem sie betonen, dass sie homophob sind. Zudem glaubt eine neue, anti-westliche Generation, dass Homosexualität ein westliches Produkt sei; wegen der kolonialen Erfahrungen lehnen sie solche Einmischungen ab. Russland und China gewinnen an Einfluss, doch in beiden Ländern werden sexuelle Minderheiten verfolgt. In vielen afrikanischen Staaten wird das Leben für Homosexuelle immer schwieriger. Sie brauchen mehr Unterstützung.
In Kamerun werden auch Ende 2025 junge Homosexuelle weiterhin von der Polizei verhaftet. Wenn Sie „Code der Angst“ in deutschen Kinos und auf hiesigen Filmfestivals zeigen, arbeiten Sie oft mit Queer Amnesty und Amnesty International zusammen. Was motiviert Sie dazu? Ich möchte die Probleme und das Leid von Homosexuellen veranschaulichen, um die Menschen hier zu bewegen, weil ich weiß, wie schwer es für die Community in Kamerun ist. Mein Film will dazu beitragen, sexuelle Minderheiten nicht zu vergessen. Deshalb zeige ich ihn in vielen europäischen Städten und hoffe auf Unterstützung durch das deutsche Publikum. Ich bin sehr dankbar, dass Queer Amnesty und Amnesty International sich für die Verbreitung meines Films einsetzen. Sie sind die denkbar besten Partner.
(Appolain Siewe im Interview mit Rita Schäfer: „Code der Angst“ – ein Dokumentarfilm über die Verfolgung von Homosexuellen in Kamerun, in: blog interdisziplinäre geschlechterforschung, 24.02.2026, www.gender-blog.de/beitrag/code-der-angst-kamerun/,
DOI: https://doi.org/10.17185/gender/20260224))