
Nach Angaben der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) sind seit Ende August 2026 mindestens 31 Menschen von den Militärbehörden im Osten Libyens hingerichtet worden. Es handele sich um die ersten bekannt gewordenen Hinrichtungen in Libyen seit 2010.
Im Osten des Landes ist es zu einer regelrechten Hinrichtungswelle gekommen. Verantwortlich dafür sollen die Libyschen Arabischen Streitkräfte unter General Khalifa Haftar sein. Mindestens 50 weiteren Gefangenen droht die unmittelbar bevorstehende Hinrichtung.
Menschenrechtsorganisationen verurteilen die Todesurteile, die nach geheimen Militärprozessen verhängt worden sein sollen. Geständnisse seien teilweise durch Folter erzwungen worden.
Die Hinrichtungswelle begann am 23. August, als der Militärstaatsanwalt der Libyschen Arabischen Streitkräfte offiziell die Erschießung von zehn Menschen bekannt gab. Danach gingen die Hinrichtungen weiter: Innerhalb eines Monats wurden mindestens 21 weitere Personen getötet. Diese Zahlen beruhen auf Schätzungen von Menschenrechtsorganisationen, die die Vorfälle untersucht haben.
Viele der Hingerichteten waren zwischen 2014 und 2018 in den Städten Derna und Bengasi festgenommen worden. Damals kämpften die Streitkräfte Haftars gegen rivalisierende bewaffnete Gruppen. In den folgenden drei Jahren verurteilten Militärgerichte im Osten Libyens Hunderte Zivilisten zu Haftstrafen oder zum Tode. Ihnen wurde vorgeworfen, Gegner der Streitkräfte Haftars zu sein.
Familien wurden nicht informiert
Die Prozesse fanden unter Ausschluss der Öffentlichkeit und ohne vorherige Ankündigung statt. Nach Angaben von Amnesty International konnten mehrere Angeklagte ihre Anwälte nicht selbst auswählen. Selbst wenn sie einen Rechtsbeistand hatten, wurde ihnen teilweise der Kontakt zu diesem verweigert.
Auch die Angehörigen wurden von den Behörden nicht im Voraus über die Hinrichtungen informiert. Dadurch hatten sie keine Möglichkeit, sich von ihren Familienmitgliedern zu verabschieden. Nach den Hinrichtungen wurden die Leichname nicht an die Familien übergeben, sondern ohne deren Beteiligung bestattet. Den Angehörigen blieb somit auch die Möglichkeit verwehrt, eine eigene Trauerfeier auszurichten.
Libyen bleibt politisch gespalten
Seit dem Sturz und Tod von Muammar al-Gaddafi im Jahr 2011 gelingt es Libyen nicht, dauerhaft politische Stabilität herzustellen. Derzeit konkurrieren zwei Regierungen um die Macht: die international anerkannte Regierung unter Ministerpräsident Abdulhamid Dbeibah in Tripolis und eine rivalisierende Regierung im Osten des Landes, die unter dem maßgeblichen Einfluss von General Khalifa Haftar und seinem Machtapparat steht.