Libyen: Völlige Unklarheit um den Tod von Saif al-Islam al-Gaddafi

Libyen: Völlige Unklarheit um den Tod von Saif al-Islam al-Gaddafi
Quelle: facebook

Eine umstrittene und lange Zeit unauffindbare Figur taucht heute durch eine ebenso brutale wie rätselhafte Meldung wieder auf: der mutmaßliche Tod von Saif al-Islam al-Gaddafi. Die Information, die aus inoffiziellen Quellen stammt, fällt in eine Phase anhaltender Fragmentierung Libyens, in der Nachrichten nur spärlich zirkulieren und zahlreiche Spekulationen nähren. Zwischen möglichen Abrechnungen, dem Schweigen der Behörden und sensiblen internationalen Dossiers wirft dieses Verschwinden erneut Fragen über Vergangenheit, Gegenwart und die politische Zukunft eines Landes auf, das noch immer nach Stabilität sucht.

Die Nachricht vom Tod Saif al-Islam al-Gaddafis, eines der Söhne des ehemaligen libyschen Machthabers Muammar al-Gaddafi, stürzt Libyen erneut in Unsicherheit und Unklarheit. Am Dienstag, dem 3. Februar, bestätigten mehrere übereinstimmende Quellen gegenüber RFI den Tod dieser Schlüsselfigur der Post-Gaddafi-Ära, ohne dass die libyschen Behörden eine offizielle und detaillierte Darstellung geliefert hätten. Die genauen Umstände seines Todes bleiben bislang von dichtem Geheimnis umgeben.

Eine Ankündigung ohne klare offizielle Version

Der Sender Libya al-Ahrar gehörte zu den ersten Medien, die die Information verbreiteten. Unter Berufung auf Angehörige von Saif al-Islam al-Gaddafi hieß es, sein Tod sei bestätigt worden, ohne jedoch die Ursachen zu nennen. Sein Berater Abdullah Othman Abdurrahim beschränkte sich auf eine auf Facebook veröffentlichte Mitteilung, in der er das Ableben seines Klienten erwähnte, ohne weitere Details preiszugeben. Hamid al-Gaddafi, ein Cousin Saif al-Islams, erklärte dem gleichen Sender, dieser sei „als Märtyrer gefallen“, räumte jedoch ein, selbst über keine weiteren Informationen zu verfügen.

Diese bruchstückhafte Kommunikation nährt die Spekulationen in einem Land, in dem das Fehlen einer starken Zentralgewalt jede Information schwer überprüfbar macht. Mehreren libyschen Medien zufolge soll Saif al-Islam al-Gaddafi südlich der Stadt Zintan im Westen des Landes getötet worden sein – in einer Region, in der er nach dem Sturz des Regimes im Jahr 2011 lange festgehalten worden war. Ebenfalls laut Libya al-Ahrar, unter Berufung auf seinen Berater, sollen vier bewaffnete Männer seine Residenz gestürmt haben, nachdem sie die Überwachungskameras außer Betrieb gesetzt hatten, und ihn anschließend hingerichtet haben.

Ein Erbe, lange als Reformer dargestellt

Eine unabhängige Bestätigung dieser Darstellung liegt bislang nicht vor. Sollte sie sich jedoch bewahrheiten, würde sie die anhaltenden gewaltsamen Abrechnungen in einem Libyen verdeutlichen, das weiterhin von politischen, tribalen und militärischen Rivalitäten zerrissen ist. Der 53-jährige Saif al-Islam al-Gaddafi galt lange als natürlicher Nachfolger seines Vaters und verkörperte eine modernistische und reformorientierte Fassade des Regimes. Im Westen ausgebildet, hatte er vor 2011 versucht, das Bild eines dialogbereiten und reformwilligen Führers zu vermitteln.

Dieses Image brach zu Beginn des libyschen Aufstands jäh zusammen, als er eine inzwischen berüchtigte Rede hielt, in der er den Demonstrierenden „Blutbäder“ androhte. Seitdem ist sein Name untrennbar mit den Gewalttaten verbunden, die die Niederschlagung des Volksaufstands begleiteten. Wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit vom Internationalen Strafgerichtshof gesucht, wurde Saif al-Islam 2011 im Süden Libyens festgenommen und anschließend mehrere Jahre lang in Zintan inhaftiert.

Das explosive Dossier der libyschen Finanzierung Sarkozys

2015 wurde er nach einem von internationalen Organisationen scharf kritisierten Prozess zum Tode verurteilt, bevor er von einer umstrittenen Amnestie profitierte. Seitdem war sein genauer Aufenthaltsort unbekannt. Seine Rückkehr auf die politische Bühne im November 2021, als er seine Kandidatur für die libysche Präsidentschaftswahl einreichte, überraschte die internationale Gemeinschaft. Die Wahl fand letztlich wegen tiefgreifender interner Spaltungen nie statt.

Erst vor gut einem Jahr hatte Saif al-Islam al-Gaddafi sein Schweigen gebrochen, um ein international brisantes Dossier wieder aufzugreifen: die mutmaßliche Finanzierung des Präsidentschaftswahlkampfs von Nicolas Sarkozy im Jahr 2007. In einer über einen Mittelsmann an RFI übermittelten Botschaft bekräftigte er, der frühere französische Präsident habe fünf Millionen US-Dollar vom libyschen Regime erhalten – in zwei Tranchen. Diese bereits früher erhobenen Vorwürfe wurden zu einem Zeitpunkt erneuert, als in Paris der Prozess gegen Nicolas Sarkozy und mehrere Mitangeklagte lief.

Ein Verschwinden, das neue Fragen aufwirft

Saif al-Islam erklärte zudem, er sei unter Druck gesetzt worden, seine Aussage zu ändern – ein Vorwurf, den die Anwälte des ehemaligen französischen Präsidenten stets entschieden zurückgewiesen haben. Die nun verkündete Todesnachricht wirft zahlreiche Fragen auf: Wer hatte ein Interesse an seiner Beseitigung? War er noch ein politischer Akteur, der Einfluss auf die Zukunft Libyens hätte nehmen können, oder ein unbequemer Zeuge in sensiblen, insbesondere internationalen Angelegenheiten?

Mangels offizieller Stellungnahmen der libyschen Behörden und einer bestätigten unabhängigen Untersuchung reiht sich der Tod Saif al-Islam al-Gaddafis in die lange Liste der Unklarheiten ein, die den libyschen Übergangsprozess begleiten. Mehr als ein Jahrzehnt nach dem Sturz Muammar al-Gaddafis bleibt Libyen ein Land, in dem die Wahrheit selbst über den Tod seiner umstrittensten Figuren nur schwer ans Licht kommt. (Quelle: afrik.com)