Tourismusboom in Äthiopien

Tourismusboom in Äthiopien

Lange Zeit auf die Bilder der Hungersnöte der 1980er-Jahre reduziert, ist Äthiopien dabei, seine touristische Geschichte neu zu schreiben. Das zweitbevölkerungsreichste Land Afrikas verfolgt ehrgeizige Ziele, um den Tourismussektor zu einer tragenden Säule seiner wirtschaftlichen Entwicklung zu machen.

Ein außergewöhnliches Erbe

Laut dem jüngsten Barometer von UN Tourism verzeichnete Äthiopien in den ersten neun Monaten des Jahres 2025 einen Anstieg der internationalen Ankünfte um 18 %. Damit zählt das Land – neben Brasilien, Japan und Ägypten – zu den dynamischsten Reisezielen weltweit. Die Besucherzahlen haben bereits das Vorkrisenniveau vor der Pandemie überschritten.

Nur wenige afrikanische Länder können mit dem kulturellen Reichtum Äthiopiens konkurrieren. Elf Stätten stehen auf der UNESCO-Welterbeliste: von den Felsenkirchen von Lalibela über die Stelen von Aksum bis hin zum Omo-Tal und dem Simien-Gebirge. Als Wiege der Menschheit, in der „Lucy“ entdeckt wurde, und als einziges afrikanisches Land, das niemals kolonisiert wurde, bietet Äthiopien eine außergewöhnliche historische und kulturelle Tiefe.

Seine Küche, die traditionellen Kaffeezeremonien sowie die spektakulären orthodoxen Religionsfeste ziehen ein internationales Publikum an, das nach Authentizität sucht – fernab vom standardisierten Badetourismus.

Ethiopian Airlines als Motor des Aufschwungs

Die Rolle der nationalen Fluggesellschaft ist dabei entscheidend. Ethiopian Airlines gilt als die leistungsstärkste Airline Afrikas, bedient über 130 Destinationen und hat Addis Abeba zu einem unverzichtbaren kontinentalen Drehkreuz gemacht. Jährlich passieren Millionen von Passagieren die äthiopische Hauptstadt, Sitz der Afrikanischen Union, die zudem einen stark wachsenden Geschäftstourismus anzieht.

Internationale Hotelketten haben sich dort angesiedelt und begleiten den rasanten Wandel der Stadt hin zu einer kosmopolitischen Metropole.

Deutlich formulierte staatliche Ambitionen

Der Tourismus gehört zu den prioritären Sektoren der Strategie zur wirtschaftlichen Diversifizierung des Landes. Ausbildungsprogramme im Hotel- und Gastgewerbe, die Erschließung von Nationalparks sowie die Förderung des Ökotourismus: Die Behörden vervielfachen ihre Initiativen, um einen wachsenden Anteil der touristischen Ströme nach Afrika auf sich zu ziehen.

Die Danakil-Depression, einer der extremsten Orte der Erde, die von Flamingos gesäumten Seen des Rift Valley oder die Felskirchen von Tigray ziehen Abenteurer und Fotografen aus aller Welt an. Äthiopien ist ein Land, das in den kommenden Jahren alle Formen des Tourismus bedienen kann.

Herausforderungen, die es zu bewältigen gilt

Dieses dynamische Wachstum darf jedoch nicht über die bestehenden Herausforderungen hinwegtäuschen. Der Konflikt in Tigray (2020–2022) hat den Norden des Landes schwer getroffen und einige touristische Juwelen unzugänglich gemacht. Trotz des im November 2022 unterzeichneten Friedensabkommens von Pretoria bleibt der Wiederaufbau eine langfristige Aufgabe. Anhaltende Sicherheitsprobleme in Amhara und Oromia belasten das internationale Image des Reiseziels. Auch das Risiko einer Wiederaufnahme des Konflikts mit Eritrea beeinträchtigt das Vertrauen der Reiseveranstalter.

Hinzu kommen ungleiche Straßeninfrastrukturen und eine außerhalb von Addis Abeba noch begrenzte Unterkunftskapazität, die die Entwicklung des Sektors bremsen – auch wenn die Einführung des E-Visums die Einreise ins Land erleichtert hat.

Dennoch verfügt Äthiopien über beträchtliche Stärken, um sich als eines der großen afrikanischen Reiseziele der Zukunft zu etablieren. Demografische Jugend, unternehmerische Dynamik und das wachsende Interesse der Reisenden an Reisezielen abseits ausgetretener Pfade: Die Grundlagen sind vorhanden. Entscheidend wird sein, touristische Ambitionen, politische Stabilität und den Schutz eines unschätzbaren Erbes miteinander in Einklang zu bringen. (Quelle: afrik.com)